Ehe für alle
Heiraten Ja, aber was ist mit Kindern?

Politiker und Bevölkerung wollen, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten können. Doch toleriert unsere Gesellschaft auch, das diese Kinder adoptieren können? Noch nicht.

Alexandra Fitz
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Wir sind tolerant. Wir sind liberal. Wir sind offen. Zumindest lassen uns das die jüngsten Entwicklungen glauben. Da ist einerseits der parlamentarische Vorstoss der Grünliberalen «Ehe für alle», der letzte Woche in der vorberatenden Nationalratskommission angenommen wurde.

Andererseits die hohe Zustimmung der Homo-Ehe in der Bevölkerung. Wir sind dafür, dass homosexuelle Paare heiraten dürfen. Bei einer Umfrage im Auftrag der Schwulenorganisation Pink Cross sagten 71 Prozent der Befragten «Ja» oder «eher Ja» zur Frage, ob sie eine Öffnung der Ehe unterstützen würden.

Es tut sich gerade einiges auf dem Gleichstellungs-Parkett für gleichgeschlechtliche Paare: Die Stiefkindadoption war gerade in der Vernehmlassung, die CVP machte sich sehr unbeliebt, indem sie in ihrer Volksinitiative zur Abschaffung der Heiratsstrafe die Ehe als «Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau» definierte.

Inzwischen rudert die Partei zurück und will von der Initiative nichts mehr wissen. Vermutlich ist es die Summe dieser Entwicklungen, die die Gleichstellung von homosexuellen Paaren derzeit vorantreibt.

«Wir sind auf einem positiven Weg. Vor zehn Jahren war die Bevölkerung noch ängstlicher», sagt Barbara Lanthemann, Geschäftsführerin der LOS (Lesbenorganisation Schweiz).

Doch sie ist skeptisch und fragt sich: Sind die Leute, wenn es zur Abstimmung kommt, wirklich so tolerant, wie sie es bei den Umfragen angeben? Auch die noch stillen und zurückhaltenden Politiker machen sie stutzig.

Same same but different

Die wichtigsten Begriffe

- Leihmutterschaft Leihmutter ist eine Frau, die für die Dauer einer Schwangerschaft ihre Gebärmutter «verleiht», um anstelle einer anderen Person ein Kind zur Welt zu bringen. Leihmutterschaft ist in der Schweiz verboten, nicht aber in verschiedenen anderen Staaten.

- Regenbogenfamilie Der Begriff Regenbogenfamilie bezeichnet Familien, in denen sich mindestens ein Elternteil als lesbisch, schwul, bisexuell oder transsexuell versteht. Transsexuelle sind Menschen, deren mentale Geschlechtsidentität nicht mit ihrem anatomischen Geschlecht zusammenpasst. Fachpersonen schätzen, dass in der Schweiz bis zu 30 000 Kinder in Regenbogenfamilien aufwachsen.

- Stiefkindadoption Seit Jahren fordern schweizerische Homo-Organisationen, dass die rechtlichen Bestimmungen für Adoptionen aufgeweicht und Regenbogenfamilien besser geschützt werden. In Zukunft soll die Stiefkindadoption nicht nur Ehepaaren, sondern auch Paaren in einer eingetragenen Partnerschaft oder einer faktischen Lebensgemeinschaft offen stehen. Die Stiefkindadoption war gerade in der Vernehmlassung.

Aber ganz gleich soll die Ehe eben doch nicht sein. Wo bleibt die Gleichstellung, wenn es in der Initiative der Grünliberalen einen Passus gibt, worin es heisst, dass der Gesetzgeber nicht verpflichtet ist, homosexuellen Paaren die Adoption von Kindern zu ermöglichen?

Politiker und Bevölkerung wissen, dass das Recht auf Kinder die nächste Forderung sein wird. Wie wären die Ergebnisse, wenn die Frage lautete: «Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?»

Jeder weiss, die Mehrheitsverhältnisse sähen anders aus. Die Grünliberalen sind Vorreiter mit angezogenen Zügeln. Haben sie etwa Angst, dass sie sich, falls sie zu schnell in eine liberale Richtung reiten, samt Pferd in die Nesseln setzen?

Die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren gilt längst nicht mehr als so grosses Tabu wie früher, die Adoption hingegen schon. Lanthemann spricht von der Salami-Taktik, bei der man sich nur Schritt für Schritt voran wagt.

«Nicht vor zehn Jahren», lautet ihre Antwort auf die Frage nach dem Wann. Auch Aner Voloder, Jurist in der Fachstelle für Gleichstellung Zürich, weiss, dass das Thema Homosexuelle und Kinder eine Weile auf sich warten lässt.

Es gebe noch keine Mehrheit in der Bevölkerung. Aber es werde kommen. In den vergangenen Jahren sei viel erreicht worden. Voloder erinnert an die Zeitperiode vor 1971 als das Wahlrecht für Frauen noch nicht eingeführt war – in dieser Zeit sei lange nichts geschehen bezüglich Gleichstellung zwischen Mann und Frau.

«Kinder? Das geht zu weit»

Aber gerade jetzt stellt sich die Frage: Was nützt die Ehe den Homosexuellen, wenn ihnen das Recht auf Kinder, konkret das Recht auf Adoption, trotzdem verwehrt bleibt? Dann stehen sie genau am selben Punkt wie 2007.

Als sie bereits unter dem Deckmantel der Gleichstellung mit einem Spezialgesetz abgespeist wurden. Jetzt, acht Jahre später, sollen sie heiraten dürfen. «Aber Kinder? Das geht eindeutig zu weit», rufen Herr und Frau Schweizer aus.

Aber genau das sei ein wichtiges Anliegen von Regenbogenfamilien, sagt Yv E. Nay vom Zentrum für Gender Studies der Universität Basel. Nay forscht in einem Projekt des Schweizerischen Nationalfonds zu Regenbogenfamilien. «Die Schweizer Gesetzgebung hinkt derzeit der Realität hinterher. Sie vermag heutzutage die vielfältigen Familienformen, die es in der Schweiz gibt, nicht rechtlich zu regeln und deren Kinder abzusichern», sagt Nay.

«Regenbogenfamilien gibt es seit längerem und es werden immer mehr», sagt Nay. Für LGBT (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) werde es immer selbstverständlicher, eine Familie mit Kindern zu gründen.

Neuerdings fordern sie eine rechtliche Absicherung. Seit über 25 Jahren wird die Entwicklung von Kindern, die bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen, erforscht. Und obwohl man sich einig ist – Kinder aus Regenbogenfamilien entwickeln sich genauso gut wie Kinder aus klassischen Familien – scheinen diese Erkenntnisse in der öffentlichen Meinung keine Rolle zu spielen.

1. Schritt: Stiefkindadoption

Das Adoptionsgesetz für gleichgeschlechtliche Paare befindet sich in Revision. Es geht dabei um die Stiefkindadoption, die in anderen Ländern wie Deutschland, Österreich oder Spanien längst etabliert ist. Sie ist ein erster wichtiger Schritt. Voloder von der Fachstelle für Gleichstellung befürchtet aber, dass das Referendum ergriffen wird. Obwohl ihn die aktuellen Entwicklungen im Parlament und die Ergebnisse der Umfrage doch positiv stimmen.

Neben Adoption wird es künftig auch um das Thema Leihmutterschaft gehen. Derzeit weichen homosexuelle Paare ins Ausland aus. Ist eine Aufhebung des Verbots in der Schweiz ein richtiger Schritt? «Die Leihmutterschaft müsste genau reguliert sein. Frauen dürften nicht aus finanziellen Gründen handeln. Leihmutterschaft darf keine Geschäftemacherei sein», sagt Lanthemann.

Der Reproduktionsmediziner Peter Fehr hat im Monat mehrere Anfragen von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kinderwunsch. «Nur weil es verboten wird, heisst das nicht, dass es nicht gemacht wird. Es kann niemand kontrollieren», sagt Fehr.

Er weiss, auch wenn Leihmutterschaft in der Schweiz erlaubt wäre, es liessen sich kaum Frauen finden. Lesbische Paare hätten es vergleichsweise einfach – sie könnten auf eine Samenspende in der Schweiz zurückgreifen. Fehr ist dafür, dass lesbische- und Single-Frauen ein Anrecht auf Samenspende haben. Schwule Paare leitet er an ausländische Adressen und Agenturen für Leihmutterschaft weiter.

Es ist Realität, dass Paare für ihren Kinderwunsch ins Ausland gehen und dann in die Schweiz zurückkommen. «Wir können es nicht ändern, also sollte die Schweiz bei der Anerkennung ausländischer Entscheide und Urkunden liberaler sein», sagt Voloder. Es gehe um das Kindeswohl. Und was bedeutet das für das Kind, wenn die Schweiz die Herstellung des Kindesverhältnisses zum zweiten, nicht biologischen Elternteil verwehrt?

Die Soziologin Nay folgert aus ihrer Forschung, dass die Frage, wie Familie rechtlich gefasst wird, künftig noch virulenter wird: «Das derzeitige Schweizer Recht geht von einer Idealvorstellung von Familie aus: von einer Kleinfamilie, bestehend aus Mann und Frau mit Kindern.»

Doch diese Sichtweise entspreche nicht den gelebten Verhältnissen, weder bei Familien mit gleich- oder transgeschlechtlichen Eltern noch bei heterosexuellen Familien.

Die Politik muss sich mit diesen neuen Familienformen auseinandersetzen. Die «Schein-Gleichstellungs-Ehe» ist erst der Anfang. Es braucht Vorreiter. Aber solche, die sich für eine liberale Gesellschaft in die Nesseln setzen.

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