125 Jahre Frauengefängnis
In Hindelbank wurden Frauen bis 1981 ohne Gerichtsurteil weggesperrt – doch das ist nur ein Teil der Geschichte

In Hindelbank steht das einzige Frauengefängnis der Deutschschweiz. Gegründet als «Weiberarbeitsanstalt» sperrten die Behörden dort bis 1981 Frauen ohne Gerichtsurteil weg. Nun beleuchtet ein Buch die Vergangenheit und Gegenwart des Gefängnisses.

Annika Bangerter
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Ende der 1920er-Jahre waren bis zu 140 Frauen in Hindelbank untergebracht. Rund zwei Drittel von ihnen waren administrativ Versorgte und mussten Zwangsarbeit wie etwa in der Glätterei leisten.

Ende der 1920er-Jahre waren bis zu 140 Frauen in Hindelbank untergebracht. Rund zwei Drittel von ihnen waren administrativ Versorgte und mussten Zwangsarbeit wie etwa in der Glätterei leisten.

Zvg / JVA HIndelbank

Cristina träumt davon, ihrem Sohn Luca das Meer zu zeigen. Zwei Jahre alt ist er und wuchs bislang im Frauengefängnis Hindelbank auf. Dort trat Cristina ihre Haftstrafe an, als sie im vierten Monat schwanger war. Seit der Geburt von Luca lebt sie gemeinsam mit ihm in der Mutter-Kind-Wohngruppe. Tagsüber, wenn sie arbeiten muss, ist der Kleine in der Kita im Dorf.

Cristina weiss, weshalb sie im Gefängnis sitzt, und sie hat einen Gerichtsprozess hinter sich. Früher war das in Hindelbank nicht immer der Fall: Ursula Biondi wurde Mitte der 1960er-Jahre ins Frauengefängnis gebracht. Sie war damals 17 Jahre alt und hatte nichts verbrochen. Selber noch minderjährig, war sie im fünften Monat schwanger. Das reichte den Behörden, um «erzieherische Massnahmen» anzuordnen und sie «zum Schutz des ungeborenen Kindes» in eine geschlossene Erziehungsanstalt einzuweisen. Die Eltern stimmten zu. Erst anlässlich des ersten Besuches realisierte Biondis Mutter, dass ihre Tochter mit Schwerverbrecherinnen untergebracht war.

Was Ursula Biondi widerfuhr, war keine Ausnahme. Tausende Menschen sassen bis 1981 als administrativ Versorgte unschuldig im Gefängnis. Etwa weil ihre Lebensentwürfe gegen die damaligen bürgerlichen Moralvorstellungen verstiessen. Die Behörden warfen ihnen Arbeitsscheu, Müssiggang oder einen liederlichen Lebenswandel vor und verdonnerten sie zu Zwangsarbeit.

Ursprünglich als Besserungsanstalt gedacht, wurde Hindelbank bald zum Gefängnis

Dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte legt den Grundstein der Anstalt in Hindelbank. Vor 125 Jahren wurde dort die «Weiberarbeitsanstalt» in Betrieb genommen. Anlässlich des Jubiläums ist nun ein Buch erschienen, das die Vergangenheit und Gegenwart der Strafanstalt beleuchtet. Ursprünglich nicht als Gefängnis, sondern als Besserungsanstalt vorgesehen, sollten ab 1896 administrativ versorgte Frauen auf den angeblich rechten Pfad geführt werden.

Bereits 15 Jahre später rückten Handwerker an und vergitterten die Fenster. Fortan sassen auch Straftäterinnen in Hindelbank ein, wodurch der Ort zur grössten Massnahmenvollzugsanstalt für Frauen in der Schweiz wurde.

Die Straftäterinnen mussten blaue Anstaltskleider tragen, die administrativ Versorgten braune. Diese Regel bestand noch, als Ursula Biondi in den 1960er-Jahren nach Hindelbank kam. Die Insassinnen wurden in der Anstalt gleich behandelt, dennoch gab es über die Kleidung hinaus weitere Unterschiede: Die administrativ versorgten Frauen wussten nicht, wann sie entlassen wurden, und sie erhielten für ihre Arbeit keinen Lohn. Ihre Situation war somit deutlich schlechter als jene der Straftäterinnen: Sie waren der Behördenwillkür ausgeliefert.

Ursula Biondi wurde als junge Frau in Hindelbank administrativ versorgt.

Ursula Biondi wurde als junge Frau in Hindelbank administrativ versorgt.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Deren ganzes Ausmass erfuhr Ursula Biondi, als sie ihren Sohn im Berner Frauenspital zur Welt brachte. Gleich nach der Geburt wurde er ihr weggenommen; auf einem Zettel las sie die Notiz «Kind Mutter nicht zeigen wegen Adoption». Alleine kam sie nach Hindelbank zurück und begann, um ihr Kind zu kämpfen. Sie wehrte sich, schrie stundenlang und weigerte sich, die Einwilligungserklärung zur Adoption zu unterschreiben. Die Anstaltsleitung sperrte sie drei Tage lang in Dunkelarrest, doch auch diese brach ihren Willen nicht. Zum Glück. Dreieinhalb Monate nach der Geburt schloss sie ihren Sohn in die Arme; fünf Monate später verliess sie mit ihm Hindelbank.

Armenanstalt diente bereits dazu, Frauen wegzusperren

Die soeben erschienene Publikation macht aber auch deutlich: Bereits vor der Zwangsarbeitsanstalt war Hindelbank ein Ort, an dem Frauen unfreiwillig lebten. Und dies paradoxerweise in einem Schloss. In dem einst herrschaftlichen Wohnsitz eines reichen Patriziers richtete der Kanton Bern 1866 eine Armenanstalt für Frauen ein, bevor er sie in die besagte Zwangsarbeitsanstalt umwandelte.

Einst Wohnsitz von reichen Patriziern, dann Armenanstalt und nun Verwaltungsgebäude des Frauengefängnisses: das Schloss Hindelbank.

Einst Wohnsitz von reichen Patriziern, dann Armenanstalt und nun Verwaltungsgebäude des Frauengefängnisses: das Schloss Hindelbank.

Bild: Markus Beyeler

Ursprünglich war die Armenanstalt für gebrechliche, aber einigermassen gesunde Frauen vorgesehen. Die Realität sah anders aus: Es lebten in Hindelbank taubstumme, psychisch kranke oder bettlägerige Frauen neben Insassinnen, welche die Behörden aufgrund ihrer Lebensweise wegsperrten. Entsprechend hält die Publikation fest, dass die Anstaltsgeschichte von Hindelbank neu zu schreiben sei: «Auch die verpflegten Frauen von 1866 bis 1895 waren Insassinnen, im Grunde administrativ Versorgte vor der Einführung des Begriffs.» Es gäbe keine Hinweise, dass auch nur eine von ihnen freiwillig die Anstalt aufgesucht hätte.

Kritik an den behördlichen Zwangsmassnahmen gab es erst Jahrzehnte später. In den 1960er-Jahren wehrte sich der langjährige Gefängnisdirektor Fritz Meyer gegen die Einweisung von Jugendlichen als administrativ Versorgte. Statt sie in ein Gefängnis zu stecken, schwebte ihm eine Anstalt für Schwererziehbare vor. In sein Tagebuch notierte er:

«Man will uns wieder ganz junge Mädchen bringen. Wallis eine 17-jährige und sogar eine 15-jährige Tochter. Abgelehnt.»

Doch damit blitzte er immer wieder ab, weshalb er sich für eine Jugendabteilung starkmachte. Diese löste die Probleme jedoch nicht, es fehlte an qualifiziertem Personal. So ging die Abteilung bald wieder zu. Der dadurch gewonnene Platz war dringend nötig: Eine Terroristin sollte in Hindelbank ihre Strafe absitzen.

Ein Hochsicherheitstrakt für eine RAF-Terroristin

Als Mitglied der linksextremen Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF) verletzte die Deutsche Gabriele Kröcher bei einem Schusswechsel zwei Schweizer Grenzschützer schwer. Die Schweiz war auf eine solche Straftäterin jedoch nicht vorbereitet. In Hindelbank musste unter Zeitdruck ein Hochsicherheitstrakt gebaut werden. Als Kröcher 1980 dort mit einem grossen Polizeiaufgebot ankam, arbeiteten die Monteure noch. Es fehlte «an allen Ecken und Enden», notierte Gefängnisdirektor Meyer. Geheuer schien ihm das Ganze nicht zu sein. Als bei Kröchers Anwalt Waffen und Ausweise gefunden werden, kommentierte er dies mit «unheimlich».

In Hindelbank fanden fortan Hochsicherheitseinsätze statt. Etwa als Kröcher zum Zahnarzt musste. Vier Polizisten mit Maschinenpistolen und Hunden begleiteten sie. Der Aufwand zahlte sich aus. Flohen Insassinnen regelmässig aus anderen Abteilungen, sass die Terroristin ihre Haftstrafe bis 1987 ab. Seither hat sich der Strafvollzug massiv gewandelt. Wohngruppen entstanden, Sozialpäda­goginnen nahmen ihre Arbeit auf, Anlehren gehö­ren zum Bildungsangebot.

Die junge Mutter Cristina hat bereits eine Stelle als Pflegefachfrau. Die letzten Monate ihrer Strafe verbüsst sie nicht in Hindelbank. Sie wird per Fussfessel überwacht. Deshalb muss ihre Reise ans Meer mit Luca noch etwas warten.

Das Buch: «Hindelbank. Das Schloss. Die Anstalt. Das Dorf – 1721 bis heute.», 304 Seiten, Sinwel Verlag, 48 Fr.

Die Ausstellung: Vom 16. Oktober bis 27. November 2021 findet in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank eine Ausstellung statt. Weitere Informationen gibt es unter www.ausstellunghindelbank.ch

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