Studie

Haben wir unser Glück selbst in der Hand – oder ist es eine Frage der Gene?

Wie glücklich oder traurig wir durchs Leben gehen, hängt vor allem vom Umfeld ab. Wie wir mit Herausforderungen umgehen, beispielsweise. Aber auch die Gene tragen ihren Teil dazu bei.

Wie glücklich oder traurig wir durchs Leben gehen, hängt vor allem vom Umfeld ab. Wie wir mit Herausforderungen umgehen, beispielsweise. Aber auch die Gene tragen ihren Teil dazu bei.

Depression und Glück haben laut Forschern den gleichen genetischen Ursprung. Doch was genau entscheidet über Freud oder Leid?

Unser Erbgut beeinflusst mit, wie glücklich oder traurig wir sind. Zumindest zu einem Teil: Ein Team von Wissenschaftern um Aysu Okbay von der Universität Rotterdam hat Daten von insgesamt fast 300'000 Personen ausgewertet.

Das Konsortium hat konkrete Genabschnitte gefunden, die Wohlbefinden, Depression und neurotisches Verhalten beeinflussen.

So identifizierten die Wissenschafter drei Gen-Varianten, die mit subjektivem Wohlbefinden in Zusammenhang stehen, elf Varianten für Neurotizismus und zwei für Depressionen.

Und: Sie entdeckten Genabschnitte, die sowohl bei Depressionen als auch bei einer positiven Lebenseinstellung vorhanden sind. Ob wir also depressiv werden oder glücklich, hat teilweise den gleichen genetischen Ursprung.

«Diese Forschungsergebnisse sind sehr wichtig», sagt Gregor Hasler, Professor für Psychiatrie an der Universität Bern. Man stecke weltweit in der Erforschung von Genen und ihrem Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen noch immer in den Kinderschuhen.

«Depression ist zu 40 Prozent genetisch veranlagt, man hat aber bisher keine exakte Vorstellung, welche Gene involviert sind und welche Mechanismen greifen», sagt Hasler. Es sei unglaublich schwierig, überhaupt Gene zu isolieren, von denen man sicher sein könne, dass sie einen zuverlässigen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben.

Verflucht und gesegnet zugleich

«Das Gen für Optimismus oder das eine für Depression, das gibt es nicht», sagt Andreas Papassotiropoulos von der Abteilung für Molekulare Neurowissenschaften der Universität Basel. Es gebe keinerlei Gene, die für eine psychische Funktion vordefiniert seien.

«Man kann aufgrund einer genetischen Analyse nie alles an einem Menschen kennen», sagt Papassotiropoulos. Auch zu sagen, er sei Pessimist oder Angstpatient, sei nicht möglich.

Die genetische Prädisposition, also die Veranlagung eines Menschen, legt aber eine gewisse Basis für seine Empfänglichkeit: Die Gene alleine verursachen keine Depression, sie machen Menschen aber anfälliger auf Umweltfaktoren. Das schreiben Wissenschafter der Universität Oxford und Chris Beevers von der Universität Texas in einer gestern erschienenen Studie in der Fachzeitschrift «Molecular Psychiatry».

«Einige Gene machen Menschen sensibler und empfänglicher für die Effekte ihrer Umwelt – im Positiven wie im Negativen», schreibt Fox. Hat man also eine gewisse Grundstruktur, die einen anfälliger für psychische Krankheiten macht, ist man gleichzeitig auch empfänglicher für Glück und Zufriedenheit.

Glücksforscher Stefan Gros erklärt: Was ist Glück?

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Je nachdem, ob man in einem positiven oder negativen Umfeld lebt. Sensible Menschen sind also verflucht und gesegnet zugleich: Sie sind schneller und einfacher depressiv, aber auch einfacher glücklich.

Für die Therapie von psychischen Erkrankungen folgert Hasler entsprechend, dass die Therapeuten sich stärker auf die individuellen Unterschiede ihrer Patienten fokussieren sollten.

«Man muss schauen, wie sensibel der Patient ist, und ihn unterschiedlich behandeln: Jemand, der stark auf sein Umfeld reagiert, ist stressanfälliger. Er braucht eine wohlwollende Umgebung, die wenig Stress verursacht. Eine wenig sensible Person braucht dafür mehr Anreize, sich zu sensibilisieren», so der Experte.

Auch ein Gespräch kann reichen

Die Genforschung wird im Alltag auch in Zukunft wenig helfen, um beispielsweise eine Depression vorauszusagen oder sie zu diagnostizieren. «Die Ergebnisse sind marginal, der Einfluss klein, der Aufwand gross», resümiert Papassotiropoulos.

Hingegen könne man in einem einfachen Gespräch bereits gut einordnen, ob jemand eine Persönlichkeitsstörung habe oder nicht. «Man muss nicht auf die Erforschung der Gene warten», sagt auch Hasler. Sie seien ohnehin keine Versicherung dafür, dass man psychisch stabil und optimistisch bleibe.

Doch wissenschaftlich sei die Erforschung der Gene sehr wichtig. «Genbefunde können uns ganz neue Hinweise auf die Entstehung psychischer Krankheiten und deren Behandlung geben», sagt Hasler.

Noch lieferten grosse wie kleine Studien widersprüchliche Ergebnisse. Doch macht die Forschung Fortschritte, ist denkbar, dass sie beispielsweise bei der Verschreibung von Psychopharmaka wertvolle Dienste leisten kann.

«Es ist schon ein grosser Fortschritt, dass wir Dinge, die wir immer schon vermutet haben – wie den Einfluss der Gene auf die psychische Disposition – nun tatsächlich messen können», sagt Papassotiropoulos. Das steigere das Verständnis, man könne molekulare Faktoren besser identifizieren und bessere Medikamente einsetzen.

«Im Moment gibt es noch die eine Depression, die grobe Einordnung verschiedener Erkrankungen. Doch jeder Mensch ist anders. In Zukunft ist denkbar, dass die Pharmakogenetik es schaffen kann, individuellere Medikamente auf den Markt zu bringen.»

Die molekulare Analyse oder eine Analyse der DNA könne irgendwann zum Standardprogramm im Therapiezimmer gehören. Bis die Forschung einen Schritt weiter ist, bleibt uns die Erkenntnis: Den grössten Anteil des Glücks haben wir noch immer selbst in der Hand.

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