Interview
Gold-Diebstähle: «Beim Stehlen gehts oft um emotionale Kompensation»

Der Goldbarren-Dieb klaue wegen psychischer Probleme. Das sagte seine Mutter. Der Präsident des psychiatrischen Berufsverbandes Aargau erklärt, warum das Bedürfnis zum Stehlen auftreten kann und wie man es in den Griff bekommt.

Lina Giusto
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Herr Pfeffer, was bedeutet Kleptomanie genau?

Martin Pfeffer: Kleptomanie bedeutet den zwanghaften Impuls zu haben, stehlen zu müssen, ohne sich wirklich wirtschaftlich bereichern zu wollen. Bei den mir bekannten Fällen liegen dafür unterschiedliche Dynamiken zu Grunde. Beim Stehlen geht es häufig darum über die Stränge zu schlagen, auszubrechen. Es kann auch eine Trotz-Reaktion auf gängige Konventionen sein. Es kann auch einfach der süchtige Kick sein, etwas Verbotenes zu tun. Geklaut wird meist als Ausgleich zur psychischen Krise bei fehlender Zuwendung oder emotionalem Verlust.

Wie kann sich dieses Bedürfnis äussern?

Ich kenne lediglich 8 bis 10 Fälle der Kleptomanie. Es gibt unterschiedliche Intensitäts-Stufen. Geklaut wird in Phasen. Den Betroffenen geht es schlecht und dann klauen sie. Es gibt auch manische Phasen. Dann wird immer häufiger und immer mehr geklaut. Das Stehlen wird zum Rausch. Die Diebstähle werden grösser und wertvoller. Ganz ähnlich verhält es sich beim Kaufrausch: Es geht einem nicht gut und dann kauft man Unmengen von Sachen, um sich abzulenken.

Es geht also um Kompensation?

Tatsächlich kann es beim Stehlen darum gehen emotionale Schwierigkeiten zu kompensieren. Man weicht oft unbewusst einem persönlichen Problem aus.

Zur Person Martin Pfeffer ist Präsident der Aargauischen Gesellschaft für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie. Der Berufsverband vereinigt die im Aargau praktizierenden Fachärztinnen und Fachärzte, welche sich mit dem Erkennen, Verstehen und Behandeln psychischer Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen befassen. Ihr gehören freipraktizierende Ärztinnen und Ärzte, aber auch Vertreter der institutionellen Psychiatrie an. Zudem betreibt Pfeffer die Gemeinschaftspraxis Mäderhof in Baden. 

Zur Person Martin Pfeffer ist Präsident der Aargauischen Gesellschaft für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie. Der Berufsverband vereinigt die im Aargau praktizierenden Fachärztinnen und Fachärzte, welche sich mit dem Erkennen, Verstehen und Behandeln psychischer Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen befassen. Ihr gehören freipraktizierende Ärztinnen und Ärzte, aber auch Vertreter der institutionellen Psychiatrie an. Zudem betreibt Pfeffer die Gemeinschaftspraxis Mäderhof in Baden. 

ZVG

Ist Kleptomanie eine Sucht?

Im klinischen Bild der Kleptomanie sind tatsächlich Teile von Sucht enthalten. Betroffene erzählen häufig, dass sie in solchen Momenten nicht sie selber sind. Der Impuls oder Zwang tritt auf und die Betroffenen fühlen sich wie fremdgesteuert. Sie können das Bedürfnis nicht steuern oder unterdrücken. Kurz nach dem Diebstahl ist die Anspannung entlastend weg aber sie bereuen dann auch schon, dass sie was mitgehen liessen. Der Dieb jubiliert danach nicht, sondern schämt sich sehr.

Was kompensieren Betroffene?

Auch hier kann ich lediglich hypothetisch antworten. Bei den mir bekannten Fällen ging es um Kompensation von zu wenig Zuwendung, Verlust oder Anerkennung. Daraus können sich solche Verhaltensweisen, wie das zwanghafte Stehlen, entwickeln.

Der Goldbarren-Dieb von Aarau hat offenbar nie Geldprobleme gehabt. Dennoch stahl er kurz zuvor bereits Goldmünzen. Warum Gold?

Ich kenne den jungen Mann und seine Geschichte nicht. Unter der Annahme, es habe mit Kleptomanie zu tun, kann ich lediglich eine Hypothese stellen: Er hat vielleicht mit dem wiederholten Golddiebstahl versucht, eine erlebte schwere Kränkung oder emotionalen Verlust auszugleichen.

Kann man Kleptomanie heilen?

Dies ist abhängig vom Betroffenen. Hat er eine hohe Reflektionsfähigkeit; das heisst, kann er differenziert solche persönlichen Situationen analysieren und anerkennen, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Zwang zum Stehlen mindestens deutlich schwächer wird, weil er zu verstehen beginnt, warum dieser Impuls auftritt. Mittels einer Verhaltenstherapie kann man die Wahrnehmung eines Stehl-Impulses lernen zu registrieren. Zudem kann man lernen, sich in Momenten, in denen der Impuls auftritt, gezielt davon abzulenken.

Wie lenkt man sich dann ab?

Man verlässt den Laden, bevor man zugreift. Oder beschäftigt sich mit einem persönlichen Gegenstand, den man bei sich trägt oder telefoniert mit dem Handy. Die Konzepte den Impuls zu überwinden, sind von Person zu Person unterschiedlich.

Lässt sich die Krankheit vollständig behandeln?

Es ist möglich, den Impuls so zu reduzieren, dass man ihn vollständig kontrollieren kann. Ob er vielleicht später wieder auftritt, kann man nicht absolut sagen. Manchmal kommt es zur Verschiebung in eine andere Problematik, wie beispielsweise der Spielsucht.

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