Im Sommer 2016 tauchten sie urplötzlich an scheinbar zufälligen Orten auf: Scharen von Menschen, die durch ihr Smartphone in eine digitale Parallelwelt blicken. Ihr Ziel: Möglichst viele der dort lebenden Monster, sogenannte Pokémons, zu fangen. Dass die Spieler dabei mitunter Lärm verursachten, Abfallberge hinterliessen, Privatgärten betraten oder gar Schäden an Privateigentum anrichteten, liess die Öffentlichkeit aufhorchen.

Das Spiel «Pokémon Go» war über Nacht zu einem Massenphänomen geworden. Die ersten Beschwerden liessen nicht lange auf sich warten. Ein US-Bürger setzte eine Sammelklage wegen Hausfriedensbruchs auf, viele weitere Kläger schlossen sich ihr an. Zwei Jahre später streben die Kläger nun ein Ende des Rechtsstreits mit den Pokémon-Go-Schöpfern, der kalifornischen Softwarefirma Niantic, an: Sie haben vergangene Woche einen Vorschlag beim zuständigen US-Gericht eingereicht.

Er sieht eine Reihe von Massnahmen vor. Das Studio soll künftig besser auf Beschwerden reagieren und digital definierte Versammlungsorte verlegen, wenn Privateigentümer reklamieren. Die Entwickler sollen mit Pärken zusammenarbeiten und auf Nachfrage deren Öffnungszeiten respektieren. Finden sich mehr als zehn Spieler an einem realen Ort zusammen, sollen sie vom Spiel aufgefordert werden, sich respektvoll zu verhalten und auf die Umgebung zu achten.

Neuartige juristische Fragen

Heisst der zuständige Richter den Vorschlag gut, dürfte der Gerichtsprozess ein Präzedenzfall werden, der Richtlinien für Entwickler ähnlicher Spiele definiert. Für die Schweiz sieht der auf Recht im digitalen Raum spezialisierte Anwalt Martin Steiger aber keinen Handlungsbedarf: Vor dem Gesetz spiele es keine Rolle, ob jemand wegen Pokémon Go oder aus anderen Gründen Hausfriedensbruch oder die Ruhestörung begehe. Bestehende rechtliche Mittel würden ausreichen.

Der Gerichtsfall wirft dennoch interessante Fragen auf, ohne sie zu beantworten: Zum Beispiel, welche Verantwortung ein Entwickler für digitale Objekte übernehmen muss, die er in der realen Welt verankert.

Das Interesse an Pokémon Go ist derweil nach wie vor gross. Das Spiel hat seit der Lancierung im Sommer 2016 geschätzt über zwei Milliarden US-Dollar umgesetzt und hat noch immer Millionen täglich aktiver Spieler. Zudem soll dieses Jahr das nächste grosse Spiel der Pokémon-Go-Schöpfer in einer digital erweiterten Realität erscheinen: ein Harry-Potter-Titel, der die Massenhysterie um digitale Wesen erneut anfachen dürfte.