Herr von Grünigen, wie geht es Ihnen?

Heinrich von Grünigen: Blendend. Ich bin ein neuer Mensch, seit ich in eineinhalb Jahren 80 kg abgenommen habe. Heute wiege ich rund 100 kg.

Gratulation. Was verhalf zum Erfolg?

Ich wurde angefragt, ob ich eine neue Diätetik ausprobieren möchte. Das Konzept, eine ketogene Ernährung ohne Kohlenhydrate wie Pasta, Brot, Kartoffeln, Linsen und Zucker in Kombination mit einer wöchentlichen Akupunktur-Therapie zur Unterdrückung von Hungerattacken und regelmässiger Bewegung hat mich überzeugt. Auch war ich an einem Punkt angelangt, wo der Leidensdruck meiner 180 kg Körpergewicht zu gross wurde.

Inwiefern?

Ich konnte keine 50 Schritte mehr laufen, ohne mich nach einer Sitzgelegenheit umzusehen, Treppensteigen ging schon gar nicht mehr und für einen Weg über 100 Meter nahm ich ein Taxi.

Ein Bild aus schwereren Zeiten: Heinrich von Grünigen im Jahr 2002.

Dennoch arrangierten Sie sich eine Zeit lang mit dem Gewicht?

Das ist so. Ich verdrängte den mühevollen Alltag. Dick sein hat auch seine Vorteile: Im Haushalt musste ich nicht helfen, die Post holte meine Frau, wie sie auch den Einkauf und viele andere alltäglichen Aufgaben erledigte. Auf die Frage, was denn mein Wohlfühlgewicht sei, antwortete ich stets: «Die 180 Kilo, liegend beim Fernsehen!»

Wo liegt Ihr Wohlfühlgewicht heute?

Ich fühle mich bereits sehr wohl, möchte dennoch weitere 20 kg abnehmen. Das Konzept sieht den strengen Ernährungsplan bis zum Erreichen meines Normalgewichts vor. Davor lauert stets die Gefahr eines Rückfalls.

Weshalb?

Wegen dem Bauchfett, das eine gewisse Eigendynamik entwickelt und plötzlich als eigenes Organ auf den Körper wirkt, indem es die für das Hungergefühl verantwortlichen Hormone Leptin und Adiponektin produziert. Im Gegenzug ermatten die Rezeptoren im Gehirn, die für die Produktion appetithemmender Hormone verantwortlich sind. Als Folge verspüren übergewichtige Menschen ein omnipräsentes Hungergefühl. Das viszerale Fett übt eine richtiggehende Terrorherrschaft aus.

Adipositas ist eng mit Ihrem Namen verbunden, auch wegen Ihres Engagements bei der Schweizerischen Adipositas-Stiftung.

Richtig, und das eine gäbe es nicht ohne das andere: Wäre ich normalgewichtig geblieben, hätten sich unsere Wege nicht gekreuzt. Ein Rauchstopp und ein Militärunfall Anfang zwanzig liessen mich innert Kürze 30 Kilo zunehmen. Durch Diäten und den Jojo-Effekt geriet ich in die Übergewichtsspirale. Mit 50 Jahren zeigte die Waage 160 Kilo an. Mein damaliger Job als Programmleiter bei DRS 1 brachte mich oft zu öffentlichen Veranstaltungen als prominenter Vertreter der Übergewichtigen. So kam es, dass mich eines Tages ein Arzt anfragte, der im Begriff war, eine Stiftung als Patientenorganisation zu gründen, ob ich dem Stiftungsrat beitreten möchte. Dies war 1998.

Sie sagten zu.

Das Ansinnen, die Schaffung eines interdisziplinären Adipositas-Zentrums, fand ich mehr als nötig. Immer mehr Menschen litten unter Übergewicht. Allerdings wurde dem Thema im medizinischen Bereich viel zu wenig Beachtung geschenkt. Die Ärzte behandelten die Symptome wie Bluthochdruck, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Störungen, packten die Problematik aber nicht an der Wurzel an.

Was wurde aus dem Zentrum?

Übergewicht ist ein drängendes gesellschaftliches Problem. Wir waren alle davon überzeugt, die Finanzierung hinzubekommen. Je höher wir allerdings bei den Banken vorsprachen, umso kürzer fielen die Sitzungen aus. In der Teppichetage hiess es dann: «Spinnt ihr! Geld für ein solches Zentrum sprechen wir sicherlich nicht gut. Die sollen einfach weniger essen.»

Wie ging es weiter?

Eine Auflösung stand im Raum. Da ich zum selben Zeitpunkt pensioniert wurde, bot ich an, als Präsident und Geschäftsleiter weiterzuwirken. Seit 2001 bin ich nun im Amt und versuche, die Stiftung über Wasser zu halten – mit wechselndem Erfolg.

31% der Schweizer sind übergewichtig, rund 10% adipös. Da müsste doch eine grosse Nachfrage herrschen?

Wären nur 2 bis 3% der rund 2 Millionen übergewichtigen Schweizer bei uns Mitglied, hätten wir keine finanziellen Sorgen. Leider sind die wenigsten bereit, sich aktiv zu engagieren oder zu verpflichten. Auch können wir aus finanziellen Gründen nicht mit einer Gönnerunterstützung für eine allfällige Magenbypass-Operation locken, wie es die Schweizer Paraplegiker-Stiftung bei einer eintretenden unfallbedingten Paraplegie tut. Deswegen waren immer wieder Überlebensmassnahmen notwendig.

Wie sieht die Zukunft aus?

Positiv. Im Rahmen der Gesundheitsstrategie 2020 im Bereich nichtübertragbare Krankheiten stehen wir kurz vor dem Abschluss einer Leistungsvereinbarung mit dem Bundesamt für Gesundheit. Der Auftrag lautet, unsere Helpline zu professionalisieren und die Anfragen detailliert auszuwerten. Zwei Jahre lang werden wir die Anfragen analysieren, schauen, wo bei den Übergewichtigen der Schuh drückt, Bedürfnisse eruieren, Themen herausfiltern. Wir haben pro Tag zwei bis drei Anrufe.

Viele Leute kämpfen mit ihren Kilos. Wo müsste Ihrer Meinung nach angesetzt werden?

Das Thema Adipositas ist extrem komplex. Es reicht nicht, nur an einer Schraube zu drehen. Beispielsweise gibt es Plastikweichmacher, die auf den Appetit wirken und den regulären Kontakt zwischen Darm und Gehirn beeinflussen. Andere Studien weisen bereits auf eine vorgeburtliche Programmierung zu Übergewicht hin, je nach Ernährungsweise der werdenden Mutter. Information und Aufklärung sind das A und O. Ein Ampelsystem, das Konsumenten auf einen Blick zeigt, welche Lebensmittel geeignet sind, wäre sinnvoll im Kampf gegen Adipositas, wie auch eine Zuckersteuer auf den Rohstoff, wie es England plant.