«Forbes» führt Arianna Huffington auf Platz 52 der einflussreichsten Frauen der Welt. Ein bisschen Vorsicht ist also geboten, als die Präsidentin und Chefredaktorin der Huffington Post Media Group in Begleitung von drei ihrer Top-Redaktoren zum Interview in einem Nobelhotel in Los Angeles erscheint. Der Händedruck ist bestimmt, das Lächeln freundlich, der Blickkontakt stets da – so wie es sich für jemanden, der die Kunst der Kommunikation gemeistert hat, gehört. Die 64-Jährige lebt jetzt in New York, aber sie trägt den Glamour der Westküste nach wie vor wie eine zweite Haut, und bei der ersten Gelegenheit legt sie charmant den Köder aus: Man soll doch für die «Huffington Post» einen Blog übers persönliche Wohlbefinden und die eigenen Anti-Stress-Massnahmen schreiben. Das passt natürlich thematisch zu «Thrive», dem 14. und im September auch auf Deutsch erhältlichen Buch der Profi-Vernetzerin. 

Arianna Huffington, Sie prägen als Präsidentin und Chefredaktorin der Huffington Post Media Group den Ton in den Medien mit. Dieser wird derzeit vor allem im Zusammenhang mit dem Gazakonflikt als einseitig kritisiert. Zu Unrecht?

Arianna Huffington: Da im israelisch-palästinensischen Konflikt so viele Zivilisten sterben, sind emotionale Reaktionen verständlich. Journalisten sind keine Roboter. Wenn man mittendrin steckt und sieht, was passiert, lässt einen das nicht kalt. Objektivität und das Reportieren der Fakten sind natürlich Voraussetzung, aber das bedeutet nicht, dass man kein Einfühlungsvermögen für die Leidenden entwickelt. Ich halte das sogar für sehr wichtig. Nur wer mitfühlen kann, führt als Mensch auch ein erfülltes Leben.

Sie glauben, unsere Gesellschaft leidet an mangelndem Mitleid?
Ich glaube, dass unsere Existenz narzisstisch ist und wir uns in zwei Einheiten messen: Geld und Macht. Für mich gehört zu einem erfolgreichen, erfüllten Leben eine dritte Währung dazu: eine vertiefte Beziehung zu sich selber und zum Mitmenschen. Diese basiert wiederum auf dem eigenen Wohlbefinden, dem Zugang zu unserer inneren Weisheit, dem Staunen über das Leben und dem Zurückgeben an die Welt. Ich glaube, dass sich mehr und mehr Menschen dessen bewusst sind und wir uns in einer Übergangsphase befinden. Erfolg als Geld und Macht zu definieren, ist nachhaltig untragbar – Stichwort: Burnout, die Krankheit unserer Zivilisation, wie der belgische Philosoph Pascal Chabot es nennt. Wenn Sie in New York auf Google die Worte «warum bin ich…» eingeben, ist der erste Google-Vorschlag zur Vervollständigung des Satzes: «Warum bin ich so müde? Das wollen die meisten Leute wissen. Und der zweite Vorschlag ist: «Warum bin ich immer müde?» 

Sie sind vor sieben Jahren über Ihrem Computer eingeschlafen und haben sich dabei den Kopf aufgeschlagen. War das der Wendepunkt in Ihrem Leben?
Ja, ich habe gemerkt, dass wir im kollektiven Irrtum leben, dass wir nur etwas erreichen können, wenn wir non-stop erreichbar sind und an unseren elektronischen Geräten hängen. Dabei tötet gerade das die Kreativität. Seit ich besser Sorge zu mir trage, bin ich kreativer und produktiver.

Wie realistisch ist es aber im Alltag, sich besser Sorge zu tragen?
Es mag ja nach einem weiteren New-Age-Mode-Trend klingen, aber schauen wir doch die wissenschaftlichen Daten an: In meinem Buch «Thrive» habe ich 55 Seiten Fussnoten zu entsprechenden wissenschaftlichen Arbeiten. Ein Wandel in der Wirtschaft ist denn auch spürbar: 35 Prozent der amerikanischen Firmen haben in irgendeiner Form eine Praktik zur Stress-Reduktion eingeführt. Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte, als sie noch Arbeitsministerin war, eine Studie über die Folgen von Burnouts auf das deutsche Bruttosozialprodukt in Auftrag gegeben. Das finanziell messbare Resultat: Milliarden gehen verloren. So ermunterte sie deutsche Firmen, dagegen etwas zu unternehmen. VW gibt dem Mittel-Management zum Beispiel Smartphones, die um 18 Uhr automatisch ausschalten und erst um 7 Uhr wieder funktionstüchtig sind.

Und bei der «Huffington Post»? Gibt es da keinen Stress?
Wenn unsere Mitarbeiter nicht bei der Arbeit sind, wird nicht erwartet, dass sie per E-Mail erreichbar sind. Wenn etwas Wichtiges ist, rufen wir an, aber das passiert selten. Natürlich sind wir ein 24/7-Betrieb, aber das heisst nicht, dass die gleichen Leute 24/7 erreichbar sein müssen. Denn wir bezahlen unsere Mitarbeiter für ihre Ideen und ihre Urteilsfähigkeit, nicht für ihre Ausdauer. Wir haben in den Büros in New York und Washington Zimmer für den Mittagsschlaf, wir bieten Yoga und Meditations-Klassen an. Wir offerieren drei Wochen bezahlten Urlaub, und wir stellen unsere Angestellten drei Tage bezahlt frei, damit sie sich irgendwo als Freiwillige engagieren können. Wie erwähnt: Zurückgeben ist erfüllend.

Wie schalten Sie persönlich ab?
Ich meditiere jeden Tag. Das mag jetzt paradox klingen, aber es gibt ganz gute Apps, die einem den Einstieg ins Meditieren erleichtern. Zudem habe ich von vier bis fünf Stunden Schlaf auf sieben bis acht aufgestockt. Schlaf wirkt auf Gesundheit, Kreativität und auf die mentale Klarheit wie eine Wunderdroge. Präsident Bill Clinton wird zitiert, dass er die grössten Fehler gemacht habe, als er müde war. Das ist für mich durchaus nachvollziehbar.

Apropos Clinton: Welche Prognosen machen Sie für die Präsidentschaftswahlen 2016?
Wer Ihnen heute etwas über die Wahlen 2016 erzählt, hat keine Ahnung von Politik! Sie ist zu unvorhersehbar. 2008 waren alle Voraussagen falsch – auf beiden Seiten: Die Republikaner dachten, Rudy Giuliani wäre ihr Kandidat, und bei den Demokraten war es «garantiert» Hillary Clinton. Von Obama hatte zu diesem Zeitpunkt kaum jemand etwas gehört. Sorgen macht mir momentan mehr, wie die Distrikte neu eingeteilt werden und deshalb bei den Parlamentswahlen kaum Sitze neu verteilt werden, was den ganzen Prozess sehr undemokratisch macht.

Sie sind Obama-Supporterin, aber auch er bekommt Kritik von Ihnen. Zum Beispiel für den Wahl-Spot, in dem er sich für die Ermordung Osama Bin Ladens auf die Schulter klopft. Gab es je jemanden in der Politik, der Sie nicht enttäuschte?
Ja, das gibt es. In jüngster Zeit fällt mir da Elizabeth Warren ein, die Senatorin aus Massachusetts. Sie beeindruckt mich sehr. Sie bringt die Wahrheit in eine Machtposition, ist bodenständig und engagiert sich leidenschaftlich gegen den Zerfall der Mittelklasse. Wir haben allerdings momentan ein unglaubliches Führungsvakuum. Man braucht nur die Immigrationsdebatte zu verfolgen. Es ist höchste Zeit, dass wir unseren politischen Prozess mal unter die Lupe nehmen. Unsere besten und gescheitesten Leute wollen gar nicht mehr in die Politik.

Sie haben die «Huffington Post» vor drei Jahren an AOL verkauft. Wie unabhängig kann die «Huffington» Post innerhalb eines solchen Grosskonzerns sein?
Ganz und gar unabhängig. Unsere Berichte gehen über links oder rechts hinaus. Was die Welt ja wirklich beschäftigt, kann man heute gar nicht mehr in links oder rechts aufteilen. 

Die «Huffington Post» hat den Medien-Markt aufgerüttelt und wird auch kritisiert, da viele Inhalte gar nicht bezahlt werden. Wie können Sie das vertreten?
Man muss unterscheiden: Die «Huffington Post» ist ein journalistisches Unternehmen mit über 800 Angestellten, darunter Journalisten, Reporter, Redaktoren, Techniker. Aber es ist auch eine Plattform, die Zehntausenden eine Stimme gibt. Wir bezahlen unsere Angestellten. Andere Schreiber und Blogger stellen uns Texte, die sie für ihre eigenen Blogs und Facebook-Seiten schreiben, zur Verfügung, weil sie dafür eine grössere Reichweite suchen. Die «Huffington Post» hat nämlich 95 Millionen Unique Visitors in der Welt. Bis Ende Jahr werden wir auch eine Ausgabe in Indien, im Nahen Osten und in Griechenland lancieren.

Seit letzten Herbst gibt es in Partnerschaft mit Burda auch eine deutsche Ausgabe. Was ist Ihnen am Leseverhalten Ihres deutschsprachigen Publikums aufgefallen?
Ich finde eines sehr interessant an der deutschen Ausgabe: Unsere Artikel über Lebensfragen und Selbstverwirklichung bekommen vier- bis fünfmal mehr Traffic als unsere politischen Beiträge. Die Menschen im deutschen Sprachraum scheinen sich also sehr für diese Themen zu interessieren, sowohl als Leser, aber auch als Kommentatoren.

Sie haben erwähnt, dass Sie nach Griechenland expandieren. Wie nehmen Sie die Situation in Ihrem Geburtsland wahr?
Mich schmerzt es sehr, zu sehen, was in Griechenland passiert. Die Jungen zahlen für die Fehler ihrer Väter mit hoher Arbeitslosigkeit und sind gezwungen, das Land zu verlassen. Aber wir Griechen sind findige Leute. Eines unserer Ziele mit der «Huffington Post Griechenland» ist, Licht auf grossartige Ideen und unternehmerische Projekte, die nun lanciert werden, zu werfen.

Sie sind nun 64, eigentlich im Pensionsalter. Wenn Sie nochmals anfangen könnten, was würden Sie anders machen?
Ich würde mir weniger Sorgen machen. Besonders wir Frauen verbringen ja sehr viel Zeit mit Negativ-Fantasien und einer nervigen Stimme im Kopf. Dabei hat es der Philosoph Montaigne schön gesagt: «Mein Leben war voller schrecklicher Tragödien, von denen die meisten nie eingetroffen sind.» Deshalb versuche ich es jetzt mit dem Poeten Rumi zu halten, der empfiehlt, das Leben so zu führen, als sei es zu den eigenen Gunsten manipuliert worden.