Ernährung

Radikales Fasten nützt nichts: Verzicht auf feste Nahrung kann schädlich sein

Sich eine Zeit lang nur von Säften und Tees zu ernähren, ist nicht unbedenklich. iStockphoto

Sich eine Zeit lang nur von Säften und Tees zu ernähren, ist nicht unbedenklich. iStockphoto

So manch einer verzichtet dieser Tage auf Süsses, sein Glas Rotwein oder ernährt sich gänzlich von Gemüseshakes. Doch wie gesund ist radikales Fasten wirklich? Experten warnen: Der Verzicht auf feste Nahrung kann schädlich sein.

So manch einer verzichtet dieser Tage auf Süsses, sein Glas Rotwein oder ernährt sich gänzlich von Gemüseshakes, denn es ist Fastenzeit. Dem Fasten werden etliche positive Wirkungen nachgesagt. Es soll unter anderem helfen, den Winterspeck loszuwerden oder den Körper zu entschlacken. Doch wie gesund ist radikales Fasten für den Körper wirklich?

Den Fastenbrauch gibt es seit Jahrhunderten und ist Teil fast jeder Kultur. Für Christen diente das Fasten früher unter anderem der Reinigung der Seele, um Busse zu tun oder um Demut zu üben.

Heute stehen diese Beweggründe jedoch meist im Hintergrund. Motivation ist der Gewichtsverlust, das Reinigen – Entschlacken – des Körpers, und bei manchen vielleicht auch der Verzicht. Es gibt verschiedene Typen von Fastenden. Einerseits die gemässigten, die auf ein Genussmittel – etwa Schokolade, Alkohol oder Zigaretten – verzichten. Und andererseits gibt es die radikalen Fastenden, die sich über eine gewisse Zeit von Rüebli-Spinat-Fenchel- oder anderen Gemüsesäften ernähren. Nur flüssige Nahrung zu sich zu nehmen, das ist wohl eine der radikalsten Arten, zu fasten.

Am Anfang nur Stress

Eins gleich vorweg: Mit der Fastenkur alleine bekommt man keine Strandfigur. Es ist wahrscheinlich, dass man während des Fastens etwas an Gewicht verliert. Wer aber nach der Fastenzeit wieder in alte Essgewohnheiten zurückfällt, hat seine Kilos schnell wieder auf den Rippen, sehr wahrscheinlich sogar mehr als vorher. Allgemein sind sich Experten ob der Wirkung des Fastens uneinig. Einige Wissenschafter sagen, es fördere die Gesundheit, andere sind überzeugt, dass es eher schädigend ist.

Wenn jemand fastet, bedeutet das für den Körper vorerst nur Stress. Weil er keine feste oder nur noch sehr wenig Nahrung bekommt, setzt eine Unterzuckerung ein. Dies führt zu einer Ausschüttung von Hormonen wie Adrenalin, Cortisol und Dopamin. Durch den Nahrungsmangel greift der Körper auf die eigenen Eiweissreserven zurück, und das heisst Muskelabbau. Das ist nicht ganz unkritisch: «Bei jungen Leuten ist das nicht so problematisch, aber im Alter kann ein Muskelschwund doch einschränkend sein», sagt Dr. Philipp Schütz, Stoffwechselexperte vom Kantonsspital Aarau.

«Das ist Pseudowissenschaft»

Durch die Ausschüttung der Hormone kann das Fasten ähnliche Effekte wie ein Antidepressivum haben. Depressive Symptome und Ärger werden weniger wahrgenommen.

Der fehlende Kaffee am Morgen oder die nicht gerauchte Zigarette nach dem Essen können sich anfangs durch Nebenwirkungen wie Kopfweh oder schlechter Laune negativ bemerkbar machen. Diese «Entzugserscheinungen» halten in der Regel aber nur etwa 24 bis 26 Stunden.

Das Fasten soll gegen psychischen und körperlichen Stress resistenter machen. Wissenschaftlich bewiesen ist zudem ein positiver Effekt bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. So konnte bei einer Untersuchung im US-Bundesstaat Utah an über 400 Fastenden ein deutlich gesenktes Risiko von Herzgefässerkrankungen festgestellt werden, wenn sie wiederholt fasteten. Auch bei der Behandlung von Asthma konnte man eine vielversprechende Wirkung feststellen. Bei Menschen mit rheumatoider Arthritis gingen die Schmerzen nach wenigen Tagen ohne feste Nahrung zurück, weil sie mit der Nahrung keine entzündungsfördernden Fettsäuren mehr aufgenommen haben. Schütz stellt diese Erkenntnisse infrage: «Das ist Pseudowissenschaft. Soweit ich weiss, gibt es keine wissenschaftlichen Belege für diese Resultate.»

Gesünder ernähren statt fasten

Statt zu fasten, solle man lieber eine gesündere Ernährung ins Auge fassen. «Fasten ist prinzipiell schlecht. Besser ist, wenn man sich ausgewogen, aber kalorienärmer ernährt. Das ist auch effektiver, wenn man Gewicht verlieren will.» Wer jedoch weniger radikal faste, also lediglich temporär auf Kaffee, Zigarette oder Schoggi verzichte, für denjenigen habe das sicher keine negativen Auswirkungen.

Auch Steffi Schlüchter, Ernährungsberaterin bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung, hält nicht viel davon, sich nur von Säften und Suppen zu ernähren. «Fasten ist auch mit Risiken behaftet: Der Verzicht auf feste Nahrung stresst den Körper und erhöht das Risiko von Gallensteinen und Gichtanfällen.» Wer jedoch trotzdem radikal fasten möchte, der sollte das in Begleitung eines Arztes machen.

Wer übrigens fastet, um seinen Körper zu entschlacken, kann getrost aufhören. Sogenannte Schlacken, Abfallprodukte des Stoffwechsels, gibt es wissenschaftlich gesehen gar nicht. Unser Körper ist Hausmeister genug und schaut von selbst, dass solche Stoffe ausgeschafft werden.

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