Wer krank im Bett liegt und dringend ein Arztzeugnis und ein passendes Medikament braucht, der muss dafür nicht mehr in die Praxis gehen. Mit dem neuen Angebot des Start-ups DeinDoktor.ch können Patienten ihren Arzt per Webcam kontaktieren – im Anschluss hat der Mediziner die Möglichkeit, alle nötigen Dokumente online auszustellen. Damit kommt das Thema Telemedizin in der Schweiz einen Schritt voran.

Doch nicht alle Beteiligten halten dies für einen Fortschritt. Peter Tschudi leitet in Basel das erste Schweizerische Universitätsinstitut für Hausarztmedizin und unterrichtet dort angehende Ärzte. Seiner Meinung nach handelt es sich hierbei um eine problematische Entwicklung: «Ich predige meinen Studenten vom ersten Tag an, dass es für eine ordentliche Diagnose ein Gespräch und eine Untersuchung braucht.

Ersteres ist meinetwegen via Webcam noch möglich, Letzteres aber auf keinen Fall.» Um entscheiden zu können, wie gut oder schlecht es einem Menschen geht, sei der Eindruck entscheidend: «Wenn ich sehe, wie ein Patient im Wartezimmer aufsteht und sich ins Sprechzimmer bewegt, kann ich seinen Zustand innerhalb von Bruchteilen von Sekunden einschätzen. Per Webcam habe ich da keine Chance», so Tschudi. Er könne sich durchaus vorstellen, dass dies einen Anreiz biete, den Doktor auszutricksen und sich so ein Arztzeugnis zu erschleichen.

Service-Pauschale von Fr. 9.90

Der Krankenkassenverband Santésuisse steht dem neuen Angebot weniger kritisch gegenüber: «Sofern die Online-Sprechstunde ordnungsgemäss von einem professionellen Mediziner durchgeführt wird, halten wir das Missbrauchsrisiko nicht für höher als in einer ‹physischen› Sprechstunde. Auch da kann man gewisse Symptome simulieren, wenn man denn betrügen will», erklärt Pressesprecher Christophe Kaempf.

Wer das Angebot nutzen will, zahlt eine Service-Pauschale von Fr. 9.90 plus den Preis für die telemedizinische Sprechstunde, welcher sich aus dem Schweizer Tarifsystem Tarmed errechnet. Der zuletzt genannte Betrag wird von den Krankenkassen übernommen. «Voraussetzung ist, dass der konsultierte Arzt eine Genehmigung hat, um in der Schweiz zu praktizieren», sagt Kaempf. 

Welchen Effekt dieses System auf die Kosten haben werde, könne Santésuisse nur schwer einschätzen: «Möglicherweise erfüllen die Online-Sprechstunden eine Art ‹Sortierfunktion› und verhindern, dass Patienten direkt zum Spezialisten gehen – was immer teurer ist als ein Besuch beim Hausarzt.» Urs Stoffel, Mitglied des Zentralvorstandes der FMH – Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte – und Verantwortlicher des Departements eHealth, hat in Bezug auf die Kosten eine ganz andere Vision: «Ich sehe hier kein ‹Entweder oder›-, sondern meistens ein ‹Sowohl als auch›-System.

Sprich: Morgens lassen sich die Patienten via Webcam beraten und am Nachmittag gehen sie dann sicherheitshalber doch noch in eine physische Sprechstunde. Dadurch werden die Gesundheitskosten sicher nicht gesenkt werden.»

Zweifel hegt Stoffel auch aus einem anderen Grund: «Die Idee ist ja nicht neu. In einigen Schweizer Apotheken kann man bereits seit knapp zwei Jahren im Hinterzimmer mit einem Arzt via Webcam in Kontakt treten. Und dieses Projekt hat die Erwartungen bis jetzt in keiner Art und Weise erfüllt.» Das Einrichten des Services habe die Apotheken viel Geld gekostet – aber bisher nicht gebracht, was man sich erhofft habe.

Erste Tests fallen positiv aus

Der Freiburger Gregoire Schrago hat zusammen mit den Gründern des Portals DeinDoktor.ch seinen Executive MBA gemacht. Er ist einer der ersten Ärzte, die auf der Seite Online-Sprechstunden anbieten: «Ich habe mich entschieden, dieses Konzept auszuprobieren, da es meiner Meinung nach zumindest teilweise die Zukunft der Medizin widerspiegelt. Und auch wir müssen mit der Zeit gehen.»

Schrago zieht ein erstes positives Fazit. Vor allem im Vergleich zu Telefonsprechstunden – die es ja schon länger gibt – biete die Webcam einige Vorteile: «Wir können Patienten Übungen zeigen, die sie dann nachmachen müssen. Im Bereich der Traumata und der Behandlung von orthopädischen Fällen klappt das ziemlich gut.» Die Online-Sprechstunde biete eine gute Möglichkeit der Vorauswahl: «So kann verhindert werden, dass die Notaufnahmen verstopft werden mit Fällen, die man auch viel einfacher hätte lösen können.»

Das Scheitern des Apotheken-Projektes sieht Schrago nicht als Problem: «Früher oder später wird sich ein solches Modell durchsetzen, auch wenn erste Versuche bisher erfolglos geblieben sind. In Zeiten, in denen die Menschen immer mehr unter Zeitdruck stehen, wird es solche Angebote brauchen, damit man effizienter sein kann und weniger Zeit verliert.» Der Vorteil der Zeitersparnis aufseiten der Patienten ist einfach zu begreifen.

Doch profitieren auch die Ärzte von dem Angebot? Philipp Marsanic, CEO der DeinWeb AG, erklärt: «Durch diesen Service können beispielsweise Ärztinnen mit Kindern am Abend und am Wochenende eine Sprechstunde anbieten. Und auch junge Ärzte, welche noch nicht in eine eigene Praxis investieren können, haben so die Möglichkeit, zu praktizieren.»

Peter Tschudi hält das für keine gute Idee: «Entweder ich habe eine Arztpraxis und arbeite sauber und anständig, oder ich lasse es ganz. Mit der einen Hand ein Baby wickeln und mit der anderen via Webcam ein bisschen ‹rumdökterle› – das geht gar nicht.» Urs Stoffel von der FMH sieht das ähnlich: «Ärzte, die diesen Service anbieten wollen, sollten selbst eine Praxis haben. Ansonsten müssen sie die Patienten im Zweifel doch ins Spital schicken – und das macht die Sache dann wieder deutlich teurer.»

Mehr als ein Gespräch

Dennoch kann Stoffel dem Angebot auch etwas Positives abgewinnen: «Wenn Hausärzte diesen Service den eigenen Patienten anbieten, deren Krankengeschichte sie bereits kennen, dann kann das durchaus Sinn machen und seine Vorteile haben.» Wenn man beispielsweise besprechen wolle, ob eine Behandlung angeschlagen habe und wie es jetzt weitergehen solle – dafür bräuchte ein Patient nicht zwingend in die Praxis zu kommen. Bei «fremden» Patienten Ferndiagnosen zu stellen, sei da schon weitaus schwieriger. «Die Möglichkeiten sind da schlicht sehr limitiert. Die Blasenentzündung wäre jetzt so ein Klassiker, den man auf diesem Weg vielleicht diagnostizieren und abschliessend behandeln könnte. Bei den meisten Krankheitsbildern braucht es aber mehr als nur ein Gespräch», so Stoffel.

Dass es bei den Online-Sprechstunden zu vielen Fehldiagnosen kommt, damit rechnet Stoffel jedoch nicht: «Die Telemedizin ist ja nicht ganz neu. Und bisher ist mir kein einziger Fall bekannt, in dem es dabei zu einem schwerwiegenden Fehler gekommen ist. Die Ärzte halten sich dabei an bewährte Fragenkonzepte und entscheiden im Zweifel sehr zurückhaltend. Sie gehen also kaum Risiken ein.» Sprich: Wer nicht ganz sicher ist, bittet den Patient lieber einmal zu viel in die «echte» Praxis.

Stoffel sieht in dem Modell von DeinDoktor.ch vor allem eine Marketingstrategie, die Ärzte nutzen können, um sich mit einem zusätzlichen Angebot von der Konkurrenz abzuheben. Eignen würde sich der Service jedoch nur für ein eingeschränktes Publikum und ein eingeschränktes Angebot.

NEU: watson Content Box (JSON Feed)