Die Taschenmaus tut es 20 Stunden lang am Tag, eine Katze 15 Stunden. Schweizerinnen und Schweizer geben im Durchschnitt an, sie würden 7 Stunden und 30 Minuten lange schlafen. Dies ergab eine aktuelle Umfrage des Bundesamts für Umwelt und der Universität Basel unter 1900 Personen.

Jede zehnte davon schläft regelmässig sogar unter sechs Stunden. Entsprechende Studien aus den 1970er-Jahren, seit denen das Thema Schlaf vermehrt wissenschaftlich untersucht wird, ergaben durchschnittliche Schlafzeiten von bis zu 9 Stunden. Brauchen die Menschen in der Schweiz heute weniger Erholung als noch vor 40 Jahren? «Nein», sagt Hans-Peter Landolt, Schlafforscher an der Universität Zürich, entschieden.

Schlaf hat ein schlechtes Image

Schlafmediziner Jens Acker beklagt das Image des Schlafs. Es werde als Schwäche angesehen, wenn man zu viel schlafe. Die Prioritäten seien bei den meisten klar verteilt, beklagt der Facharzt an der Klinik für Schlafmedizin in Bad Zurzach: «Zuoberst steht der Beruf, dann kommen soziale Aktivitäten und zuletzt der Schlaf.»

Diesen Eindruck teilt Schlafforscher Hans-Peter Landolt. Die durchschnittliche Schlafzeit habe abgenommen, weil die Schichtarbeit und technische Neuerungen wie das Internet eine 24-Stunden-Gesellschaft ermöglichen und prägen. Der Schlaf werde als notwendiges Übel empfunden; als Zeit, in der der Mensch unproduktiv und nicht erreichbar sei. Landolt plädiert dafür, dass man stärker auf seine Schlafbedürfnisse Rücksicht nimmt und den Schlaf als Prozess der Erholung und Leistungssteigerung bewusst macht.

So seien einige Menschen genetisch bedingt eher nachtaktiv, andere tagaktiv. Nach Möglichkeit sollten diese ihren Arbeitstag entsprechend anpassen. Vor allem solle man genügend schlafen und die Schlafumgebung optimieren: «Äussere Störfaktoren wie Licht, vor dem Schlafen fernsehen, Alkohol, Kaffee konsumieren oder ausgiebig essen, sollte man minimieren», rät Landolt. So könne man seine persönliche Leistungsfähigkeit enorm steigern, ist er überzeugt.

Von Managern, die damit prahlen, nur wenige Stunden Schlaf zu benötigen, hält der Forscher der Universität Zürich wenig. Auf die Dauer beeinflusse dies ihre Entscheidungsfähigkeit negativ und sei auch nicht gesund. Lieber verweist Landolt auf das Jahrhundert-Genie Albert Einstein. Dieser soll sich jeden Tag zwölf Stunden Schlaf gegönnt haben und revolutionierte dennoch die Wissenschaft.

Jeder Mensch hat ein individuelles Bedürfnis nach Schlaf. Im Durchschnitt liegt dies bei acht Stunden. Schläft man weniger als benötigt, nimmt die Leistungsfähigkeit rapide ab. «Der Schlafmangel wirkt sich aus wie ein Promille Alkohol im Blut», sagt Landolt.

Schlafmangel kostet Milliarden

Die gesellschaftlichen Folgen von Schlafmangel sind enorm: Verschiedene Studien gehen davon aus, dass die indirekten Kosten, die durch Schlafmangel verursacht werden, in der Schweiz jährlich bei 1,5 Milliarden Franken liegen.

Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung leidet an einer von knapp 90 verschiedenen Störungen. Am häufigsten treten anspannungsbedingte Ein- und Durchschlafstörungen auf. In der Gesundheitsbefragung 2012 des Bundesamts für Statistik gehörten Schlafstörungen zu den fünf meistgenannten körperlichen Beschwerden. Gemäss Schlafmediziner Acker trägt Schlafmangel zu einem wesentlichen Teil zu Erkrankungen wie Depressionen oder Burnouts bei.

Schlafentzug fördert Übergewicht

Ein weiterer bisher kaum beachteter Zusammenhang besteht zwischen dem Schlaf und dem Gewicht eines Menschen: «Entziehen wir unseren Probanden während einer knappen Woche ein bis zwei Stunden ihres benötigten Schlafes, verspüren sie mehr Hunger, und das Bedürfnis nach Süssem nimmt zu», sagt Landolt. Wenig Schlaf steigert damit den Hang zum Übergewicht.

In den letzten Jahren investierte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mehrere Millionen Franken in Kampagnen gegen Übergewicht und für gesunde Ernährung. Ein Zusammenhang mit den Schlafgewohnheiten der Bevölkerung wurde dabei jedoch nicht hergestellt. Man habe keinen Auftrag der Politik etwas in Bezug auf ungesundes Schlafverhalten zu unternehmen, heisst es beim BAG.

Gesundheitspolitiker Felix Gutzwiller (FDP/ZH) weist die Verantwortung von sich: «Es ist eher eine Sache der Kantone, da etwas zu unternehmen.» Es gäbe noch eine Reihe von weiteren Gesundheitsthemen, die man angehen könnte, aber alles müsse man nicht auf Bundesebene lösen, findet der Ständerat.

Doch auch auf Kantonsebene ist man auf das Thema Schlaf wenig sensibilisiert: «Der Staat muss die Bevölkerung nicht bevormunden und sich um alles kümmern», heisst es bei der Gesundheitsdirektion des Kantons Aargau. Man habe aber durchaus Schwerpunktprogramme zur Gesundheitsförderung für alle verschiedenen Lebenslagen. In denen spielt gesunder Schlaf allerdings kaum eine Rolle.

Den Schlaf vermessen

Warum wir Menschen schlafen, weiss bis heute kein Wissenschafter genau. Hans-Peter Landolt kann zumindest die Gehirnströme messen und genau sagen, wie aktiv unser Gehirn im Schlaf ist. Dafür verkabelt er die Köpfe von Probanden und zeichnet so ihre Gehirnströme in Form von Wellen auf. Je grösser die Wellen sind, desto weniger aktiv ist das Gehirn. Die grössten Wellen misst Landolt bei Menschen, die sich in der Non-REM-Phase der Schlafphase 4 befinden.

Der Schlaf ist in zwei sich mehrfach wiederholende Hauptphasen unterteilt. REM steht für Rapid Eye Movement – die Schlafphase, in der das Gehirn aktiv ist, Glieder unkontrolliert zucken und sich die Augen schnell bewegen. An Träume während dieser Phase können wir uns besonders gut erinnern. Auf die REM-Phase folgt die Non-REM-Phase, in der vier verschiedene Teilphasen unterschieden werden. In der Phase 4 ist die Gehirnaktivität am geringsten.

Ob und wie oft Menschen diesen Zustand erreichen, hängt unter anderem vom Alter und den Genen ab. Je älter sie werden, desto seltener versinken Menschen in die tiefste Schlafphase. Dagegen erhöht eine Variante des sogenannten Schlaf-Gens die Wahrscheinlichkeit für besonders tiefen Schlaf.

Jeder zehnte Schweizer hat das Gen. Betroffene können zwar tiefer schlafen, doch nicht unbedingt effizienter. «Das Schlafbedürfnis ist bei diesen Menschen grösser. Sie leiden stark unter zu wenig Schlaf», sagt Landolt.