Familie
Glücklich scheiden – das muss kein Widerspruch sein

Familie «Dann trennen wir uns!» – Wenn der Satz mal ausgesprochen ist, ändert sich das Leben von Familienum 180 Grad. Ein Desaster muss es dennoch nicht sein. Zwei Getrennte berichten

Nicole Gutschalk
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Von nun an wird es kein scheinheiliges Wir mehr geben, nur noch ein ehrliches Ich. Patric Sandri

Von nun an wird es kein scheinheiliges Wir mehr geben, nur noch ein ehrliches Ich. Patric Sandri

Es ist ein Dienstag Ende November, als Diego (51) in seiner halb leer geräumten Wohnung sitzt. Der Fernseher läuft seit Stunden. D-Max heisst der Channel, «Top Gear» die Sendung. Drei wirre Typen fahren gerade in aufgemotzten 80er–Jahre-Schlitten um die Wette.

«Claudia mochte es nie, wenn ich so Männertrash-Zeug schaute.» Und das ist nicht das Einzige, was Claudia an ihm nicht mehr ertragen konnte. Sein Umgang mit Geld, ja, überhaupt sein Umgang mit allem, was in die Sparte Finanzen gehörte, liess sie nicht aufhören, an ihm rumzunörgeln: Zu wenig Einkommen, zu verschwenderisch und zu viele verschlampte Rechnungen. Und irgendwann waren es dann zu viele «Zus» für Claudia. Er hingegen hat an ihr bis heute nichts auszusetzen: Sie ist die beste Mutter, die er sich für seine beiden Kids, 13 und 11 Jahre alt, vorstellen kann.

Sie ist immer noch die Schönste von allen. Vor allem dann, wenn sie morgens verknuddelt aus dem Bett steigt. Sie ist organisiert, geradlinig und diszipliniert. Nicht so wie er, Diego. Dessen ist er sich vollkommen bewusst. Aber Trennung? Nein, das hätte er nie gewollt.

In der Schweiz trennen sich Paare nach durchschnittlich 14,6 Ehejahren. Im Appenzell Innerrhoden halten es Verheiratete am längsten miteinander aus, nämlich 19 Jahre, in Genf hingegen wird bereits nach 13,4 Jahren die Scheidung eingereicht.

Da sitzt Diego also nach 15 gemeinsamen Jahren mit Claudia. Allein ohne die Kinder. Kein «I got a hangover»-Geduddel aus dem Kinderzimmer. Hat er nicht noch vor zwei Wochen seinem Sohn Vincent (11) erklärt, was mit «Hangover» eigentlich gemeint sei? Oder ist das schon länger her. Diego kann sich nicht genau erinnern. Zu verschwommen die Tage, seit Claudia ihm unterbreitet hat, dass sie die Trennung möchte. Und auch schon eine Wohnung in Aussicht habe. «In der Gnossi zieht ein älteres Ehepaar ins Altersheim», hat sie gesagt. «Diese Gelegenheit dürfen wir uns nicht entgehen lassen – für 1100 Franken kriegst du im Quartier sonst keine Vierzimmerwohnung.» Schon klar.

85 Schritte zur neuen Wohnung

Andrea (39) legt die Zeichnung, die sie gestern Abend für Mia (7) unter Tränen angefertigt hat, auf den Küchentisch. 85 Fussabdrücke verlaufen vom unteren linken Bildrand bis oben rechts. 85 Schritte von der Familienwohnung bis zu Danis neuer Wohnung. Nicht viel. Aber eine Distanz.

Als vor vier Tagen Danis SMS kam, sass Andrea gerade mit einer Freundin beim Kaffee: «Habe Wohnung. Einzug in drei Wochen. Gruss Dani.» Andrea hat sofort einen Prosecco bestellt, so erleichtert war sie. Erleichtert darüber, endlich klare Verhältnisse schaffen zu können. Endlich klar sehen, sich nicht mehr im Kreis drehen.

Die ewige Leier wegen Danis unregelmässigen Arbeitszeiten würde ein Ende haben. Sie würde sich nicht mehr darüber aufregen müssen, mit den Kindern allein beim Abendbrot zu sitzen. Allein die Hausaufgaben zu kontrollieren, Mia allein zur Tanzstunde zu fahren. Von nun an würde es kein scheinheiliges Wir mehr geben, nur noch ein ehrliches Ich.

Andrea würde allein sein. Zum ersten Mal seit sie 16 ist. Das macht ihr natürlich auch Angst. Verdammt grosse Angst sogar. Doch als Andrea bei der letzten Paartherapiesitzung Dani gegenübersass, ihm in die Augen blickte und hätte sagen müssen, warum sie diesen Mann noch liebe, ist ihr einfach nichts in den Sinn gekommen. Nada. Da war nur Leere. «Die Therapeutin hat mich wahrscheinlich für die kälteste Person auf Erden gehalten», sagt Andrea. «Andere in dieser Situation hätten einfach was erfunden.»

Es gab 17 119 Scheidungen hierzulande im Jahr 2013. Davon waren 7650 Scheidungen mit unmündigen Kindern. Oder anders gesagt: Rund 17 000 Kinder erlebten in diesem Jahr die Scheidung ihrer Eltern.

Das kann nur das Ende bedeuten

Diego hatte sieben Monate nach der Trennung von Claudia zum ersten Mal Sex mit einer anderen Frau. Komische Sache. Zumal es ein Blind Date war, das über ein Singleportal zustande kam. «Spontan», «tolerant» und «humorvoll» hatte er in sein Singleprofil geschrieben. «Merkwürdig, sich mit Adjektiven verkaufen zu müssen – da geht der ganze Zauber verloren.» Man sitzt sich dann nach ein paar netten Mails gegenüber, mag sich vielleicht sogar und landet dann im Bett. Nix mehr für Diego.

Claudia ist immer noch die sexuell attraktivste Person, die er sich vorstellen kann. In diesem Punkt hatten sie sich immer blind verstanden. Als sie eines Tages aufgehört haben miteinander zu schlafen – rund ein Jahr vor der Trennung –, war für Diego klar: Das kann nur das Ende bedeuten. Zu jener Zeit stritten sie ständig. Und laut. Und vor den Kindern. Die mischten sich manchmal ein, weinten, schlossen sich im Zimmer ein, waren verunsichert.

Scheisse, das ist doch seine Familie, die da vor die Hunde geht. Er, der sonst niemanden mehr auf der Welt hat, keine Mutter, keinen Vater, keine Schwester. Alle tot. Für ihn bedeutet sie alles, seine Familie. Aber Claudia konnte nicht aufhören, immer wieder Diskussionen zu führen, oder, besser gesagt, Monologe zu halten. Deshalb zog er sich immer mehr zurück. Gab vor, mit Freunden verabredet zu sein, ging stattdessen ins Büro gamen. Bis morgens um zwei. «Second Life» wird fortan zu Diegos neuer Realität. Im Computerspiel baute er sich eine eigene Identität auf, als erfolgreicher chinesischer Bauherr. Ein Winner. Im wahren Leben fühlte er sich als hilfloser Versager.

Gemäss einer US-Studie von Hetherington & Stanley-Hagan müssen die Folgen einer Trennung für ein Kind nicht negativ sein. Gelingt es den Eltern, durch die Trennung das Konfliktpotenzial zu verringern, zeigen Kinder danach weniger Anpassungsprobleme.

Andrea mag ihre neugewonnene Freiheit. Meistens zumindest. Der Sonntag, an dem sie den Kindern in der Küche gesagt haben, dass sie und Dani sich trennen werden, dass der Papi aber nur 85 Schritte von ihrem gemeinsamen Zuhause weg wohnen werde, war zwar unendlich traurig, machte ihr aber auch Mut. Alle vier mussten sie weinen. Auch danach noch, als sie zu einem gemeinsamen Waldspaziergang aufgebrochen sind und sich an den Händen hielten. Da wurde ihr klar: Ich werde meine Familie nie verlieren. Auch Dani würde immer ein Teil von ihr bleiben. Vielleicht würde sie ihm eines Tages sogar sagen können, was sie an ihm immer so geliebt hat. Er hätte es verdient.

Inzwischen sind drei Jahre vergangen: Vermissen tut sie Dani vor allem an Festtagen, wenn er mit den Kindern zu seinen Eltern fährt. Oder wenn sie krank im Bett liegt. Wie vor ein paar Wochen mit einer Magen-Darm-Grippe. Niemand da, der Tee kocht oder sagt: «Hey, das wird schon wieder.» Niemand. Dafür stört sie aber auch niemand, wenn sie an einem kinderfreien Abend die Musik aufdreht und durch die Wohnung tanzt und sich darauf freut, wieder Mal an eine Party zu gehen.

Wer weiss, vielleicht wird sie heute ja einen Mann küssen, einfach so, weil sie gerade Lust darauf hat. Oder sie wird sich spät am Abend noch zu einem Blind Date verabreden, mit «Phil75» aus dem Chatroom. Offen lassen.

Laut Experten dauert es im Schnitt drei Jahre, bis ein unglücklicher Partner sich ein Herz fasst, sich zu trennen. Der konkrete Anlass mag dann individuell verschieden sein, doch meist steckt hinter der Trennung nur ein einziger Grund: ein Totalverlust an Nähe. Frauen spüren den eher als Männer – und ziehen häufiger die Konsequenzen daraus.

Die neue Frau in seinem Leben

Den Sommer über war Andrea sehr beschäftig. Tangokurs, Kurztrip mit einer Freundin nach Amsterdam, Aushilfsjob in der Quartierbar. Sie brauchte Ablenkung, wollte nicht daran denken müssen, dass Dani mit der Neuen und ihren Kindern in Frankreich am Strand sitzt. Mit Kati, der neuen Frau in Danis Leben, von der sie bislang nur ein fragmentartiges Bild hatte: Sie kann gut Spaghetti Carbonara kochen, trinkt keinen Wein und muss bei tragischen Filmen weinen. Auf solche Beschreibungen ihrer Kinder hatte sie bislang mit einem knappen «Aha» oder «So» reagiert. Doch als Dani ihr eröffnet hatte, dass Kati mit ihm und den Kids nach Frankreich fahren würde, da wusste sie, dass sie diese Frau nun kennen lernen musste. Schliesslich würde sie neben ihrer Tochter im Bett schlafen, wenn diese wie so oft von Albträumen geplagt ins Elternbett kriechen würde. Nur würde dann nicht Mama ihrer Tochter tröstend übers Haar streicheln, sondern Kati. Eine Vorstellung, die sich wie ein Speer in Andreas Herz bohrte.

Das Treffen mit der Neuen war dann aber heilsam. Natürlich hatte sie sich dafür herausgeputzt, ihre engen Jeans getragen, hatte sich in ihre unbequemen, aber sexy Boots gezwängt und Lippenstift benutzt. Sie haben gemeinsam Kaffee getrunken und sich über Danis Vorliebe für bunte Wollsocken lustig gemacht. Sie mochten sich und das ist ja nicht das Dümmste. «Wäre sie unsympathisch rübergekommen, hätte ich mit der ganzen Situation noch mehr Mühe gehabt.»

Heute zweifelt Andrea nicht mehr an ihrer Entscheidung. Nicht, wie vor einem Jahr noch, als sie von Zweifeln gepackt am liebsten alles rückgängig gemacht, Dani angerufen und gesagt hätte: «Hey, lass es uns noch mal probieren, ja?» Sie fühlt sich auch den Kindern gegenüber nicht mehr schuldig, wie ein paar Monate nach der Trennung, als ihr Sohn jeden Abend vor dem Einschlafen bitterlich geweint hat. Die Zeit hat Trost gebracht – für alle.

*Dieser Text erscheint in voller Länge in der aktuellen Ausgabe von «wir eltern».