«Es war für die Menschheit ein langer Weg bis zum heutigen Gesundheitswesen», schreibt Patrick Sutter. «Dabei entstanden zwischenzeitlich die absurdesten Heilmethoden, skurrilsten Arzneimittel und merkwürdigsten Apparaturen.»

Der Pharmaziehistoriker ging diesen seltsamen Dingen nach und trug eine Auswahl im Büchlein «Kurioses aus der Medizingeschichte» zusammen. Entstanden ist eine witzige Sammlung, die allerdings eher Appetithäppchen serviert.

Unter Titeln wie «Swissness-Strategie» beispielsweise findet man nebst zwei witzigen Abbildungen nur sehr wenig Information, nämlich: «An seinem Produkt war nichts schweizerisch und trotzdem benannte der Deutsche Richard Brandt sein Produkt aus werbestrategischen Gründen ‹Schweizer Pillen› und hatte grossen Erfolg damit. Da jeweils im Sommer und im Winter die Inhaltsstoffe geändert wurden, lag der Triumph nicht an der Zusammensetzung des Produktes.»

Eine Liste abstruser Zutaten

Wer angeregt durch diese Information Genaueres wissen möchte, muss sich das selber zusammensuchen. In «Hagers Handbuch der Pharmaceutischen Praxis» beispielsweise findet man eine Liste der Zutaten: Die vielgerühmten Pillen bestanden zu je einem Teil aus Extrakten von Aloe, Klee, Enzian, Moschus-Schafgarbe und Wermuth. Weitere anderthalb Teile des wohlklingenden Inhaltsstoffs «Selini palustris» vervollständigten den Mix. Nur: Das bedeutet eigentlich einfach «bedecktsamige Pflanzen» und umfasst alles von Sternanisgewächsen über Magnolienartige und Pfefferartige bis Seerosengewächse – welche davon genau in der vielgerühmten Pille steckte, bleibt ungewiss.

Egal, das Produkt funktionierte genau so, wie es sich der Frankfurter Kaufmann Gottfried Leonhard Daube 1876 vorgestellt hatte: Er wollte ein pharmazeutisches Präparat schaffen und in grossem Massstab dafür werben. In der Pharmazeutischen Zeitung Online heisst es: «Prädestiniert dafür war er nicht etwa durch medizinische oder pharmazeutische Vorbildung, sondern einzig und allein deshalb, weil er sich auf Werbung und die Verbreitung von Druckerzeugnissen verstand.» Er suchte einen Drucker und einen Pharmazeuten – Richard Brandt – und legte los.

Mit Erfolg: «Der wirtschaftliche Erfolg war also nicht begründet auf pharmakologischen Erkenntnissen, sondern das Produkt einer ausgeklügelten Werbe- und Vertriebsstrategie. (...) Leonhard Daube und sein Unternehmen wurden zum herausragenden Beispiel des sogenannten Geheimmittelunwesens Ende des 19. Jahrhunderts.»

Aber zurück zur Kuriositätensammlung, die tatsächlich Unterhaltsames bietet von «Das Geschäft mit dem Haarausfall» über «Haarfärbekamm – färbt graues oder rotes Haar echt blond, braun oder schwarz» bis «Die Pille für mehr Busen»: Schon lange vor unserer Zeit taten offensichtlich viele Menschen alles, um besser auszusehen. Und sie wollten gern glauben, dass Mehle aus Mais, Weizen und Kartoffeln zusammen mit aromatischen Samen und einem Eisenpräparat wirklich den Busen «festigen», «wiederherstellen» oder ihm eine «graziöse Fülle» verleihen.

Zwar waren die Pillen offenbar versilbert und «merklich arsenhaltig», was allerdings niemanden zu stören schien: Der Pariser Apotheker J. Ratie jedenfalls will immer wieder beglückte Briefe von Kundinnen erhalten haben, in denen sie Sachen schrieben wie «der Busen meiner Tochter hat sich wunderbar entwickelt, sie hat schon drei Pfund gewonnen und ist sehr glücklich».

Onanieren macht taub

Ähnlich abstrus klingt das Handbuch zu «Onanie und ihre gesundheitlichen Folgen»: Im Jahr 1760 erklärte der Schweizer Arzt Simon Auguste Tissot in seiner Abhandlung ernsthaft, der Verlust einer halben Unze Samen füge den körperlichen Kräften mehr Schaden zu, als wenn man vierzig Unzen Blut abzapfe. Das, so begründet Tissot, liege daran, dass der Samen «aus Blut mit vielerlei kostbaren Umständen» produziert worden sei, sodass der Verlust vielerlei Krankheiten nach sich ziehe. Kein Wunder, warnten sogar noch unsere Grosseltern davor, Onanieren könne taub und bucklig machen.

Insgesamt präsentiert Pharmazeut Patrick Sutter eine sehr unterhaltsame Sammlung: Er zeigt anatomische Abbildungen, die uns heute schmunzeln lassen, oder Behandlungsmethoden, die wir kaum nachvollziehen können. Beispielsweise das Ausräuchern von «Zahnwürmern» mithilfe von Rauch aus Bilsenkrautsamen. Was es mit dem skurrilen Heilmittel «Waffensalbe» oder «Paullinis Drecksapotheke» auf sich hat, sei an dieser Stelle nicht verraten – ein bisschen Spannung muss erhalten bleiben.

Patrick Sutter Kurioses aus der Medizingeschichte. DWV-Schriften zur Medizingeschichte 19. 45 S. 22.90 Fr.