Hallux valgus

Was verursacht den schmerzhaften Hallux am Fuss: die Gene oder zu enge Schuhe?

In Ländern, in denen man viel barfuss läuft, ist Hallux valgus eine Seltenheit. thinkstock

In Ländern, in denen man viel barfuss läuft, ist Hallux valgus eine Seltenheit. thinkstock

Die Volkskrankheit von Jung und Alt. Sind es die Gene oder ist es der Schuh? Eine Frau bekennt: Ich trug schon als 12-Jährige hochhackige Schuhe.

Ob zur Arbeit, zum Spazieren oder in den Ausgang, Paula Gallob trug jeden Tag hohe Absatzschuhe. «Doch bereits in jungen Jahren hatte es beim Gehen geschmerzt», sagt die heute 81-Jährige. Dort, wo ihr Fuss in den grossen Zeh übergeht, zeigt in scharfem Winkel ein zinkenhafter, knapp zwei Zentimeter hoher, erröteter Buckel nach aussen. Die Diagnose: Hallux valgus.

Es handelt sich dabei um den Schief-
stand des Grosszehs, der in die Richtung des kleinen Zehs abweicht. Und dann entsteht meist auf der Innenseite beim Grosszehengrundgelenk eine Verdickung. Konkret: eine unästhetische Deformierung des Vorfusses. Daran leidet schätzungsweise jede fünfte Person zwischen den 18- und 65-Jährigen, und bei allen Älteren sind es rund 30 Prozent.

«Der Hallux valgus ist bei Frauen häufiger als bei Männern», erklärt Urs Neurauter, Leitender Arzt des Orthopädie-Zentrums am Kantonsspital Baden und Aarau. Einerseits spiele die Vererbung eine Rolle, andererseits haben Frauen oft insgesamt lockere Bandstrukturen, was auch zur Entstehung einer Fussfehlform beitragen könne. Nur etwa 20 bis 30 Prozent der von Hallux valgus betroffenen Personen sind Männer.

«Mit 12 Jahren hohe Hacken»

«Es gibt Familien, in denen das Problem gehäuft vorkommt», erklärt Neurauter. Und tatsächlich: Auch Giulia, Paula Gallobs Enkelin, wurde vom selben Leiden heimgesucht. «Vor einem Jahr begannen meine Füsse stark zu schmerzen», erinnert sich die 25-Jährige. Aber auch sie gesteht ähnlich wie ihre Grossmutter: «Ich trug bereits mit 12 Jahren hohe Hacken und zwängte mich in viel zu enge Schuhe.» Wo liegt denn jetzt das Problem – beim Erbgut oder beim Schuh?

«Der Schuh ist entscheidend», meint Orthopädiefachmann und Podologe Mario Malgaroli, der in Baden und Luzern eine Podologie- und Orthopädiepraxis mit Ganglabor betreibt. Vielfach sei es nämlich so, dass die Leute vor allem zu enge, zu kleine und zu spitzige Schuhe tragen. Auch enge Damenstrümpfe, die vorne viel Zug auf die Zehen haben, können die Fussglieder bereits ansatzweise verformen.

«In nicht-abendländischen Kulturen kannte man Hallux valgus als schmerzendes Problem eigentlich nicht, da vor allem Sandalen, offene Finken oder keine Schuhe getragen wurden», erklärt Malgaroli. Seitdem sich die westliche Schuhmode jedoch auch dort verbreitet habe, sei es zu einem globalen Leiden geworden.

«Je enger der Schuh ist, desto ausgeprägter der Hallux valgus», sagt Malgaroli. Durch den verstärkten Druck gibt es eine Reizung, die den Buckel vergrössert. Aber er stellt klar: «Ein Hallux valgus tritt nur dann auf, wenn man die genetische Voraussetzung dafür hat.» Das richtige Schuhwerk ist also ein wichtiger Aspekt von vielen. «Neben äusseren Faktoren wie Schuhe oder Muskelverkürzung spielt auch die Fussform eine Rolle», sagt Neurauter.

Grundversicherung zahlt nicht

«Vor allem beim Abrollen, dann, wenn man die Zehen abhebt, gibt es einen Zug auf das Grosszehengrund-
gelenk, und das tut weh», beschreibt Malgaroli die Beschwerden seiner an Hallux valgus leidenden Kundinnen und Kunden. Und wie behandelt man ihn? Podologie oder Orthopädie, das ist hier die Frage.

Wenn die Schmerzen mit Schwielen oder einem Hühnerauge einhergehen, kann die Podologie mit dem Abtragen der Hornhautbildung oder mit Fussmassagen Verbesserungen hervorrufen. «Die Orthopädie kann einem mit entlastenden und korrigierenden Einlagen weiterhelfen und die Suche nach einem Schuh erleichtern, der wirklich der eigenen Fussform entspricht», meint Malgaroli weiter. Mit neusten technischen Hilfsmitteln wird der Gang analysiert und die Druckverteilung gemessen. So lässt sich herausfinden, wo das Problem liegt.

Das kann ganz schön ins Geld gehen. «Ich habe mir für 500 Franken Schuheinlagen anfertigen lassen, die nicht von der Grundversicherung übernommen wurden und auch nur in wenige Schuhe passen», sagt Giulia etwas enerviert. Zudem habe sie während neun Physiotherapie-Sitzungen, mit einem Bällchen unter die Zehen geklemmt, unterstützende Fussübungen gezeigt bekommen. Es hat gewirkt. Die Schmerzen kommen bei der jungen Frau nur noch selten. Ihre Grossmutter Paula hat überhaupt keine Schmerzen mehr. «Ich trage nur noch flache und breite Schuhe mit meinen Einlagen», beteuert sie.

Operation – ja oder nein?

«Es ist sehr schwer, Tipps zur Vorbeugung zu geben», sagt der orthopädische Chirurg Neurauter. Hat man jedoch die Tendenz zu einem Hallux valgus, soll man bei der Schuhauswahl besonders vorsichtig sein und genug breite Schuhe mit möglichst wenig Absatz wählen. «Wenn man mit Stöckelschuhen jeden Tag in der Stadt herumspaziert, ist das natürlich für die Füsse nicht gut», bringt es Malgaroli auf den Punkt. «Je höher der Absatz, je höher der Druck, desto mehr Schub hat man auf dem Grosszehengrundgelenk», erklärt er weiter. Denn wenn man Hallux valgus bereits hat, verstärkt sich dadurch das Problem.

Ganz generell gilt es bei Absatzschuhen, den Einsatzbereich zu definieren. Zieht man sie ab und zu mal im Ausgang an und spürt dabei keine Schmerzen, führt es auch nicht zu Beschwerden.

«Die einzige langfristig wirksame Therapie beim Hallux valgus ist die Operation, bei der die Stellung des Mittelfussknochens korrigiert wird», meint der orthopädische Chirurg Neurauter. Ob eine Operation nötig sei, hänge eigentlich nur davon ab, wie stark der Patient durch den Hallux valgus gestört sei.

Doch Orthopädie-Schuhtechniker und Podologe Malgaroli warnt vor voreiligen Schlüssen: «Es ist wichtig, eine richtige Befundaufnahme zu machen und die konservativen Massnahmen auszuschöpfen.» Schliesslich entscheidet aber der Leidensdruck, ob man operiert oder nicht. «Wenn die eingeleiteten Massnahmen nichts nützen und man weiterhin jeden Tag Schmerzen hat, dann kann man auch nichts mehr verlieren, wenn die Operation nicht optimal verläuft», meint Malgaroli. Und wenn es so weit kommt, ist es wichtig, dass man einen guten Operateur hat. Denn es gibt über hundert Operationstechniken, und aus denen gilt es die richtige auszuwählen.

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