Doping im Fussball
«Goldene Generation», die alles gewinnt? Dann frag nach dem Doc!

Doping im Fussball? Gibt es nicht, weil es das nicht geben darf – offiziell. Der Schluss «Wo keine Fälle, da kein Doping» ist aber grundfalsch. Ein neues Buch zeigt nun die vielen Auffälligkeiten im Fussball.

Christoph Bopp
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«Mysterium Arjen Robben»:

«Mysterium Arjen Robben»:

Keystone

Was sagt der gesunde Fussballerverstand? «Doping? Im Fussball? Gibt es nicht.»

Argumentiert wird dann so: Fussball ist nicht Ausdauer, ist nicht Kraft, ist nicht Jonglieren allein – nein, es ist immer alles. Fussball ist nicht einmal Sport, Fussball ist Kunst.

Oder prosaischer: Wer sich Muskeln «anfrisst», büsst an Schnelligkeit und Koordination ein, wer sich «munter» macht, bei dem leiden Koordination und Konzentration; und wer sich zum Dauerläufer puscht, weiss nicht mehr, was er taktisch eigentlich machen soll.

Dieses Mantra ist verbreitet, wird oft gesungen, und es gibt es, seit es – nein, nicht Fussball, aber mindestens, seit es den bezahlten Fussball gibt.

Und es ist grundfalsch.

Getestet wird schon ...

Wie bitte? hört man den Fussballkenner sagen. Natürlich wird hin und wieder einmal einer erwischt. Aber höchst selten. Das stimmt. Es werden wenig Dopingfälle bekannt im Fussball. Hin und wieder kommt es vor. Und es wird getestet, auch bei den Fussballern. Also: Wo keine Fälle, da kein Doping.

Und doch ist der Schluss falsch. Das liegt auch daran, dass man sich ein falsches Bild macht vom Dopen. Vor dem Spiel in der Kabine etwas einwerfen und dann los – das war mal. Heute wird unmittelbar vor dem Wettkampf nicht und vor dem Wettkampf kaum gedopt. Dafür vorher in den Trainings- und Aufbauphasen. Und was man nicht auf der Rechnung hat, ist die Regeneration und die Rehabilitation nach Verletzungen. Hier wird vor allem nachgeholfen. Noch schlimmer: Ohne Schmerzmittel können offenbar selbst Nachwuchsfussballer kaum mehr spielen.

... aber nicht sehr zielführend

Wie kann man als Fussballer dopen kann?

• Hormone: Bekannt ist, dass Lionel Messi mit dem Wachstumshormon HGH «behandelt» werden musste. Er wäre sonst zu klein geblieben, sagte man. Weniger bekannt ist, dass auch bei Pep Guardiola und Jordi Cruyff, dem Sohn des grossen Johan, ebenfalls beim FC Barcelona, beim Wachstum «nachgeholfen» werden musste. Guardiola flog 2001 in Italien auf: mit Nandrolon, ebenfalls ein Wachstumshormon. Ein mehr als dubioses Gerichtsverfahren sprach ihn frei. Das anabole Steroid ist kein ideales Dopingmittel, weil ziemlich lange nachweisbar. Im Fall 2001 vermutete man, dass die Stars mit Nandrolon verunreinigtes Testosteron erwischt hätten. Das beliebteste Dopingmittel – obwohl kaum bekannt – ist der Insulinfaktor IGF-1. Nicht nachweisbar, aber auch in geringen Dosen wirksam für Muskelaufbau und Blutbildung. Auch bei der Regulierung der Fettverbrennung ist IGF-1 beteiligt.

• EPO: Erythropoietin regt die Bildung von roten Blutkörperchen im Blut an, was eine höhere Sauerstoffaufnahme und damit eine höhere Leistungsfähigkeit bewirkt. Dazu wirkt es euphorisierend, auf EPO «fühlt man sich gut». Heute werden fast nur noch sogenannte «EPOMimetika» verwendet. Künstliches EPO kann nachgewiesen werden. Bei diesen Mitteln ist nur die Wirkung nachweisbar (erhöhter Hämatokritwert). EPO wird nur noch im Training genommen, vor dem Wettkampf wird mit sofort abbaubaren Minimaldosen nachgeholfen. Die Meinung, EPO gäbe es nur im Rad- und Ausdauersport, ist falsch. Viele sagen, «Tiki-Taka-Fussball» könne kaum wirkungsvoll inszeni-ert werden ohne Nachhilfe. Wer erinnert sich nicht an die südkoreanischen «Dauerläufer» an der WM 2002?

• Amphetamine: Die klassischen «Muntermacher» waren früher gang und gäbe – wahrscheinlich auch 1954 beim «Wunder von Bern» (Pervitin, «Panzerschokolade») –, spielen heute aber keine grosse Rolle mehr. (cbo)

Dass kaum einer erwischt wird, ist vorab dem überlegenen Wissen und der Praxis der Vereinsmedizinmänner zu verdanken. Aber auch der komischen Kontrollpraxis der Verbände. Flächendeckende und vor allem überraschende Kontrollen gibt es kaum und nach dem Spiel wird kaum je etwas gefunden. Dass man nicht unbedingt etwas finden will, bewies die Praxis an der letzten WM in Brasilien. Es gäbe vor Ort kein geeignetes Labor, befand die Fifa. Die Proben sollten daher nach Europa geflogen und dort getestet werden. Die Zeit (24 Stunden Transport plus mindestens 30 Stunden Test, bis man allenfalls erste Hinweise findet, dann testet man weiter) für die A-Probe zeigt, dass man nicht vorhat, sich den Spielplan durch Dopingsünder durcheinanderbringen zu lassen – die B-Probe steht ja noch aus.

Thomas Kistner hat eine immense Arbeit geleistet und die auffälligsten Fälle zusammengetragen. Darunter auch schockierende: die Häufung früher Todesfälle bei der Mannschaft der Fiorentina oder missgebildete Kinder von algerischen Fussballern. Allgemein gilt: Taucht irgendwo eine «goldene Generation» auf, die alles gewinnt, frag nach dem Doktor. Oder konkreter: Warum wurden beim Fuentes-Skandal in Spanien die Radfahrer geopfert und allfällige Fussballer geschont?

Thomas Kistner: Schuss. Die geheime Doping-Geschichte des Fussballs. Droemer München 2015. 399 S., Fr. 28.90.

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