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„Sportverletzungen werden immer komplexer“

Seit gut zwei Jahren behandelt der Sporttraumatologe und Unfallchirurg, Dr. med. Richard Glaab, typische Sportverletzungen am Kantonsspital Aarau.

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Dr. med. Richard Glaab

Dr. med. Richard Glaab

Gesundheit Aargau

Wie hat sich die Sporttraumatologie in den letzten Jahren verändert?

Dr. Glaab: Verändert hat sich vor allem die Komplexität der Verletzungen. Dies hängt u.a. mit der gestiegenen Popularität von diversen Risikosportarten wie Mountainbiking, Freeriden etc. zusammen. Zudem ist die Schweiz grundsätzlich sehr sportlich und auch ältere Menschen treiben mehr und mehr Sport. Zum Glück verstehen wir durch intensive Forschung sowie immer genauer werdende Bildgebungsverfahren Gelenksverletzungen besser als früher. Wir können daher immer individueller, präziser und weniger invasiv als noch vor ein paar Jahren behandeln. Enorm entwickelt hat sich auch die arthroskopische Chirurgie an Schulter und Hüfte. Zudem begreifen wir immer exakter, wie z.B. ein Kniegelenk im Detail funktioniert.

Das Knie ist ein heikles Gelenk, wie behandeln Sie heute?

Dr. Glaab: Die moderne Kreuzband-Chirurgie ist noch minimal-invasiver und vor allem anatomisch präziser geworden. Heute können wir besser abschätzen, wer von einer Operation profitiert und wer mit kompetenter Physiotherapie ein ebenso gutes Resultat erzielen könnte. Wobei die Empfehlung zu letzterem gerade beim jungen Athleten kritisch zu sehen ist, da sie häufig aufgrund von Folgeschäden doch operiert werden müssen. In der Meniskuschirurgie wurden die meniskuserhaltenden Methoden bis hin zum Meniskusersatz verbessert. Ähnlich bei der Versorgung von lokalen Knorpelschäden. Bei Verrenkungen der Kniescheibe – wie sie häufig bei Sprungsportarten vorkommen – sehen wir uns den Halteapparat der Kniescheibe ganz genau an. Dieser ist in der Vergangenheit viel zu wenig beachtet worden.

Lassen sich schwere Knieverletzungen irgendwie verhindern?

Dr. Glaab: Es ist wichtig, dass Sport im Rahmen der individuellen technischen und körperlichen Möglichkeiten betrieben wird. Daneben gibt es sehr gute Prophylaxeprogramme, wie sie u.a. von der FIFA propagiert werden. Hier gilt es z. B. die X-Bein-Haltung während eines Sprunges, wie das Frauen häufig tun, zugunsten einer geraden Beinstellung zu korrigieren. Damit können Kreuzbandrisse verhindert werden. In Studien wurde nachgewiesen, dass mit einem gezielten Training die Verletzungsrate um bis zu 80% gesenkt werden kann. Leider profitieren noch viel zu wenige Sportler und Sportvereine von diesem Wissen und bauen keine entsprechenden Übungen in ihre Trainings ein.

Wo treten bei Langstreckenläufern am häufigsten Verletzungen auf?

Dr. Glaab: Bei Langstreckenläufern sind es vor allem Überlastungsprobleme, insbesondere von Knie, Sprunggelenken, Fuss und Achillessehnen, seltener so genannte Stressfrakturen. Häufig wird sehr einseitig trainiert und wenig auf die eigenen Ressourcen geachtet. Neben dem entsprechenden Lauftraining ist sicher ein Ausgleichtraining für Beweglichkeit und Kraft sinnvoll. Eine gewisse Laufschule sowie individuell auf den Fuss passendes Schuhwerk ist ebenso von Vorteil. Die Ernährung zu guter Letzt spielt – wie so oft im Sport – eine wichtige Rolle, sei es im Training, vor und während dem Wettkampf.

Was raten Sie jemandem mit einer akuten Sportverletzung?

Dr. Glaab: Wenden Sie das so genannte PECH-Schema an (Pause, Eis/(Kühlen), Compressi-on/(Einwickeln), Hochlagern). Sollte es zu einem Funktionsverlust, starker Schwellung oder zu anhaltenden Schmerzen kommen, empfehle ich, einen Arzt zu konsultieren. Ein unfallbedingter Gelenkserguss oder z.B. eine Schulterluxation sollten heutzutage mittels MRI abgeklärt werden. Am KSA haben wir neu für Notfälle mit akuten Sportverletzungen einen speziellen Behandlungspfad eingeführt, um die Patienten rasch und kompetent abklären und behandeln zu können. Des Weiteren bieten wir auf hausärztliche Zuweisung eine Sprechstunde Sporttraumatologie an. Diese soll insbesondere unnötig lange Arbeitsausfälle und Sportpausen verhindern, aber auch dem Patienten Zugang zu kompetenter individueller Beratung gewährleisten. Unsere Sportphysiotherapeuten im KSA am Bahnhof betreuen die verletzten Sportler konsequent bis sie wieder gesund und startklar sind.

Zur Person: Dr. med. Richard Glaab arbeitet als leitender Arzt Traumatologie und Sporttraumatologie am KSA. Er besitzt eine Zusatzausbildung in Sportmedizin SGSM und verfügt über eine Zertifizierung als Arthrosko-peur der Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkschirurgie (AGA). Er war während Jahren stellvertretender Mannschaftsarzt des HC Davos. Die Sporttraumatologie betreut akute Verletzungen und Verletzungsfolgen am Bewegungsapparat. Hauptgebiet ist die arthroskopische und gelenkserhaltende rekon-struktive Chirurgie. Die Sporttraumatologie am KSA setzt dabei auf moderne, evidenzbasierte und mini-mal-invasive Verfahren, um die Belastung für die Patienten so gering, die Rekonvaleszenz so kurz und das Ergebnis so gut wie möglich zu gestalten. Dabei wird eng mit der Radiologie, der Klinik für Orthopädie, dem Ganglabor sowie der Physiotherapie im KSA am Bahnhof zusammengearbeitet.

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