Chlamydien

Sex-Keim erhöht das Risiko von Unfruchtbarkeit bei Mann und Frau

In der Schweiz wurden im Jahr 2015 insgesamt 10167 Chlamydieninfektionen gemeldet. Shutterstock

In der Schweiz wurden im Jahr 2015 insgesamt 10167 Chlamydieninfektionen gemeldet. Shutterstock

Chlamydia ist die häufigste sexuell übertragene Infektion in Europa. Eine Ansteckung beim Geschlechtsverkehr gefährdet die Fruchtbarkeit, bestätigt eine aktuelle Studie mit einer halben Million Frauen.

Chlamydien sind Bakterien, die bis vor 40 Jahren auch Ärzten noch nahezu unbekannt waren. Heute führen sie in ganz Europa und in den USA die Liste aller heilbaren, sexuell übertragbaren Infektionen (abgekürzt STI) an. Jede zehnte junge Frau unter 25 ist von ihnen befallen.

Die Zahl der jährlich gemeldeten Chlamydieninfektionen nimmt auch in der Schweiz seit sechs Jahren kontinuierlich zu. Nach Schätzungen des Bundesamtes für Gesundheit sind zwischen drei und zehn Prozent der sexuell aktiven Bevölkerung der Schweiz von Chlamydien betroffen. 70 Prozent davon sind Frauen.

Die grosse Gefahr der Chlamydien liegt darin, dass sie nach der Ansteckung beim Sex von den Genitalien oft weiterwandern: Sie befallen Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke der Frau und Blase, Hoden und Prostata des Mannes. Dort lösen sie schwerwiegende Entzündungen aus und erhöhen so das Risiko einer lebenslangen Infertilität.

Unschöne Folgen

Bis jetzt gab es keine wirklich verlässlichen Angaben, wie häufig eine Chlamydieninfektion zur Unfruchtbarkeit führt. Britische und dänische Wissenschafter um die Londoner Epidemiologin Bethan Davies haben nun die Daten von 516 720 Frauen aus Dänemark und Grönland analysiert, die in den Jahren zwischen 1995 und 2011 in Rahmen der «Danish Chlamydia Study» auf Chlamydienbefall untersucht worden waren.

Bei 103 344 dieser Frauen wurde eine Infektion entdeckt, 182 879 hatten einen negativen Befund, in 230 497 Fällen wurde kein Test durchgeführt. Zu Beginn der Studie waren die Frauen durchschnittlich 22,4 Jahre alt. Das Ergebnis: Jede fünfte der beim Sex mit Chlamydien angesteckten jungen Mädchen und Frauen muss damit rechnen, später kein Kind bekommen zu können.

Für die Auswertung wurden zum ersten Mal die drei wichtigsten Komplikationen berücksichtigt, die als Folge einer Chlamydieninfektion die spätere Chance auf ein Baby zunichtemachen können. Dazu zählt die «entzündliche Beckenerkrankung», eine Entzündung der inneren Genitalorgane Gebärmutterschleimhaut, Eileiter und Eierstöcke. Das zweite Problem sind Verwachsungen, die zu Eileiterschwangerschaften führen. Als drittes Risiko gilt schliesslich ein vollständiger Verschluss der Eileiter (Tubenfaktorinfertilität).

Die im Fachjournal «Lancet Infectious Diseases» veröffentlichten Ergebnisse waren eindeutig: Frauen, die positiv auf die sexuell übertragbaren Bakterien getestet worden waren, hatten ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko, an einer Beckenentzündung (PID) zu erkranken. Die Gefahr einer Eileiterschwangerschaft stieg um 31 Prozent, die einer Tubenfaktorinfertilität um 37 Prozent an. Mehrfache Infektionen mit Chlamydien erhöhten das Risiko einer PID um weitere 20 Prozent.

Immer mehr Infektionen

Aktuelle Zahlen lassen die Grössenordnung des Risikos erahnen. Dem Europäischen Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten wurden zwischen 2005 und 2014 über 3,2 Millionen Fälle von Chlamydieninfektionen gemeldet. Die Gesundheitsbehörde stellt besorgt fest: «Chlamydia ist die häufigste sexuell übertragene Infektion in Europa und die Zahl der Betroffenen steigt ständig weiter.» In der Schweiz wurden im Jahr 2015 10 167 Fälle gemeldet. Meist sind junge Frauen zwischen 15 und 25 Jahren betroffen.

Manche Ärzte sprechen bei der neuen Sex-Epidemie von einem «neuen Tripper». Tripper deswegen, weil die häufigsten Symptome, wie Brennen beim Urinieren, Druckgefühl in der Blase, Unterleibsschmerzen oder leichter Ausfluss denen des klassischen Trippers ähneln. Ein besonderes Problem der Chlamydien besteht darin, dass sie sehr oft unerkannt und unbehandelt bleiben. Viele Frauen merken es nicht, wenn sich die Erreger in ihrer Scheide eingenistet haben.

Die wichtigsten Risikofaktoren für eine Chlamydieninfektion sind: Alter unter 25 Jahren; neuer Sexualpartner bzw. mehrere Sexualpartner innerhalb der vergangenen sechs Monate; keine Anwendung von Kondomen zur Verhütung; eine Harnröhrenentzündung beim männlichen Partner.

Was auch heute noch kaum bekannt ist: Junge Männer sind genauso häufig infiziert, merken aber oft nichts davon. Chlamydieninfektionen können bei etwa 50 Prozent der Männer asymptomatisch verlaufen und bleiben daher häufig unerkannt. Bei Männern befallen die Bakterien zunächst die Schleimhaut der Harnröhre.

Die Infektion macht sich am ehesten durch Druckgefühl und Schmerzen, Brennen beim Urinieren und glasigem und milchigem Ausfluss aus dem Glied bemerkbar. Die Chlamydien können jedoch in die Prostata aufsteigen und weiter in die Nebenhoden wandern. Erst die dann auftretende, sehr schmerzhafte Epididymitis (Nebenhodenentzündung) führt die Patienten zum Arzt. Als Folge einer durch Chlamydien ausgelösten Prostatitis können auch Männer unfruchtbar werden.

Gefahr auch für Babys

Bei Schwangeren ist eine rechtzeitige Behandlung vor der Entbindung sehr wichtig: Kommt das Baby während der Geburt mit den Chlamydien in Berührung, so führt das bei 30 bis 40 Prozent der Kinder zu mehr oder weniger schweren Bindehautentzündungen. Auch Lungenentzündungen und Mittelohrentzündungen des Neugeborenen sind möglich.

Chlamydieninfektionen verlaufen oft chronisch und schleichend, über Wochen bis Jahre. Nicht selten werden sie für einen Harnwegsinfekt gehalten und deshalb nicht optimal behandelt. Leidet eine Frau an einer Chlamydieninfektion, steckt sie ihre Partner in 30 bis 65 Prozent der Fälle ebenfalls an. Deshalb empfehlen Ärzte die gleichzeitige Mitbehandlung des Partners.

Um das Risiko einer Ansteckung mit Chlamydien zu verringern, sollten die Schutzmassnahmen von «Safer Sex» zur Anwendung kommen, empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit BAG: Eindringender Vaginal- oder Analverkehr immer mit Kondom; kein Sperma und kein Blut in den Mund nehmen; bei Grippesymptomen nach ungeschütztem Sex sowie bei Juckreiz, Brennen oder Ausfluss oder anderen Beschwerden im Intimbereich sofort zum Arzt. Wird die Krankheit diagnostiziert, müssen alle Sexualpartner untersucht und gegebenenfalls behandelt werden.

Angesichts der epidemischen Ausmasse des Chlamydienrisikos fordern Frauenärzte und Gesundheitsexperten eine bessere Aufklärung der Jugendlichen über diese Gefahr. Bei einer Umfrage konnten nur sieben Prozent der befragten über 16-jährigen Frauen und Männer Chlamydien als sexuell übertragbare Infektionskrankheit benennen: Die meisten denken bei Chlamydien eher an eine seltene Zimmerpflanze.

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