Mittelmeer
Haifischbecken: Hier wurden im Mittelmeer Menschen angegriffen

Auf Mallorca sorgt ein harmloser Blauhai für Panik. Aber es ziehen auch gefährlichere Exemplare ihre Kreise. Knapp 50 Hai-Arten kommen im Mittelmeer vor. 15 von ihnen erreichen eine Grösse, die sie für Menschen zur potenziellen Gefahr macht.

Daniel Fuchs
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Hai-Attacken im Mittelmeer-Raum seit 1847
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Hai-Angriffe
Luciano Costanzo, Haiopfer (†1989 mit 47).

Hai-Attacken im Mittelmeer-Raum seit 1847

AZ

Es ist ein schöner Wintervormittag. Das Kalenderblatt zeigt den 2. Februar 1989, ein Donnerstag. Nördlich der toskanischen Hafenstadt Piombino, mit Sicht auf die Ferieninsel Elba, ist der 47-jährige Luciano Costanzo mit seinem Boot zum Speerfischen aufs Meer gefahren. Sein 19-jähriger Sohn Gianluca und ein Freund sind dabei, als Luciano zwei Kilometer vor der Küste in den malerischen Golfo di Barrati taucht.

Um 10.25 Uhr passiert es. Costanzo muss den Hai am Meeresgrund gesehen haben. Er gerät in Panik und versucht, so schnell er kann zurück aufs Boot zu kommen. Vom Deck aus beobachten seine Begleiter, wie der Hai Costanzo umkreist.

Gianluca lässt den Motor aufheulen, versucht noch, das Boot zwischen den Hai und seinen Vater zu bringen. Zu spät: Hilflos muss er mit ansehen, wie sich die Kiefer des Hais um die Hüfte seines Vaters schliessen, er wild durch die Luft gewirbelt wird und schliesslich in der Tiefe des Meeres verschwindet. «Ich habe meinen Vater zwischen den Zähnen des Hais gesehen», gibt der Sohn später gegenüber den Medien zu Protokoll.

Weisse Haie bei Elba

Costanzos Leiche wird nie gefunden. Doch Körperteile, Bissspuren der rasierklingenscharfen Zähne auf der geborgenen Taucherausrüstung sowie die Aussagen der beiden Zeugen über die Grösse des Raubfischs lassen keine Zweifel offen: Ein mindestens sechs Meter langer Weisser Hai, der grösste aller Raubfische, hat den 47-jährigen Taucher getötet. Die Schlagzeilen aus Italien schaffen es bis in die Londoner «Times».

Die Darstellungen des Vorfalls sind wenig umstritten und schaffen es in das Global Shark Attack File (GSAF), eine öffentlich zugängliche Datenbank von Forschern über Haiangriffe. Auch die Jahreszeit, in der es zum tödlichen Angriff auf Costanzo kam, spricht dafür. Weisse Haie bevorzugen kühlere Gewässer. Im Sommer ist ihnen das Mittelmeer zu warm. Im GSAF-Protokoll zum Unfall steht: Weisse Haie mit einer Grösse von über fünf Meter Länge würden immer wieder in der Gegend gesichtet, wenn auch nicht sehr häufig.

Knapp 50 Hai-Arten kommen im Mittelmeer vor. 15 von ihnen erreichen eine Grösse, die sie für Menschen zur potenziellen Gefahr macht. Trotzdem kommt es nur äusserst selten zu einem Unfall. Unter den grösseren Gattungen ist auch der Blauhai. Das verletzte Exemplar, das sich dieses Wochenende zu nah an die Badestrände Mallorcas verirrt und die Menschen in Panik versetzt hat, ist die Ausnahme. Eigentlich bevorzugen Blauhaie das offene Meer. Erschöpft strandete das Tier schliesslich ganz, sodass spanische Meeresbiologen keine andere Option mehr sahen, als es einzuschläfern.

In der Datenbank der Haiattacken taucht der Blauhai kaum auf. Die Forscher weisen aber auf Berichte über gekenterte Matrosen hin, die während der Seeschlachten im Zweiten Weltkrieg Opfer von Blauhaien geworden sein sollen.

Wir denken eher an Australien

Zwar lesen wir immer wieder von Angriffen durch Weisse Haie auf Wassersportler in Australien oder Südafrika. Zu den weltweit meisten Attacken kommt es aber in Florida, wo sich auf der Atlantikseite nicht nur der Weisse Hai wohlfühlt, sondern im Golf von Mexiko auch andere potenziell gefährliche Haifisch-Arten wie der Tigerhai oder der Bullenhai tummeln. Die Zusammenhänge sind simpel: Florida hat erstens sehr viele Strände an einer immens langen Küste, zweitens rege Touristenströme und drittens dank des tropischen Klimas eine ganzjährige Badesaison. Wenn viele Menschen sich dieselben Gewässer mit Haien teilen, steigt das Risiko eines Zusammentreffens. Derselbe Zusammenhang gilt für Europa, wo Griechenland und Italien mit ihren langen Küsten und unzähligen Stränden Spitzenreiter sind (Grafik oben) und Luciano Costanzo bei weitem nicht das einzige Hai-Opfer blieb.

Zwar macht das Mittelmeer nur gerade 0,7 Prozent der Fläche der Weltmeere aus, doch kein anderes Meer wurde in der Geschichte der Menschheit stärker frequentiert. So überrascht den britischen Haiforscher Ian K. Ferguson nicht, dass es im Mittelmeer zu Haiangriffen kommt, sondern vielmehr wie selten es passiert. Das Zusammentreffen zwischen Hai und Mensch im Mittelmeer sei unvermeidbar, schreibt er. Hinweise auf Angriffe gebe es bereits aus dem antiken Griechenland. Und seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zählt Ferguson mehr als 60 Angriffe.

Im selben Jahr, in dem es zum Angriff auf den Fischer Costanzo kam, griff in der Nordtoskana ein Drei-Meter-Hai Ezio Bocedi an, als dieser sich auf seinem Surfbrett ausruhte und sich gerade anschickte, ins Wasser zu urinieren. Später wurde vermutet, der Hai könnte durch den Urinduft angelockt worden sein. Bocedi wurde nur leicht verletzt – wie auch jener Spanier, der vier Jahre später an der Costa Blanca eine schmerzhafte Begegnung mit einem Raubfisch hatte, der ihn in einen Zeh biss.

Hai ist mehr von uns bedroht

Bleiben wir in unserem Nachbarland Italien: Die GSAF-Datenbank nennt einen ersten tödlichen Haiangriff auf einen Menschen im Jahr 1721. Mit dem Speerfischer Luciano Costanzo 1989 waren es bis heute gerade einmal zehn Menschen, die in Italien von einem Hai getötet worden sind. Dies bei insgesamt 71 Haiangriffen, die GSAF zählte.

Überbeissen wir also nicht: Das Risiko, Opfer eines Haiangriffs zu werden, ist extrem tief. Gemessen an der Wahrscheinlichkeit, auf dem Weg an den Strand in einen tödlichen Autounfall verwickelt zu werden, ist das gar nichts. Und angesichts der Entwicklung durch den industrialisierten Fischfang, der den Lebensraum für Haifische mehr und mehr einengt, muss eher von Glück denn von Pech sprechen, wer im Mittelmeer einen Haifisch sichtet.