Immer schneller, immer länger, immer besser – der Stress am Arbeitsplatz und der Druck, dauerhaft leistungsfähig zu sein, nehmen zu.

Die Angst zu versagen, ist so gross, dass verschreibungspflichtige Medikamente wie Ritalin oder andere psychoaktive Substanzen am Arbeits- und Studienplatz zur Realität geworden sind. Die illegale Verwendung solcher Substanzen wird Hirn-Doping genannt.

Herr und Frau Schweizer dopen auch legal, um ihre Konzentration und ihre Leistung zu steigern:

Kaffee, Energydrinks, Vitamin- und Stärkungspräparate sowie pflanzliche Beruhigungsmittel – das sogenannte Soft-Doping ist angesagt und wird auch gerne zu Werbezwecken verwendet.

Gleich zwei Geschenke an einem Tag sind letzte Woche in der Tasche der Redaktorin gelandet: ein Guarana-Energydrink vom Take-away und eine Brausetablette mit Taurin und Koffein von der Apotheke.

Dopen für mehr Freiheit

«Berocca Boost» für einen Kick im entscheidenden Moment; Ginseng, um die Konzentration zu fördern, und zuguterletzt ein «Flying Horse» für die, die auch dann nicht aufhören wollen, wenn der tote Punkt kommt.

«Hersteller dieser Produkte suggerieren, dass man bei Müdigkeit oder Erschöpfung durch deren Konsum wieder funktioniert», sagt Michael Schaub, Direktor des Schweizer Instituts für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF). Sich kurzfristig aufzuputschen, werde immer mehr von Pharmaunternehmen propagiert.

Ein Beispiel: Die Zigarettenhostessen gibt es zwar noch, heute verteilen sie in Bars vermehrt anstelle von Zigaretten gezielt «Berocca Boost», ein Vitaminprodukt mit B-Vitaminen, Vitamin C, Zink und Guarana.

Schaub: «Das tun sie unter dem völlig perfiden Motto: Feiere länger Party, dann hast du mehr Freizeit. Schmeiss am nächsten Tag eine Pille und dann kannst du trotzdem arbeiten.»

Ein krasses Bild unserer Leistungs- und Konsumgesellschaft widerspiegelt sich laut Schaub auch in der Werbung im Fernsehen:

«Eine 40-jährige Frau, die nicht berufstätig und attraktiv ist, die nicht mindestens drei Kinder hat und einen Mann, den sie am Abend zufriedenstellt, ist gar nicht mehr gesellschaftsfähig.»

Tatsache ist aber: Der Konsum von Soft-Doping macht höchstens wacher, steigert aber die Leistungsfähigkeit nicht.

Das ist zwar jedem klar, wird aber vergessen. Der Mensch steht unter Druck.

Und anstatt, dass er sich darüber Gedanken macht, weshalb er müde und ausgelaugt ist, wird lieber eine Pille geschmissen oder ein Pülverchen im Wasser aufgelöst. «Diese Entwicklung ist bedenklich», sagt Schaub.

Dabei spielen die Inhaltsstoffe der Präparate nur eine geringe Rolle; viele davon wie Ginseng und Guarana sind pflanzlich.

Energydrinks können aufgrund des hohen Koffeingehalts ab einer gewissen Menge Schlaf- oder Magen-Darm-Störungen auslösen, schreibt die Fachstelle Sucht Info Schweiz in einem Bericht.

5 bis 10 Gramm Koffein pro Tag sollen sogar tödlich sein – das entspricht 63 Dosen von Energydrinks. «Das Gefährlichste an Energydrinks ist aber der Zucker», sagt Schaub.

Die Jugend im Wandel

Ob es einen schleichenden Übergang vom Soft- zum Hirn-Doping gibt, kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden.

«Wer für Prüfungen lernt und merkt, dass Koffein und Co. nichts nützen, könnte in Teufels Küche geraten und zu Medikamenten greifen, sofern diese im Umlauf sind.»

Immer schneller, immer länger, immer besser – wie soll es mit unserer Gesellschaft weitergehen? Die Jugend ist im Wandel, ist sich Schaub sicher.

«In den 1980er-Jahren war man ein Verlierer, wenn man die Autoprüfung nicht mit 18 Jahren gemacht hat.» Heute würden immer weniger die Autoprüfung absolvieren.

Und: Junge Menschen gehen nach der Ausbildung lieber auf eine Weltreise, als Karriere zu machen. Früher sei höchstens ein Sprachaufenthalt dringelegen.

«Vielleicht braucht es eine zweite Hippie-Bewegung. Eine neue Generation, die sich gegen diesen Leistungsdruck wehrt.»

Und dies, bleibt zu hoffen, ohne sich mit Drogen zu berauschen oder zu glauben, dass Ritalin und Energydrinks die Welt verändern.