Herr Tremml, Sie mischen sich grünen Salat ins Frühstücksmüsli. Wieso?

Philippe Tremml: Ich möchte meine Darmbakterien am Morgen damit füttern. Neben den Leinsamen und den Kernen mische ich grünen Salat bei, weil er Chlorophyll enthält. Er gibt dem Müsli auch einen Geschmack, der mir zusagt. Es geht mir um die Diversität in der Ernährung.

Für alle, die am Morgen nicht grünen Salat essen wollen: Kann man seine Darmbakterien auch anders gesund füttern?

Absolut. Man kann auch andere nahrungsfaserreiche (ballaststoffreiche, Anm. d. Red.) Lebensmittel nehmen: etwa Leinsamen, Chiasamen oder Kürbiskerne.

Auf die Darmbakterien komme ich später zurück. In Ihrem Buch "Homo Frites" schreiben Sie, dass mit unserer Ernährung etwas grundlegend nicht stimmt. Wo harzt es?

Ich versuche mich kurz zu fassen. Im Buch beschreibe ich verschiedene Stationen der Ernährung: Bei Food 1.0, Urnahrung, und Food 2.0, Naturnahrung, war das Essen unverarbeitet. Wir stecken in Food 3.0, das ist verarbeitete Nahrung. Nichts ist mehr ganzheitlich. Spaghetti und Ravioli wachsen ja nicht auf Bäumen. Sie sind aus einzelnen Rohstoffen zusammengesetzt. Wertvolle Vitalstoffe – Vitamine, Spurenelemente, Pflanzenstoffe – gelangen nicht ins Produkt oder werden durch die Verarbeitung zerstört. Das sind rein energiereiche Mahlzeiten, Industriefood. Wir bewegen uns in eine ungesunde Richtung. Das bestätigen auch die Statistiken über die Zunahme der nicht-übertragbaren Krankheiten.

Dass Industrienahrung für Zivilisationskrankheiten verantwortlich ist, lässt sich aber noch nicht zweifelsfrei nachweisen.

Wir müssen wegkommen vom Wunsch, Krankheiten seien einfache Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Es reicht nicht, 'bösen' Zucker oder 'gemeines' Fett als alleinige Schuldige für Übergewicht darzustellen. Die Ernährung ist ein Faktor, der unsere Gesundheit beeinflusst. Daneben spielen aber auch Schlaf, Bewegung und Psyche eine Rolle. Ernährung ist aber vermutlich der wichtigste Faktor.

Wo fängt Industrienahrung an?

Sie fängt dort an, wo das Ursprungsprodukt nicht mehr erkennbar und so verarbeitet ist, dass natürliche Nährstoffe nicht mehr vorhanden sind. Spaghetti sind bloss energiereiches Getreide. Sie enthalten keine Vitalstoffe. Im Gegensatz dazu die Frischeauslage im Supermarkt: Das ist Food 2.0, unverarbeitet. Und kommt ohne Zutatenliste aus. Sobald die Liste wächst und synthetische und chemische Stoffe umfasst, sind wir tief in der Industrienahrung drin.

Spaghetti sind also böse Lebensmittel.

Ich hüte mich davor, Lebensmittel als gut oder böse zu kategorisieren. Die Dosis macht das Gift. Wer sich nur von Pasta ernährt, für den ist Pasta böse. Weil er keine Vitalstoffe zu sich nimmt. Ab und zu gegessen, ist Pasta aber ein berechtigter Spender von Energie, die wir ja brauchen. Die Frage ist nur, wie viel Energie wir heute, in unserem aktivitätsreduzierten Leben, benötigen.

Sie preisen im Buch rohe, unverarbeitete Nahrung an, entwickeln derzeit aber selbst einen Super-Gesundheitsriegel.

Ich gehöre auch in die Kategorie, die mal zu faul ist zu kochen oder nicht an Gesundheit denken mag. Ich habe mich gefragt: Wie kann ich das Verlangen nach Süssem, das ich habe, gesünder befriedigen? Darum habe ich einen Gesundheitsriegel entwickelt, den ich auf den Markt bringen will.

Was steckt da drin?

Vitamine und Pflanzenstoffe aus allen erdenklichen getrockneten Früchten und Gemüsen. Er wird ungefähr 20 Prozent der Nährstoffe enthalten, die wir täglich brauchen. Schokolade ist auch drin.

Steht der Gesundheitsriegel nicht im Widerspruch zur ganzheitlichen, unverarbeiteten Ernährung?

Ich sehe keinen Widerspruch, wenn Süsse hilft, gesunde Nährstoffe zu essen. Dann sind wir sehr nahe bei Food 2.0. Man muss den Riegel gerne essen wollen. Ich habe schon gesunde Riegel gegessen, die man über längere Zeit nur mit grosser Überwindung hinunterbringt. Einen solchen Riegel zu vermarkten, hat keinen Sinn.

Wie viel Zucker steckt in Ihrem Riegel?

Rund die Hälfte von dem, was in herkömmlichen Riegeln steckt. Aber wissen Sie: Wir brauchen Zucker, unser Hirn funktioniert nicht ohne. Der Riegel soll satt machen und das Verlangen nach Süßem gesund stillen.

Verwenden Sie künstliche Süssstoffe?

Nein, es ist ein Naturriegel.

Was machen künstliche Süssstoffe mit unserem Hirn?

Wenn das Hirn nach Zucker verlangt, hat das einen Grund. Es braucht Zucker, um zu funktionieren. Wenn man nun tatsächlich etwas Zuckerhaltiges isst, werden die fordernden Nervenzellen beruhigt. Wenn aber ein Süssstoff kommt, wird das Belohnungszentrum gestillt, aber die Energiequelle ist nicht da. Das Hirn fordert Nachschub, weil es noch immer auf den Zucker wartet. Sie haben süssstoffgesüsste Ware mit einer gewissen Anzahl Kalorien gegessen, müssen sich aber noch einmal etwas Zuckerhaltiges beschaffen.

Sie haben lange in der Pharmabranche gearbeitet, sind Doktor der Neurobiologie. Wieso schreiben Sie ein Buch über Ernährung?

Wenn man lange in der Pharmabranche tätig ist, kommt man immer wieder stark in Berührung mit der Ernährung. Die Pharma ist therapeutisch tätig, sie heilt Krankheiten. Ich habe aber festgestellt, dass sie auch präventiv wirken will. Es geht darum, mehr Medikamente zu verkaufen. Die beste Prävention ist aber die Ernährung. Ich habe angefangen, mich intensiv mit der Ernährung zu beschäftigen und habe meine Erkenntnisse als Buch niedergeschrieben.

Wie ernähren wir uns artgerecht, sprich gesund?

Idealerweise ernähren wir uns sehr vielseitig. Ich bin nicht der erste und nicht der letzte, der sagt: Gemüse, Gemüse, Gemüse, Pflanzenstoffe, Früchte. Das brauchen wir grundsätzlich, damit unser Stoffwechsel funktioniert. Wer kocht, braucht mehr Pflanzliches, weil über Hälfte der Vitalstoffe in der Hitze verloren geht. Die Energie beziehen wir am besten in Form von Stärke aus der Naturnahrung: beispielsweise aus Kartoffeln, Erbsen, Bohnen, Vollkornreis, Hafer oder Nüssen. Ganz wichtig ist mir der Zeitpunkt der Mahlzeiten.

Esse am Morgen wie ein Kaiser, am Mittag wie ein König und am Abend wie ein Bettler.

Am Morgen die energiereichste Mahlzeit, am Mittag ein ordentliches Mahl mit genügend Proteinen, am Abend wenig bis fast nichts mehr. Leider sind viele Lebensweisen so geartet, dass man am Morgen so früh aufstehen muss, dass man keinen Hunger hat. Am Mittag hat man wegen der Arbeit keine Zeit und isst darum am Abend eine riesige Mahlzeit. Davon bleibt ein grösserer Teil im Fettdepot hängen, als wenn man die gleiche Menge am Mittag ässe. Weil am Abend der Stoffwechsel reduziert ist und die Nahrung nicht verarbeiten kann.

Wieso fällt die gesunde Ernährung vielen Leuten so schwierig?

Es fällt unglaublich schwer, einen Rohkostteller zu essen, wenn nebenan ein ungesundes, aber fein duftendes Gericht mit Bratwurst, Pommes und Zwiebelsauce liegt. Es hat auch mit dem Angebot in Supermärkten zu tun: Die Industrie merkt, dass die Nachfrage nach Süssem gross ist, und stellt die Nahrung entsprechend her. Ich will auch auf die Kinder hinweisen: Sie werden von Süssstoffen richtiggehend überflutet. Ihr Geschmacksempfinden verändert sich derart, dass sie Rohkost nicht mehr mögen, weil der natürliche Geschmack für sie zu unnatürlich ist. Geschmack ist heute der Taktgeber unseres Essverhaltens und nicht mehr die Gesundheit.

Wir haben heute ein riesiges Nahrungsangebot im Supermarkt. Sie schreiben, wir verarmen an Diversität.

Die Zahl für unsere Ernährung genutzter Pflanzenarten hat seit der Industrialisierung stark abgenommen. Mais, Weizen und Reis decken zum Beispiel 90 Prozent der weltweiten Getreideproduktion ab. Es gäbe aber noch Roggen, Gerste, Hafer, Hirse, Dinkel und so weiter. Jede Pflanze hat eine andere Kombination an gesundheitsfördernden Stoffen. Durch die Monokulturen geht ein Teil dieser Diversität flöten.

Müssen wir bereit sein, mehr Geld auszugeben für Essen?

Ganz klar. Gesunde Nahrung kostet etwas, das müssen wir uns eingestehen. Wenn Vegetarier und Veganer viel Rohkost verschlingen, die konventionell angebaut wurde, nehmen sie unter Umständen zu viele Pestizide zu sich. Da lohnt sich der Umstieg auf Bioprodukte. Es ist berechtigt, für Gesundheit etwas zu bezahlen. Sie ist die beste Prävention gegen Krankheiten.

Bio kann sich nicht jeder leisten.

Das ist so. Ich habe die grosse Hoffnung, dass wenn der Druck der Kunden grösser wird, es grössere Biobetriebe gibt. Grösse schafft Effizienz, die Preise sinken.

Kein gutes Wort verlieren Sie über Nahrungsergänzungsmittel. Was ist so schlimm an Vitamintabletten?

Vitamintabletten verleihen einem das Gefühl von Gesundheit, die sie aber nicht bietet.

Wieso?

Wir brauchen mehr als einzelne Vitalstoffe, um über lange Zeit gesund zu sein. Nehmen wir die falschen Vitaminen, haben wir andernorts einen Mangel, nehmen wir zu viel, kann das dem Körper schaden. Ausserdem merkt man die Wirkung eines Nahrungsergänzungsmittels nicht. Mit Industrienahrung und Nahrungsergänzungsmitteln greifen wir in sämtliche Gleichgewichte des Stoffwechsels ein, und zwar schädigend. Der Körper hat permanent den Drang, das auszugleichen. Dazu baut er Mineralstoffe in Knochen, Haarboden und anderen Lagern ab.

Wann sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll?

Wenn ein ärztlicher Befund da ist. Dann wird es gezielt eingesetzt zur Verhinderung oder Heilung eines ungesunden Zustandes. Dann gehört es für mich in die Sparte Medizin, dann verläuft die Einnahme kontrolliert.

Wie gut wissen wir über unseren Stoffwechsel Bescheid?

Ich behaupte, wir haben sehr wenig Ahnung, was in uns wie funktioniert. Ich kann von mir nicht sagen, heute Morgen brauche ich so viel Vitamin C und vor dem Sport so viel Protein.

Das lange verteufelte Cholesterin rehabilitieren Sie. Ran an den Speck?

Cholesterin selber ist nicht die eigentliche Ursache von Herzkranzgefässproblemen. Es ist die Menge an abzulagernden Fetten im Verhältnis zu mangelnder Bewegung, die problematisch ist. Viele Ernährungsgesellschaften geben heute keine Vorgaben mehr darüber, wie viel Cholesterin man pro Tag zu sich nehmen soll.

Eine heimliche Macht in uns sind die Darmbakterien. Wie beeinflussen sie unsere Gesundheit?

Ich behaupte, sie spielen eine wesentlich grössere Rolle, als uns bewusst ist. Sie schützen den Darm, regenerieren die Darmschleimhaut, schwächen das überreagierende Immunsystem ab, helfen bei  Autoimmunattacken, halten Salmonellen aus dem Darminhalt fern, können einzelne Tumore bekämpfen. Der Lactobacillus spielt sogar in der Verhinderung von Angst eine Rolle. Sie können uns in vitaminarmen Zeiten, etwa im Winter, auch mit Vitaminen beschenken. Das ist aber noch nicht alles.

Erzählen Sie.

Bakterien haben eine andere Zeitrechnung als wir Menschen. Sie können sich schneller an den modernen Nahrungsbrei anpassen. Wir essen mit Food 3.0 nicht artgerecht. Inwiefern Bakterien die negative Wirkung davon abgefedert haben, muss aber noch erforscht werden.

Wenn uns Bakterien Vitamine liefern können, wieso sollen Veganer Vitamin B12 ergänzend einnehmen?

Wenn ein Veganer sich breit ernährt, wovon ich ausgehe, dann sollte er die entsprechenden Bakteriengäste in sich tragen, die B12 produzieren. Bloss: Wie viele sind das? Das müsste man in Studien nachweisen.

Heute ist viel die Rede davon, dass B12 ausschliesslich in tierischen Produkten vorkommt.

Ich vertrete da eine andere Position. Ich denke, das Marketing gewisser Industrieteilnehmer hat auf diese Wahrnehmung einen Einfluss. Wieder muss man sehen, Vitamine sind nicht hitzeresistent. Fleisch zu braten, zerstört einen Grossteil von B12.

Einige Bakterien stellen uns Propionat zur Verfügung, einen Appetitzügler. Das tönt verheissungsvoll.

Die Wissenschaft deckt die Wirkung von Stoffen wie Propionat nach und nach auf. Man muss aber beachten: Propionat war schon vor Millionen von Jahren da. Nur essen wir es nicht mehr so häufig. In der Industrienahrung fehlen die Pflanzenstoffe, die die Bakterien füttern, die uns die Propionsäure schenken. Bloss Propionat zu essen, um den Appetit zu zügeln, würde aber nicht funktionieren. Das geht nur mit ganzheitlicher Ernährung.

Was passiert, wenn wir die falschen Bakterienclans im Darm haben?

Anstatt unsere Darmschleimhaut zu regenerieren, durchlöchern sie sie. Sie wird anfällig für chemische Schadstoffe und freie Radikale, die wie ‚Hooligans‘ wüten. Unser Stoffwechsel versucht dagegen möglichst viele Antioxidantien-Polizisten zu mobilisieren. Ein solcher Kleinkrieg in unserem Körper verursacht einen Verschleiss an Energie, an Zellen, an Stoffwechselsteuerung.

Die gute Nachricht ist: Man kann sich die guten Bakterien anfressen.

Darüber herrscht ein Disput. Einige Studien deuten darauf hin, dass man sie sich anessen kann. Dazu braucht es eine überwiegend pflanzliche Ernährung mit vielen Nahrungsfasern. Man kann sich aber auch die falschen Bakterien anfressen; durch viele zuckerhaltige Esswaren und Süssgetränke.

Wir führen das Gespräch um 14 Uhr. Was haben Sie vorher zu Mittag gegessen?

Ich habe mir, wie so oft, eine Rohkostschüssel gemacht: Peperoni, Rande, Kaki, Zucchetti, Fenchel… ich kann gar nicht alles aufzählen. Das habe ich in einer selbstgemachten süsslichen Rohkostsauce gemischt. Meine zwei 15-jährigen Kinder lieben den Salat. Dazu habe ich Fleisch gegessen. Ich verspeise zwei- bis dreimal pro Woche Fleisch. An den anderen Mittagen esse ich vielfach auch Linsen, weil sie sehr proteinreich sind.