Ernährung

Wer noch alles isst, ist von gestern – Allergiker-Nahrung im Höhenflug

Immer mehr gesunde Menschen setzen auf Allergiker-Nahrung – und gefährden so ihre Gesundheit. Neben der Laktoseunverträglichkeit ist die Gluten-Allergie hoch im Kurs. Jedoch: An einer solchen leiden gerade einmal ein Prozent der Bevölkerung.

Glutenfreies Bier, glutenfreie Guetzli, laktosefreie Bratensaucen, laktosefreies Joghurt – die Sortimentsliste der Spezialprodukte der Detaillisten ist lang. Mit über 80 Produkten der Eigenmarke «Free From» ist Coop nach Eigenangaben führend im Verkauf von Produkten für Menschen, die an einer Lebensmittelunverträglichkeit oder -allergie leiden. «Die Nachfrage nach hypoallergenen Produkten steigt kontinuierlich», sagt Sprecher Ramón Gander.

Ein breites Angebot an laktosefreien und glutenfreien Artikeln bietet auch Konkurrentin Migros. «Die Anzahl der Betroffenen nimmt zu, und unser Aha!-Sortiment erfreut sich einer stark wachsenden Nachfrage», sagt Mediensprecherin Christine Gaillet. Das Sortiment werde daher weiter ausgebaut.

Eine aktuelle Studie der Marketingfirma Nielsen bestätigt den Siegeszug der Spezialnahrung. Die Menge konsumierter laktosefreier Milch etwa ist von 2,2 Prozent (2011) auf 11 Prozent (2013) gestiegen. Der Anteil von laktosefreiem Joghurt ist von 0,7 Prozent auf 27 Prozent im Jahr 2013 gewachsen. Spitzenreiter ist der laktosefreie Quark: ein Wachstum von 0,6 Prozent auf 58 Prozent binnen zweier Jahre.

So entsteht ein wachsender Markt an Spezialnahrungsmitteln für Erkrankte, aber hauptsächlich für viele Unsichere. Denn längst bedient sich auch ein beträchtlicher Teil an Nicht-Erkrankten davon. Die «sensiblen Esser» haben sich in der Gesellschaft durchgesetzt. Erwachsene tragen ihre kulinarischen Empfindlichkeiten vor sich her, als Ausweis von Individualität.

Lädt man heute Gäste zum Essen ein, ist es ratsam, im Vorfeld ausreichend Informationen über ihr Essverhalten einzuholen. Mit «Vegetarier oder nicht» ist es längst nicht mehr getan. Denn immer mehr Menschen klagen über alle möglichen Allergien.

Ein Riesengeschäft

Die Detailhändler haben aufgerüstet – für einen Markt, den es so in diesem Ausmass gar nicht gibt. Denn: Lediglich bei einem Prozent der Gesamtbevölkerung ist eine echte Zöliakie vorhanden. Bei der Zöliakie handelt es sich um eine Unverträglichkeit von Gluten – einem Protein, das in Weizen, Roggen, Dinkel und Gerste vorkommt. Bei den Betroffenen führt dies zu einer chronischen Entzündung des Dünndarmes.

Etliche Praxen und Kliniken beschäftigen sich mittlerweile mit dem Trend. «Nahrungsmittelintoleranz ist in meiner Sprechstunde ein grosses Thema», sagt Daniel Pohl von der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie an der Universität Zürich. «Viele Patienten meiden fälschlicherweise ganze Nahrungsmittelgruppen in der Angst, dadurch Symptome zu bekommen, was zu einer einseitigen, ungesunden und die Lebensqualität allgemein senkenden Ernährung führen kann.»

Die glutenfreie Ernährung, in den USA bekannt als «non-celiac gluten sensitivity», sei ein Riesentrend, der auch die Schweiz erfasst habe. Pohl: «In den USA werden für geschätzte fünf Milliarden Dollar glutenfreie Produkte im Jahr verkauft, da viele Menschen glauben, an einer Glutenunverträglichkeit zu leiden.» Dies sei allerdings selten tatsächlich der Fall, zudem sei die Diagnose nicht unumstritten.

«Nichtsdestotrotz werben inzwischen viele Firmen und Restaurants mit ‹glutenfrei› als gleichbedeutend für ‹gesund› oder ‹verträglich›, was keine wissenschaftliche Berechtigung für Patienten, ausser solchen mit nachgewiesener Zöliakie, hat», sagt Pohl. Es bestehe kein klarer wissenschaftlicher Trend zur Zunahme von Intoleranzen, diese seien vielmehr aufgrund designter Nahrungsmittel und neuer Ernährungskonzepte in das Bewusstsein der Menschen gerückt und medial verstärkt präsent. Pohls Fazit: «Es ist wohl auch gesellschaftlich akzeptierter, über seine Verdauungsvorgänge zu sprechen als noch vor 20 bis 30 Jahren.»

Diesen Eindruck bestätigt auch der in Wettingen AG privat praktizierende Gastroenterologe Martin Geyer. «Die Thematik tangiert unseren Alltag immer mehr.» Hätten Patienten nach dem Essen Beschwerden, setzten sie diese automatisch in Zusammenhang mit den eingenommenen Nahrungsmitteln. «Rund die Hälfte dieser Patienten, die über Probleme klagen, haben jedoch ein Reizdarmsyndrom», sagt er. Dass Nahrungsmittelallergien Bauchschmerzen oder Durchfall bereiten, sei sehr unwahrscheinlich.

Weglassen kann ungesund sein

Der neue Ernährungstrend lautet: Je mehr ich weglasse, desto weniger macht mich krank. Der «frei von»-Hype ist zum Selbstläufer geworden. Wer keine Einschränkungen im Essensbereich zelebriert, der scheint von gestern zu sein. Doch eine einseitige Ernährung kann auch negative gesundheitliche Folgen für kenntnisarme Zeitgenossen haben. «Eine Ernährung ohne Milchprodukte führt zu einem Mangel an Kalzium, Vitamin D, hochwertigen Proteinen, wichtigen Fettsäuren und weiteren Mineralstoffen und Vitaminen», sagt Barbara Paulsen Gysin vom Verband der Schweizer Milchproduzenten. «Diejenigen, die sich selber zu einer Diagnose verhelfen, haben selten einen echten Leidensdruck und unterstützen höchstens die Lebensmittelindustrie, die bereitwillig Produkte zur Befriedigung auch dieser Bedürfnisse zur Verfügung stellt.»

Das Problem der Selbstdiagnose umschreibt Doreen Gille, Spezialistin bei der eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope. «Es ist problematisch, dass sich viele Menschen nicht professionell untersuchen lassen, sondern einen Selbstversuch durchführen oder aber die Beobachtung machen, dass nach dem Verzehr von Milchprodukten körperliche Beschwerden einsetzen», sagt sie. Häufig hätten diese auch andere Gründe, wie etwa eine Überempfindlichkeit gegenüber biogenen Aminen. «Dadurch könnte man annehmen, dass mehr Menschen von Laktoseintoleranz betroffen sind – dies ist aber ein Trugschluss», sagt sie.

Wo genau die eigene Toleranzgrenze für Laktose liegt, müsse bei entsprechender Diagnose individuell herausgefunden werden. Gille: «Der Konsum von einem Glas Milch pro Tag stellt aber für die meisten Betroffenen kein Problem dar.»

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