Einer schönen Schwangeren sieht man von hinten gar nicht an, dass sie schwanger ist. Übertrieben?

Man muss nur in Klatschpostillen blättern oder auf Promi-Portalen herumklicken, um das geltende Schönheitsideal für die schwangere Frau eingehämmert zu bekommen: Eine pralle Rundung über schlanken Beinen wird als «süsse Kugel» bejubelt.

Wehe aber der Frau, die an den Beinen, Hüften, Armen, ja am Hals zulegt: Sie wird zur Zielscheibe für fiese Kommentare. Dies musste vergangenes Jahr etwa Reality-TV-Darstellerin Kim Kardashian erleben, als der Umfang ihres Hintern zuhauf hämische Kommentare provozierte.

Zwar soll sich der Körper einer Frau während der Schwangerschaft verändern. Doch wer dem Dünn-Diktat nicht entspricht, wird stigmatisiert.

Nicht nur Prominente müssen damit leben, dass ihr schwangerer Körper zur öffentlichen Pinnwand wird, auf der jedermann ungefragt einen Kommentar anbringen kann

Unter dem Twitter-Hashtag #alsichschwangerwar erzählen Frauen seit Anfang Monat von ihren Erfahrungen. Viele berichten davon, dass ihre Gewichtszunahme negativ kommentiert wurde – auch wenn sie im Rahmen des Üblichen und Gesunden lag. Viele wurden schon anfangs Schwangerschaft gefragt, ob sie Zwillinge erwarten. Viele erzählen, sie seien aufgefordert worden, weniger zu essen.

Kein Wunder, können viele Frauen die Veränderungen ihres Körpers während der Schwangerschaft nicht entspannt annehmen. Denn offensichtlich bedeuten die neun Monate, während derer das Kind im Bauch wächst, keine Pause vom gesellschaftlichen Druck, einen wohlgeformten Körper zu haben.

Die aktuelle Schwangerschaftsmode mag diesen Druck noch verstärken: Was früher schamhaft mit zeltartigen Gewändern kaschiert wurde, wird heute mit eng anliegenden Kleidern hergezeigt.

Die aktuelle Twitter-Diskussion ist eine Reaktion auf einen Artikel in der «Süddeutschen Zeitung». Die Autorin hatte aus Studien zitiert, die belegen, dass der gesellschaftliche Druck bei Schwangeren Spuren hinterlässt: Immer mehr Frauen haben während der Schwangerschaft ein gestörtes Essverhalten.

In einer im Jahr 2013 publizierten Studie der Universität London mit über 700 Schwangeren gab jede vierte Probandin an, grosse Angst vor einer Gewichtszunahme und der Veränderung ihrer Körperform zu haben.

Jede zehnte Teilnehmerin zeigte Anzeichen einer Essstörung: Sie trieb exzessiv Sport, hungerte, hatte Fressattacken, erbrach sich, verwendete Abführmittel oder Darmspülungen.

Bei jeder fünfzehnten Frau stellte das Team der Wissenschafterinnen eine tatsächliche Essstörung fest. Die Befunde lagen auf einer Linie mit einer amerikanischen Erhebung aus dem Jahr zuvor.

Bejubelte «Post-Baby-Bodys»

Psychiaterin und Studienleiterin Nadia Micali sagte gegenüber der «Süddeutschen Zeitung», die vielen Unzufriedenheiten der Frauen hätten einen Zusammenhang mit dem öffentlichen Bild der schwangeren Frau.

Prominente zeigten ihre Babybäuche und seien wenige Tage nach der Geburt wieder rank und schlank. «Diese Bilder erzeugen bei vielen Frauen unrealistische Erwartungen an ihren Körper», sagt Micali.

So prägen sich Frauen weltweit die Bilder all der Heidi Klums, Michelle Hunzikers oder Victoria Beckhams ein, die kurz nach der Geburt wieder mit flachem, trainiertem Bauch Unterwäsche modeln oder sich sonst gertenschlank ablichten lassen.

Manchmal geht es auch nicht ganz so schnell: Auf die ersten Bikini-Bilder von Kim Kardashian musste die Welt sechs Monate warten. Ihr straffer «Post-Baby-Body» wurde dafür umso euphorischer bejubelt.

Gynäkologin Bettina von Seefried, die als Belegärztin in den Hirslanden-Kliniken tätig ist, beobachtet, dass die Sorge um Gewichtszunahme auch hierzulande ein Thema ist. Die körperlichen Veränderungen während einer Schwangerschaft bedeuteten insbesondere für diejenigen Frauen spezielle psychische Belastungen, die schon zuvor an einer Magersucht erkrankt seien, sagt sie.

Dünne müssten mehr zulegen

Auf dem Internet-Portal Swissmom wird in der Rubrik «häufige Fragen» die Angst vor Gewichtszunahme in der Schwangerschaft thematisiert.

Wer vor der Schwangerschaft sehr schlank war, sollte pro Monat bis zu zwei Kilogramm zunehmen, raten die Fachleute. Wegen der fehlenden Reserven bei sehr schlanken Frauen bestehe rasch eine Gefahr für Mineral- und Vitaminmangelzustände und es könne zur Unterversorgung des Kindes kommen.

Ist die Frau vor der Schwangerschaft hingegen normalgewichtig, braucht es eine massive Fehlernährung seitens der Mutter, bis das Kind Schaden nimmt. «Die Natur ist darauf eingerichtet, das Ungeborene in hohem Masse zu schützen und dessen Gedeihen zu sichern», sagt von Seefried.