Reisen
Hier ist der König noch allgegenwärtig – auf den Spuren von Martin Luther King

Auf einer Reise durch die Südstaaten Alabama und Georgia erinnert viel an Martin Luther King. Dabei finden sich zahlreiche Spuren des Kampfes der Afroamerikaner um Gleichberechtigung.

Sascha Rettig
Drucken
Teilen
Auf den Spuren von Martin Luther Kind in Alabama und Georgia
6 Bilder
Eine Skulptur von Martin Luther King darf nicht fehlen.
Ein düsteres Kapitel in der Geschichte der USA: Der Ku-Klux-Klan.
Im National Center for Civil and Human Rights lassen sich die entscheidenden Etappen im Kampf für Gleichberechtigung mitverfolgen.
Michelle Browder nimmt die Besucher in ihrem farbenprächtigen Bus mit auf ihre «I am more»-Touren.
Shirley Cherry sitzt am Tisch in der Küche des Hauses, wo Martin Luther King und seine Familie in den 1950er-Jahren wohnten.

Auf den Spuren von Martin Luther Kind in Alabama und Georgia

Rettig

Shirley Cherry sitzt in der Küche genau an der Stelle, wo Martin Luther King sass, als es passiert sein soll. Gegen Mitternacht am 27. Januar 1956 klingelte dort im Dexter Parsonage, seinem Wohnhaus in der Jackson Street in Montgomery, das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ein anonymer Anrufer, der den Pfarrer der Baptistengemeinde rassistisch beschimpfte und ihm wegen seines Engagements für die Bürgerrechtsbewegung und dem damit zusammenhängenden Busboykott drohte: mit einem Bombenanschlag auf sein Haus.

Der nicht einmal 30-jährige King wollte am liebsten sofort die Stadt verlassen – nicht zuletzt, um seine Frau Coretta und seine kleine Tochter zu schützen. «Doch er betete für Mut, sagte Gott, er habe Angst, und dann sprach Gott zu ihm: ‹Du bist nicht allein›», erzählt die 72-jährige Cherry am Ende des Streifzugs durch Kings Leben und dessen damaliges Haus, das vor einigen Jahren mit viel Originalmobiliar zum Museum umgewandelt wurde. «Das war eine Offenbarung und der Augenblick, als er seine Angst verlor», sagt die pensionierte Lehrerin, die auf sehr eindringliche Weise diesen Schlüsselmoment für den charismatischen Friedensnobelpreisträger nachstellt.

Martin Luther King verlässt das Gericht am 25. Oktober 1960. Er wurde wenige Tage zuvor während eines Sitzstreiks verhaftet und zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nach drei Tagen wird er auf Intervention von Senator John F. Kennedy und gegen Kaution aus der Haft entlassen.
15 Bilder
Martin Luther King und der bekannte Schweizer Theologe Dr. Karl Barthan der Princeton University am 29. April 1962.
Karl Barth mit dem amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King, Mitte, in Princeton am 29. April 1962.
9. Mai 1963: Martin Luther King und Ralph Abernathy (rechts).
«I have a dream»: Martin Luther King bei seiner berühmten Rede am 28. August 1963.
Der «Marsch auf Washington» zur Durchsetzung der Bürgerrechte ist mit über 250'000 Teilnehmern die bis dahin größte Bürgerdemonstration der Geschichte. Kings «I Have A Dream»-Rede wird zum Höhepunkt der Veranstaltung
Martin Luther King: Friedensnobelpreisträger 1964 Für seinen stetigen Kampf für eine rechtliche Gleichstellung der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA ehrte ihn die Friedensnobelpreis-Jury.
Dr. Ralph Bunche (rechts) UN-Staatssekretär, und Dr. Martin Luther King beim Besuch des UN-Hauptquartiers in New York am 4. Dezember 1964.
21. März 1965: Unter dem Schutz von Bundestruppen beginnen King und über dreitausend andere Bürgerrechtler einen fünftägigen Protestmarsch von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt Alabamas, wo am 25. März eine große Kundgebung mit über 25'000 Teilnehmern stattfindet. Auf dem Rückweg nach Selma wird die weiße Bürgerrechtlerin Viola Liuzzo von weißen Rassisten erschossen.
30. April 1966: Martin Luther King spricht zu 3000 Personen in Birmingham.
29. März 1967: Muhammad Ali und Dr. Martin Luther King sprechen mit Reportern.
Martin Luther King
31. März 1968: Dr. Martin Luther King spricht von der Kanzel der National Cathedral in Washington.
3. April 1968: King steht auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis – einen Tag bevor er auf demselben Balkon erschossen wurde.
Lorraine-Motel in Memphis: Kings entsetzte Entourage rätselt, woher der Schuss gekommen sein soll.

Martin Luther King verlässt das Gericht am 25. Oktober 1960. Er wurde wenige Tage zuvor während eines Sitzstreiks verhaftet und zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nach drei Tagen wird er auf Intervention von Senator John F. Kennedy und gegen Kaution aus der Haft entlassen.

Keystone

Auf das Dexter Parsonage wurde wenige Tage nach dem Drohanruf tatsächlich ein Bombenanschlag verübt – King war allerdings nicht anwesend, und auch seine Familie blieb unverletzt. Am 4. April 1968 wurde er aber Opfer eines tödlichen Attentats. Auf dem Balkon des Lorraine Motel in Memphis wurde King erschossen.

In den Jahren dazwischen hatte er sich zur zentralen Figur der Bürgerrechtsbewegung entwickelt, die auch für Cherrys Leben eine entscheidende Inspiration war. «Niemand kann auf deinem Rücken reiten, wenn er nicht gebeugt ist», zitiert sie King – und genau das hatte sie sich selbst auch zu Herzen genommen und Karriere als Lehrerin gemacht. Ihre Mutter finanzierte ihr das College durch eine Arbeit in einer Reinigung. «Dort nahm sie auch Hemden von KKK-Mitgliedern an – daher sage ich gern: Der Ku-Klux-Klan hat dazu beigetragen, dass ich studieren konnte», erklärt sie und lächelt.

Auch über die Begegnung mit Cherry hinaus begegnet Martin Luther King immer wieder, wer auf den Spuren der US-Bürgerrechtsbewegung im tiefen Süden unterwegs ist. Um einen Überblick über die umwälzenden Geschehnisse in den 50er- und 60er-Jahren zu bekommen, gibt es einige Museen, die an die vielen friedlichen Kämpfe für Gleichberechtigung erinnern. In Atlanta, der Hauptstadt Georgias, wurde nur ein paar Schritte von Besuchermagneten wie der Coca-Cola-World oder dem Aquarium vor wenigen Jahren das «National Center for Civil and Human Rights» eröffnet. In der gut strukturierten Ausstellung wird illustriert, dass die Geschichte der Bewegung kleine Etappensiege über zwei Jahrzehnte sind. Auch wenn die Sklaverei mit dem Ende des Bürgerkrieges abgeschafft war, setzte sich die Unterdrückung fort: mit der Rassentrennung durch die Jim-Crow-Gesetze.

Kampf gegen die Segregation

Diese Gesetze, die Schwarze von Weissen trennen sollten, betrafen alle Bereiche des Lebens. Es war geregelt, wo Schwarze wohnen, wo sie arbeiten und zur Schule gehen mussten, wo sie in Restaurants, Kinos, Parks und im Bus zu sitzen hatten und ob und wie sie wählen durften. Erst durch einen langen, friedlichen Protest wurden diese Gesetze nach und nach abgeschafft: Die Rassentrennung an Schulen wurde 1954 im Urteil «Brown versus Board of Education» vom Obersten Gerichtshof für verfassungswidrig erklärt.

Gut zu wissen

Touren, Museen, Kirchen: Atlanta/Georgia: Center for Civil and Human Rights: www.civilandhumanrights.org.

Montgomery/Alabama: Dexter Avenue Baptist Church und Dexter Parsonage: www.dexterkingmemorial.org.

«More than»-Touren mit Michelle Browder: www.iammorethan7053.com.

Birmingham/Alabama: 16th St Baptist Church: 16thstreetbaptist.org.

Civil Rights Institute: bcri.org

Tour mit dem Civil-Rights-Experten Barry McNealy: mstrmac2000@yahoo.com.

Selma/Alabama: Selma Interpretive Center und Historic Trail, www.nps.gov/semo.

Weitere Informationen: www.alabama-usa.de, http://visitingmontgomery.com, www.georgiaonmymind.de

Der wochenlange Montgomery-Busboykott, der durch Rosa Parks’ Verhaftung ausgelöst wurde, sorgte für das Ende der Segregation in öffentlichen Bussen. Und durch das Urteil im Fall «Loving versus Virginia», der kürzlich mit dem Film «Loving» ins Kino gebracht wurde, legalisierte der Oberste Gerichtshof 1967 gemischte Ehen.

Das Museum in Atlanta ist dabei keineswegs eine nüchterne Aufarbeitung, sondern eine emotionale Zeitreise: Wenn man etwa das grosse Foto der kleinen Ruby Bridges sieht, der ersten Afroamerikanerin an einer weissen Schule, die vor dem Gebäude von US-Marshalls geschützt wird. Oder wenn King bei seiner «I Have a Dream»-Rede beim Marsch auf Washington auf Grossleinwand projiziert wird, was bei Besuchern für Tränen sorgt.

Nicht nur durch neuere Museen wie das in Atlanta ist die Geschichte der Afroamerikaner in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren sichtbarer geworden. Erst kürzlich wurden in mehr als einem Dutzend Bundesstaaten die wichtigen Orte und Brennpunkte der Bewegung in einem Civil-Rights-Trail zusammengefasst: Dazu gehören Kirchen, Gerichte, Schulen. Historische Erinnerungsorte, Denkmäler und Skulpturen der Widerständler.

Auch die Strecke der berühmten Freedom Walks, dreier grosser Protestmärsche auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung, ist als National Historic Trail markiert. Auf dem Highway 80 in Alabama kann man auf einer 54 Meilen langen Strecke ein Stück Geschichte abfahren, wo im Jahr 1965 Demonstranten, unter anderem angeführt von King, auf ihren Kampf für Wahlrechte der Schwarzen aufmerksam machten.

Startpunkt ist die beschauliche Kleinstadt Selma, wo ein kleines National-Park-Service-Museum die damaligen Ereignisse zusammenfasst und auch die Polizeigewalt thematisiert: In Sichtweite auf der «Edmund Pettus»-Brücke wurden die Protestierenden beim ersten Marsch von der Polizei niedergeknüppelt, was als «Bloody Sunday» in die Geschichte einging. Bis heute prangt in dicken, schwarzen Buchstaben der Name des ehemaligen Senators an der Brücke – der auch ein hochrangiges Ku-Klux-Klan-Mitglied war. Mittlerweile befindet sich für die aufmerksameren Besucher daneben eine Gedenktafel, die, wenn schon nicht auf den Namen, zumindest auf die blutigen Geschehnisse eingeht.

Erinnerung an Lynchopfer

Der letzte, fünftägige Marsch endete schliesslich mit 25 000 Demonstranten vor dem State Capitol Building in Montgomery – und führte zur Unterzeichnung des Voting Rights Act wenige Monate später. In der 200 000-Einwohner-Stadt in Alabama nimmt Michelle Browder Touristen in einem bunten Bus auf ihre «I am more»-Touren. Die Afroamerikanerin mit der markanten Brille, die sich auch um benachteiligte Jugendliche kümmert, gehört zu denen, die sich dafür einsetzen, gesellschaftliche Gräben und Vorurteile der schmerzvollen Geschichte zu überwinden. Sie nennt sich eine kreative Extremistin, eine Wahrheits- und Versöhnungskünstlerin.

Ihre Gäste bringt sie in Montgomery zu historischen Orten wie zu der Stelle, an der Rosa Parks einst in den Bus stieg und sich in einem so legendären wie symbolischen Akt weigerte, ihren Sitzplatz für einen weissen Fahrgast freizugeben. Bei der «Equal Justice Initiative» hingegen erfährt man von einem Projekt, für das Erde an Stellen gesammelt wird, wo früher Schwarze gelyncht wurden. Um an die Taten zu erinnern, wird diese Erde in Glasbehältern mit den Namen der Opfer ausgestellt – sie füllen dort bereits eine hohe Wand.

Es geht Browder auf der Tour aber nicht nur um Erinnerung. Sie zeigt auch, wie sich Schwarze und Weisse annähern – etwa im Barbier-«Chop Shop»: Ein schwarzer und ein weisser Friseur arbeiten dort in einem Salon zusammen. «Das Feedback war sehr gut, und trotzdem fühlen sich manche Gäste noch unwohl, dass Leute mit anderer Hautfarbe da sind», erzählen die beiden. Auch 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung ist solch ein Laden immer noch eine grosse Ausnahme.

Auch sonst bemerkt man auf einer Reise durch die Südstaaten rasch, wie segregiert die Gesellschaft weiterhin ist. Das gilt offenbar selbst für Kirchen: In der 16th Street Baptist Church in Birmingham, rund 100 Meilen weiter nördlich, sind am Sonntagmorgen nur Afroamerikaner beim überaus lebendigen Gottesdienst mit Band und Chor und einem Pastor, der sich zwischen den Gospelsongs über Trump und alltägliche Ungerechtigkeiten in Rage predigt.

Im September 1963 explodierte in dieser Kirche eine Bombe des KKK. 4 Mädchen kamen damals ums Leben; 22 Menschen wurden verletzt. Obwohl das FBI damals vier Ku-Klux-Klan-Mitglieder als Täter ausfindig machte, mussten sich die Männer lange nicht für den Anschlag verantworten.

Ihre Tat sorgte nicht nur in den USA für Aufmerksamkeit, sondern hatte darüber hinaus Einfluss darauf, dass 1964 das Antidiskriminierungsgesetz, der Civil Rights Act, verabschiedet wurde.

Köpfe noch nicht so weit

«Der Geburtsfehler dieses Landes ist, dass man von einer Überlegenheit einer Hautfarbe ausging und andere als minderwertig ansah. Das hängt nach wie vor in den Köpfen vieler Menschen – und das zu überwinden dauert Generationen», erklärt der Historiker Barry McNealy vom Civil Rights Institute in Birmingham, als er gegenüber der 16th Street Church steht.

Neben ihm erinnern Skulpturen an die beim Attentat getöteten Mädchen. In Sichtweite schaut ein Denkmal von Martin Luther King in ihre Richtung. Die Kirche bildet das Zentrum des Kelly Ingram Park, wo auf einem kreisförmig angelegten «Freedom Walk» einige Skulpturen als «Porträts von Terror und Leid» an die blutigen Ereignisse und Polizeigewalt und an die stillen Helden der Bewegung in Birmingham erinnern.

Selbst über 50 Jahre später hört man bei Gesprächen mit Afroamerikanern immer noch von Benachteiligungen, in der Bildung, im Beruf, im Justizsystem. Es geht immer wieder um Angst vor willkürlicher Polizeigewalt gegen Schwarze, vor Rassismus und Hassverbrechen.

Dass gerade seit der Trump-Wahl der Rassismus wieder offener sei, berichtet auch McNealy. Das hat ihm so manch schlaflose Nacht bereitet. «Doch wir sind weit gekommen», fügt er im Hinblick auf die Bürgerrechtsbewegung hinzu. «Es ist zwar noch lange nicht alles perfekt, aber es ist heute vieles besser, als es einmal war. Ich sehe, was wir erreicht haben.»

Die Reise wurde unterstützt von Alabama Tourism, Visiting Montgomery und Georgia Tourism.

Aktuelle Nachrichten