Medizin
Regenerieren statt reparieren: Wieso Zahnärzte immer seltener zum Bohrer greifen

Lange galt: Zeigt sich ein Loch im Zahn, wird gebohrt. Doch das muss nicht mehr sein. Heute gibt es sanfte Methoden gegen Karies. Was taugen Kariesinfiltration, Fluoridierung und Remineralisierung?

Juliette Irmer
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Der beste Schutz gegen Karies – und gegen den damit verbundenen Gang zum Zahnarzt – ist noch immer Zähneputzen und wenig Zucker konsumieren.

Der beste Schutz gegen Karies – und gegen den damit verbundenen Gang zum Zahnarzt – ist noch immer Zähneputzen und wenig Zucker konsumieren.

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Gute Nachrichten für all diejenigen, die das fiese Geräusch beim Bohren so fürchten: Bei Karies zücken Zahnärzte den Bohrer immer seltener. Denn der Trend geht weg vom Reparieren, hin zum Regenerieren.

«Karies entsteht durch das Zusammenspiel der vier Faktoren Wirt, Bakterien, Nahrung und Zeit», sagt Florian Wegehaupt vom Zentrum für Zahnklinik der Universität Zürich. Das bedeutet: Bevor ein Loch im Zahn entsteht, muss viel passieren. Der menschliche Wirt muss ein Faible für Schokolade, Limo und Co. haben und dazu die Zahnpflege vernachlässigen.

Auf diese Weise züchtet er sich einen dichten Bakterienrasen heran, der beim Verdauen des Zuckers Säure bildet. Tut der Wirt das lang genug, greift die Säure die Zahnoberfläche an: Der Zahnschmelz, die härteste Schicht des Zahnes, demineralisiert. Nach und nach wird die Oberfläche weich und porös und bricht schliesslich ein. Doch soweit muss es nicht kommen, denn Zahnfäule lässt sich im Anfangsstadium gut stoppen.

Ähnlich wie ein Würfelzucker

Beginnende Karies erkennt der Zahnarzt oft an Zahnverfärbungen. Ist die Zahnoberfläche noch nicht beschädigt, hat er heute die Wahl: Er kann den Patienten zu gründlicher Zahnpflege auffordern, bohren oder «infiltrieren». Dazu ätzt er die oberste Schicht des Zahnes mit einem Säuregel an, um sie durchlässig zu machen.

Anschliessend träufelt er einen dünnflüssigen Kunststoff darauf, den die kariöse Stelle aufsaugt – ähnlich wie ein Würfelzucker Tee oder Kaffee aufzieht. Der Kunststoff härtet aus und verhindert ein weiteres Voranschreiten der Karies.

95 Prozent weniger häufig haben Menschen heute Karies als vor 50 Jahren. Dies obschon sich der Zuckerkonsum im gleichen Zeitraum mehr als verdreifacht hat. Der hauptsächliche Grund für diesen Erfolg ist die intensive Aufklärung.

Die Kariesinfiltration ist schonender als das Bohren, weil Zahnsubstanz erhalten wird, und für den Patienten schmerzfrei und geräuschlos. Und die beginnende Karies ist – unabhängig vom Verhalten des Patienten – gestoppt. «Selbst wenn keine optimale Mundhygiene vorliegt, schreitet die Karies am behandelten Ort meist nicht fort», sagt Nadine Schlüter vom Universitätsklinikum Freiburg. Auch der Langzeiteffekt sei gut. 90 Prozent der Infiltrationen sind stabil, ein ähnlicher Wert gilt für Füllungen.

Die Kariesinfiltration zählt zu den mikro-invasiven Methoden, da die Oberfläche mit Säure behandelt wird. «Generell sollte Karies immer nur dann mikro-invasiv behandelt werden, wenn ein Voranschreiten befürchtet wird», sagt Hendrik Meyer-Lückel von der Uniklinik RWTH Aachen und einer der Entwickler der Methode, die unter dem Namen ICON vermarktet wird. Was oftmals bei Karies in Zahnzwischenräumen der Fall ist.

Aber auch nach einer kieferorthopädischen Behandlung kommt die Methode infrage: «Bei der Abnahme von Brackets und Bändern entdeckt man häufig sogenannte «white spots» – aktive beginnende Karies – die sich mit dem Verfahren erfolgreich behandeln lassen», sagt Andreas Moritz von der Universitätszahnklinik in Wien.

Fünf klinische Studien haben die Wirksamkeit bewiesen. Die Kariesinfiltration musste sich dabei mit der erfolgreichsten non-invasiven Methode – der Fluoridierung – messen. Dabei werden die Zähne mit einem Fluoridlack bepinselt, was die Oberfläche widerstandsfähiger macht gegen Säure und bei beginnender Karies zuverlässig funktioniert, sofern der Patient die Zahnpflege ernst nimmt.

«Die Kariesinfiltration kann zwar nur selten angewendet werden, weil Karies meist diagnostiziert wird, wenn der Zahnschmelz schon zerstört ist. Dennoch kommt die Methode vermehrt zum Einsatz, da sie gerade bei Hochrisiko-Patienten erfolgversprechender ist als die alleinige Fluoridierung», sagt Moritz.

Neben der Kariesinfiltration existieren noch weitere schonende Methoden: Das Curodont-Verfahren kommt ebenfalls nur bei beginnender Karies infrage und fördert die Remineralisierung.

Putzen ist doch das Beste

So funktionierts: Der Zahnarzt trägt dazu ein spezielles Eiweissmolekül auf die geschädigte Stelle auf. Dieses dringt in die Karies ein und baut dort ein Stützgerüst auf in das sich Kalzium- und Phosphat-Ionen aus dem Speichel einlagern.

Das Schweizer Unternehmen wirbt mit einer natürlichen, non-invasiven Methode, doch die Studienlage ist dünn: «Wir haben Versuche in vitro, also im Reagenzglas, durchgeführt, die positiv waren. Das lässt sich aber nicht eins zu eins auf das wirkliche Leben übertragen», so Wegehaupt. Die ersten Studien zeigen zwar einen positiven Effekt, doch es bedarf noch mehr Forschung – insbesondere zur Langzeitwirkung.

Keine Karies kann man allerdings auch leichter haben: Indem man den permanent nachwachsenden Bakterienrasen täglich von den Zähnen schrubbt. Wie gut das funktioniert, zeigen verschiedene Studien: Obwohl der Zuckerkonsum sich in den vergangenen 50 Jahren mehr als verdreifacht hat, sank das Kariesvorkommen – dank intensiver Aufklärung – im ungefähr gleichen Zeitraum um bis zu 95 Prozent. Die Ausrede: Ich habe schlechte Gene, so Wegehaupt, sei also Quatsch.

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