Von Sigmund Freud kennen wir drei Kränkungen der Menschheit: die kosmologische, dass die Erde und wir als ihre Bewohner aus dem Zentrum des Weltalls geworfen worden seien; die biologische, dass wir keine Sonderstellung in der Schöpfung beanspruchen dürfen, sondern die gleiche Herkunft wie alle anderen Tiere auch hätten; und die dritte nannte er die «psychologische», seine Psychoanalyse habe die Macht des Unbewussten enthüllt, nun sei nicht mehr sicher, wer beim Menschen eigentlich «Herr im Hause» sei.

Mit Verlaub, das waren alles Peanuts, was der gute Doktor Freud da 1917 aufzählte. Es kommt noch weit schlimmer oder – wenn wir das Ende der Story betrachten – vielleicht auch besser.
Zuerst ist es so, dass wir uns sogar ein Stück weit von uns selbst verabschieden müssen. Wir verstehen uns selbst und in gewisser Weise auch unsere tierischen und manchmal sogar die pflanzlichen Kollegen als autarke Einzelwesen, die zwar nicht ganz unangefochten, aber doch jeder für sich durchs Leben gehen und sich behaupten. Der Mensch wird geboren und stirbt irgendwann und dazwischen lebt er sein menschliches Leben. Natürlich kann da vieles passieren, Krankheiten und Seuchen können ihn befallen und ihn im dümmsten Fall ums Leben bringen.

Der Ausserirdische und das leere Stadion

Bernhard Kegel, der Biologe, der auch spannende Geschichten schreiben kann, hat sich die Szene der bisherigen Sicht der Biologie als «Geisterspiel» vorgestellt, das ein Ausserirdischer verfolgt. Er sieht ein leeres Stadion mit allem Drum und Dran, Reklame, Videowänden, Kickern, aufwendiger Beleuchtung und fragt sich: Wozu soll dies alles gut sein? Er fragt so, weil er die vielen Zuschauer zu Hause an ihren Geräten nicht sieht, die das Spiel verfolgen. Für sie wird der ganze Aufwand veranstaltet.

Die Aliens sind die Biologen. Sie haben das Spiel des Lebens verfolgt, haben versucht zu verstehen, nach welchen Regeln da gespielt wird, wer wen fressen darf und wer wen bestäubt und so weiter. In den letzten Jahren ist ihnen erst aufgegangen, dass hinter oder über der sichtbaren Welt Akteure mitspielen, deren Zahl die sichtbaren so weit übersteigt, dass klar wird, dass sie die eigentlichen Stars der Show sind.

Durch die Höllen der Erde gegangen

Mikroben, diese Winzlinge, sind überall und sie waren schon sehr lange da, bevor es tierisches Leben gab. Sie hatten schon Höllen auf dem Planeten überstanden und gemeistert und Dinge ausprobiert, von denen wir nicht einmal träumen können. Die Evolution von Pflanzen und Tieren kann man nicht mehr denken ohne sie. Denn jeder Schritt der Entwicklung betrat Gelände, wo sie schon lange waren und es besser konnten als die Neulinge. Komplexe Tiere konnten sich gar nicht anders entwickeln als mit ihnen. Sie waren manchmal Feinde, manchmal Partner und Helfer, aber immer unentbehrlich.

Bisher hat man die Mikroben vor allem als Feinde gesehen, die uns bedrohen. Sie infizieren uns, machen uns krank, vergiften uns und trachten uns nach dem Leben. Tapfere Forscher haben es geschafft, sie wenigstens einigermassen in die Schranken zu weisen. Helden wie Louis Pasteur, Paul Ehrlich oder Robert Koch, nicht zu vergessen Alexander Fleming mit dem Penicillin haben uns immer mehr Mittel in die Hand gegeben, wie wir uns vor der mikrobiellen Bedrohung etwas besser schützen können.

Scheu haben Biologen darauf hingewiesen, dass es auch nützliche Winzlinge geben würde. «Symbiose» nannte man das. Im Darm aller Tiere, besonders aber der Grasfresser, helfen sie beim Verdauen des pflanzlichen Futters. Gelobt wurden auch die Knöllchenbakterien, welche in den Wurzeln der Hülsenfrüchte Stickstoff in den Boden abgeben. Das ist nicht der Spezial-, sondern der Normalfall. Glücklicherweise. In Sachen Krankheit müssen wir umlernen. Nicht der Befall durch den Erreger macht uns krank, sondern der Umstand, dass er in uns die Oberhand gewinnt. Unzählige andere «Gäste» in uns haben das vorher verhindert.

Zu wenig Mikroben sind gefährlich

Warum breitet sich Fettleibigkeit aus? Es liegt am falschen Ernährungsverhalten, sagt man. Zu viel Zucker, Salz und Fett, Fertignahrung, Süssgetränke etc. Die Hypothese, dass das auch Veränderungen in unserem Mikrobiom auslöst und so die Sache immer mehr verschlimmert, hat viel für sich. Zu viel Zucker schafft ein Übergewicht der zuckergierigen Mikroben. Und die finden gar Mittel und Wege, mittels Hormonen den Hunger nach Süssem noch zu verstärken. Überhaupt, schreibt Kegel, findet gerade ein Gross-Experiment statt: Wir haben den Mikroben den Krieg erklärt und ballern wie wild herum mit unseren Antibiotika. Das erinnere ihn an einen König, der seine ganzen Untertanen umbringen lässt, weil ihm ein paar nach dem Leben trachten. Er wird sterben, weil niemand mehr da ist, der ihn ernährt. Nicht zu viel, zu wenig Mikroben sind gefährlich.

Der Krieg ist sowieso nicht zu gewinnen. Parasiten manipulieren ihre Wirte auf sehr raffinierte Art. Der kleine Leberegel legt seine Eier in Schnecken, den ersten Zwischenwirt. Sie wandern in die Atemhöhle der Schnecke und werden dort eingeschleimt und ausgeschieden. Frisst eine Ameise das Schleimbällchen, wandern die Larven in ihr Gehirn. Sie bringen die Ameise dazu, abends einen Grashalm zu erklimmen. In der Kühle der Nacht bekommt sie dort einen Beisskrampf und wird am anderen Morgen zur Futterbeilage eines grasenden Säugers. Und ist glücklich bei ihrem Hauptwirt gelandet.

Oh, richtig: Der Schluss: Wir sind sogenannte Holobionten, Superorganismen, die mit Milliarden von Symbionten zusammenleben. Schon immer. Deshalb ist Kooperation angesagt. Nicht gerade: Make love not war. Aber mindestens: War no more.