Lea Laib hatte alle Möglichkeiten. Ihr enormes läuferisches Talent machte die heute 21-Jährige zu einer begehrten Nachwuchsathletin in der Schweizer Leichtathletik. Doch die Begehrlichkeiten des Umfelds wuchsen ihr über den Kopf. Der psychische Stress trieb sie in eine Essstörung und massives Untergewicht. Als sich die Ostschweizerin Ende November 2013 selber ins Spital einwies, wog sie bei einer Grösse von 1,68 m noch 38 Kilo. Die Ärzte erklärten ihrer Familie damals, die Überlebenschance stünden bei 50 Prozent. Heute blickt eine gesunde, fröhliche junge Frau zurück auf die schlimmsten Monate in ihrem Leben.

Wenn Sie zurückblicken: Was für einen Menschen sehen Sie 2013 im Spiegel?

Lea Laib: Ein krankes Mädchen, das nahe an der Verzweiflung stand. Im Verlauf des Herbstes 2013 wurde die Krankheit immer schlimmer. Im Sommer hatte ich noch das Gefühl, ich bringe es wieder hin. Ich bin ein Mensch, der für seine Ziele kämpft. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir ein Ziel setzte und es nicht selber erreichte.

Welches Ziel?

Wieder mein Gewicht zu erlangen. Atypisch für eine Essstörung im Spitzensport war, dass ich selber gar nie so leicht werden wollte. Das Abnehmen war ein Ventil von psychischen Problemen.

Sie galten noch 2012 als riesiges Talent. Was passierte dann?

Ich bin enorm ehrgeizig und war sehr belastbar. Ich konnte an meine Grenzen gehen, alles rundherum abstellen und einfach nur «beissen». Das sind Supervoraussetzungen für einen Leistungssportler. Und gleichzeitig ist es enorm gefährlich. Meine grössten Stärken sind zugleich auch meine grössten Schwächen. Alle haben sich für mich zu interessieren begonnen. Mein Trainer, die Nationaltrainer, diverse Funktionäre in meinem sportlichen Umfeld – alle haben für mich die nächsten Schritte geplant. Obwohl sie es nur gut meinten, fühlte ich mich zunehmend eingeengt. Ich war ein Vogel im goldenen Käfig. Ich verlor die Selbstkontrolle. Und das entspricht mir nicht.

Wie ging es weiter?

Es war ein Ventil. Weil es mir zunehmend schlechter ging, verlor ich auch den Appetit. Und wenn man dazu viel trainiert, geht es mit dem Gewicht rasant bergab. Gleichzeitig wurden meine Leistungen zuerst noch besser. Doch niemand erkannte, wie es in mir drin wirklich aussah.

Wie hat sich die Krankheit ausgedrückt?

Ich zog mich zurück, alles wurde mir zu viel. Die Energie fehlte für alles. Ich hatte auch keinen Gesichtsausdruck und keine Ausstrahlung mehr. Man konnte mit mir reden und ich nahm es nicht einmal mehr wahr. Der Körper beginnt überall Energie zu sparen, konzentriert sich auf die reine Lebenserhaltung. Auch die Geschmacksnerven funktionierten nicht mehr. Essen hatte für mich keinen Geschmack mehr. Man verliert komplett die Lebensfreude.

Wie fühlt sich das an?

Der ganze Tag ist anstrengend. Man sieht die schönen Dinge im Leben nicht mehr. Und man wird von allen angestarrt, weil es offensichtlich ist, dass etwas nicht stimmt.

Und wann ging es mit dem Sport nicht mehr?

Ich war im Frühjahr 2013 topfit, wurde gerade Schweizer Meisterin auf der Bahn und im Cross. Im Trainingslager begann mir während eines Joggings auf einmal der Fuss wehzutun. Als ich den Schuh auszog, war der Fuss rot und schwoll rasant an. Aber eine eigentliche Verletzung war nicht ersichtlich. Danach beim Duschen wurde mir so schlecht, dass ich umkippte. Weil man einen Infekt vermutete, erhielt ich starke Medikamente. Mein geschwächter Körper vertrug diese nicht. Von dem Moment an ging es nur noch bergab.

Wie reagierte Ihre Familie?

Meine Eltern litten enorm. Wir hatten oft Streit. Mein Vater begann beispielsweise auf einmal sehr mastig zu kochen, weil er mir auf diesem Weg helfen wollte. Und zum Dessert gab es ständig Cremeschnitten. Dieses Verhalten hat mich gestört. Auch gegenüber meinen Eltern habe ich mit der Zeit komplett abgeblockt. Sie sagen rückblickend, sie hätten ihre Tochter damals nicht mehr erkannt. Und auch ich kam mir im Spiegel fremd vor. Ich weinte fast täglich und mied jeden Blick auf mich selber.

Wie konnten Sie diesen Abwärtsstrudel stoppen?

Als der Herbst kam, war es am schlimmsten. Ich fror vom Morgen bis zum Abend. Selbst auf einem Stuhl zu sitzen, tat weh. Man sitzt auf den Knochen. Überall am Körper waren blaue Flecken. Ich musste an den Punkt gelangen, an dem ich selber nicht mehr weiter wusste und das Gefühl hatte, alles ist verloren. Ende November 2013 habe ich mich selber im Spital angemeldet. Dort bin ich super aufgefangen worden. Von diesem Zeitpunkt an ging es eigentlich nur noch aufwärts. Ich entschied mich für den ambulanten Weg und musste wöchentlich zur Gewichtskontrolle ins Spital.

Nur wenige Betroffene lassen Hilfe von aussen zu!

Das Problem erkannt habe ich früh. Aber sich helfen lassen ist schwierig, wenn man in diesem Strudel steckt. Ich hatte das Gefühl, niemand verstehe mich wirklich.

Was brauchte es, dass Sie heute wieder die Person sind, die Sie sein wollen?

Matchentscheidend bei dieser Krankheit ist, dass man wieder Gewicht zulegt. Der Körper beginnt sich zu erholen. Von Kilo zu Kilo ging es mir besser. Das fühlte sich cool an. Es war wichtig, dass man in dieser Phase von Ärzten und Psychologen eng begleitet wird und sich stets neue Ziele setzt.

Haben Sie Angst, dass die Krankheit Sie noch einmal einholen könnte?

Nein. Ich hatte nie einen Rückfall, was eigentlich untypisch ist. Das grösste Problem ist, den Glauben an mich selbst wieder zu finden. Aber die Krankheit? Nie wieder! Ich weiss, wie grässlich sie ist.

Sie behaupten, Sie seien eine von vielen Betroffenen im
Leistungssport. Was macht Sie da so sicher?

Wenn man diese Krankheit selber hatte, erkennt man sie auch bei anderen. Ob jemand einfach schlank ist oder ob ein Problem dahinter steckt, kann man nicht verheimlichen. Ein Anzeichen ist auch, dass man am ganzen Körper sehr viel Haare, fast schon ein «Babyfell» bekommt, da das Fett für die Isolation fehlt.

Wie könnte man Essstörungen im Sport eindämmen?

Gerade im Ausdauersport ist es mit dem Gewicht eine Gratwanderung. Man wird zwar als Athlet über die Magersucht informiert, aber als Jugendlicher hat man das Gefühl, so etwas passiere einem selber sowieso nie. Auch ich kam nie auf diesen Gedanken. Doch mit Menschen, die eine Essstörung entwickeln, muss man knallhart sein. Man darf diese Person auf keinen Fall mit Samthandschuhen anfassen. Die Krankheit ist tief in einem drin und nicht einfach mit einer Pille zu bekämpfen. Es braucht eine geballte Kraft an Hilfe.

Sie selber betreiben heute wieder Leistungssport. Wieso?

Während meiner Krankheit dachte ich: Nie, nie wieder! Doch später während meiner Behandlung sagte mir mein Arzt: Wenn Sie 53 Kilo wiegen, dürfen Sie erstmals die Laufschuhe anziehen. Dieser Augenblick war ein Genuss und es fühlte sich wieder an wie früher. Ich war glücklich und spürte: Es ist das, was ich liebe!