Erfolg der Medizin

HIV-Infizierte führen heute ein normales Leben – doch die Therapie hat ihren Preis

Ein Mann macht einen HIV-Selbsttest.

Ein Mann macht einen HIV-Selbsttest.

Die Heilung eines HIV-Patienten ändert für die meisten Infizierten nichts. Dank Medikamenten leben sie schon lange ein normales Leben.

Wenige Tage nachdem der Film über die Band «Queen» mit vier Oscars prämiert wurde, erfährt die Welt, dass vermutlich ein HIV-Patient geheilt wurde. Für «Queen»-Sänger Freddie Mercury kommt beides viel zu spät, er ist am 24. November 1991 an Aids gestorben. Der Tod des Superstars hatte der Gefahr ein Gesicht gegeben. Die ganze Welt wusste: Aids ist tödlich und nicht heilbar. Nicht einmal für einen Superstar, der sich die teuersten Therapien und Kliniken leisten konnte.

Zwar gab es damals bereits ein Medikament. Es musste exakt alle vier Stunden eingenommen werden – auch nachts – und führte zu Nebenwirkungen wie Erbrechen und Schüttelfrost. Und im besten Fall zu einer Lebensverlängerung um ein paar Monate. Es blieb dabei: Wer sich mit dem HI-Virus angesteckt hatte, war todgeweiht.

1981 waren die ersten Fälle bei homosexuellen Männern in Kalifornien entdeckt worden, zwei Jahre später wurde der HI-Virus als Verursacher identifiziert. Rasch wurde Aids zum globalen Schreckgespenst. Und dies zu Recht, längst war es auf allen Kontinenten verbreitet. Zwar glaubten anfangs noch viele, nur gewisse Kreise seien gefährdet – Drogensüchtige, Homosexuelle, Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern. In den Augen vieler hing Aids mit Sünde zusammen und liess sich durch einen anständigen Lebenswandel vermeiden.

Ein Kondom im Fernsehen

Als sich der beliebte Moderator Charles Clerc 1987 in der Tagesschau ein Kondom über den Mittelfinger stülpte, sahen viele Schweizerinnen und Schweizer zum ersten Mal so ein Ding. Es war der Start der Stop-Aids-Kampagne des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Zwei Monate später liess sich Prinzessin Diana fotografieren, wie sie einem Aidskranken ohne Handschuhe die Hände schüttelte. Aus Mythen und Vorurteilen begannen sich Tatsachen abzuzeichnen: Aids-Kranke sind nicht gefährlich, Aids aber sehr – und der Schutz dagegen liegt in unseren Händen.

Bald wusste jedes Kind, was ein Pariser, ein Kondom, ein Präservativ ist, jenes rosa Ding, das im «Stop Aids»-Logo den Buchstaben O darstellte. Es wuchs eine Generation heran, die auf Vorsicht geprägt war, noch bevor sie sich ernsthaft für Sex zu interessieren begann. Und das zeigte Erfolg: Die Neuansteckungen in Nordamerika und Europa gingen massiv zurück, so auch in der Schweiz.

Seither überziehen BAG und Aids-Hilfe fast jedes Jahr das Land mit neuen fantasievollen Plakaten: «Ohne Dings kein Bums.». Ein Aubergine, die einem Penis ähnelt. Nackte Hockeyspieler mit dem Slogan: «Hier schützt man sich ja auch.» Die Botschaft hinter dem Humor in diesem ernsten Thema: Sex macht auch mit Kondom Spass.

Das rosa Kondom ist geblieben, aber etwas fehlt auf den neueren Plakaten: das Wort Aids. Mit den Fragen «Juckt’s?» und «Brennt’s?» zielte die Kampagne ab 2011 vielmehr auf andere sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis (siehe nachfolgende Box) ab. Diese waren zum grösseren Problem geworden.

HIV blieb zwar unheilbar, konnte aber inzwischen mit Medikamenten so stark unterdrückt werden, dass es nicht mehr ansteckend war: HIV-infizierte Personen können bei erfolgreicher Therapie ungeschützten Geschlechtsverkehr haben, ohne jemanden damit zu gefährden. Allerdings müssen sie die Medikamente ein Leben lang nehmen, denn diese zerstören das Virus nicht. Wird die Therapie abgesetzt, vermehrt es sich wieder ungebremst.

Diskriminierungen halten an

Deshalb bleibt das Geschäft mit den HIV-Therapien lukrativ, es geht um Milliarden. 1996 kam der Durchbruch in der Behandlung mit Medikamenten, die mehrere Wirkstoffe kombinierten. Bis heute entwickeln Pharma-Firmen laufend neue Medikamente, die für den Körper noch besser verträglich sind als die bisherigen.

Vieles sei jedoch schon erreicht, sagt Andreas Lehner, Geschäftsleiter der Aids-Hilfe Schweiz: «Mussten vor 30 Jahren täglich um die zwanzig Tabletten geschluckt werden, ist es heute nur noch eine.» Zudem müsse diese nicht mehr auf die Minute genau eingenommen werden. Einige schlucken die Pille lieber am Morgen zum Frühstück, andere bevor sie ins Bett gehen.

Treten Nebenwirkungen auf, reicht es oft, wenn die Ärztin oder der Arzt ein anderes HIV-Medikament verschreibt. «Heute beeinflussen die Nebenwirkungen den Alltag von HIV-Positiven nicht mehr», sagt Lehner. Auch die Lebenserwartung unterscheidet sich kaum mehr von jener der HIV-Negativen. In seltenen Fällen gibt es Langzeitfolgen wie Osteoporose oder Probleme mit der Niere.

Chronik der medizinischen Erfolge:

Die Therapie hat allerdings ihren Preis: Die gängigen Medikamente kosten etwa 1000 Franken pro Monat. Das ist einer der Gründe, weshalb in ärmeren Ländern viele Infizierte keinen Zugang dazu haben. Rund 37 Millionen leben laut UN Aids mit dem Virus, davon 15 Millionen ohne Therapie. Entsprechend breitet sich die Krankheit weiter aus, im Jahr 2017 gab es 1,8 Millionen Neuansteckungen.

In der Schweiz wurden im selben Jahr 445 neue Fälle gemeldet, eine deutliche Abnahme gegenüber dem Vorjahr. Doch in den Köpfen hält sich nicht nur die Angst vor der Infektion, sondern auch vor den Infizierten: Im vergangenen Jahr hat die Aids-Hilfe Schweiz insgesamt 122 Fälle von Diskriminierung gezählt. So viele wie noch nie, seit sie 2006 erhoben werden.

Darunter waren Menschen, denen die Aufnahme in Alters- und Pflegeheime verweigert wurde. «Das Unwissen über die Krankheit ist immer noch gross», sagt Lehner. Das zeige sich auch bei Versicherungen. «Wer sich selbst ständig machen will und HIV-positiv ist, kann bei den meisten Anbietern keine Taggeldversicherung abschliessen.» Deshalb gibt es auch im Jahr 2019, in dem der Film über Freddie Mercury Oscars abstaubt, noch einiges zu tun.

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