Herr Gasser, dank Ausnahmebewilligungen des Bundesamts für Gesundheit dürfen Sie und Ihr Solothurner Kollege Peter Oehen Patienten mit LSD therapieren – das ist weltweit einmalig. Bei wem setzen Sie diese extrem potente Substanz ein?

Peter Gasser: Das BAG erteilt Bewilligungen nur für Patienten, bei denen alle anderen Therapien nicht erfolgreich waren. Im Prinzip kann sich hierzulande jeder Arzt um eine solche Bewilligung bemühen. Ich behandle damit zum Beispiel Krebspatienten, aber auch Patienten mit extremen Kopfschmerzen, Zwangsstörungen, Alkoholproblemen und MS.

Wieso gerade LSD?

Weil ich davon überzeugt bin, dass es Patienten gibt, denen man auf diese Art und Weise am besten helfen kann.

Und wie kann LSD helfen?

Die Patienten nehmen die Substanz in meiner Praxis ein, von mir begleitet. Die Sitzung dauert bis zu zwölf Stunden. Die Patienten machen dabei eine tiefe Selbsterfahrung. Wir besprechen das Erlebte danach und versuchen es ins Leben zu integrieren.

Was erleben die Patienten denn im LSD-Rausch?

Gerade bei Krebspatienten macht LSD eine Fokussierung auf die existenziellen Themen. Sie kommen dank LSD schnell zum Kernthema, und das ist oft die Angst vor dem Sterben, aber auch die Frage, was mache ich mit der mir verbleibenden Zeit? LSD wirkt also einerseits wie ein Mikroskop: Man sieht das eigene Leben in Vergrösserung. Andererseits sagen viele, sie fühlten sich stärker verbunden – mit sich selbst, mit der Familie, der Natur, der Schöpfung. Diese Erfahrung wiederum macht den Patienten bewusst, dass sie mehr sind als nur der Krebs. Dass sie noch Fähigkeiten und Möglichkeiten haben und diese auch ausschöpfen möchten.

Das tönt jetzt nicht so sehr nach Betäubungsmittel . . . 

Das haben Sie richtig bemerkt. LSD ist eigentlich das Gegenteil. Die Substanz schärft das Bewusstsein, macht wacher und öffnet alle Sinneswahrnehmungen.

Aber LSD wurde doch als gefährliches Betäubungsmittel weltweit verboten.

Das war ein politischer Entscheid, der nie wissenschaftlich begründet war. In den 60er- und 70er-Jahren war LSD Symbol und Treibkraft für die Gegenkulturbewegung und damit eine Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft. Auf Bestreben der USA hin hat die WHO dann ein weltweites Verbot erwirkt. Das hatte leider zur Folge, dass LSD in der Medizin nicht mehr angewendet werden konnte, obwohl es dort gar nie Probleme gegeben hat. LSD war ja damals schon seit mehr als 20 Jahren sehr gut erforscht. Es gibt mehrere tausend wissenschaftliche Publikationen. Gerade die Toxikologie ist bestens erforscht. LSD hätte nie aus der Medizin verbannt werden müssen.

Und wie giftig ist LSD?

LSD ist ungiftig. Man müsste mindestens 20'000 Trips nehmen, um körperlich Schaden zu nehmen. Ein Risiko besteht hingegen auf der psychologischen Seite. Etwa dass jemand im Rahmen einer Schizophrenie eine Psychose bekommt. Deshalb ist es sehr wichtig, die Patienten sorgfältig auszuwählen.

Nicht dass einer aus dem Fenster springt, weil er glaubt, er sei ein Vogel. Damit wurde einem ja immer Angst gemacht vor LSD

Das sind Schauermärchen. Ich habe bisher zumindest keine Literatur gefunden, die das bestätigen würde. Wir geben den Patienten eine Dosierung von 100 bis 200 Mikrogramm. Damit ist gewährleistet, dass sie noch eine gute Selbstbeobachtung haben, denn die ist ja gerade wichtig bei der Therapie.

LSD ist ein unspezifischer Verstärker, der Trip schwer zu steuern.

Dessen bin ich mir bewusst. Die Substanz hat etwas Unberechenbares. Es gibt keine Garantie, dass man mit LSD schöne Erfahrungen macht. Deshalb braucht es einen sicheren Rahmen und erfahrenen Begleiter. Peter Oehen und ich machen sichere Behandlungen. Das ist schon eine wichtige Aussage bei einer so kontroversen Therapie.

Was halten Sie vom Microdosing, also davon, dass man zwecks Leistungssteigerung LSD in Kleinst- dosen nimmt, so wie es im Silicon Valley gerade in ist?

LSD, um noch das Letzte aus der Zitrone zu pressen – das entspricht dem Zeitgeist, sehe ich aber kritisch. Ich glaube auch, dass es sich dabei vor allem um eine Placebowirkung handelt. Ich fände eine andere Frage interessanter, nämlich die, ob LSD in Kleinstdosen, wo es keine psychoaktive Wirkung hat, ein Mittel sein könnte gegen Depressionen? Rein als Medikament, nicht als Hilfsmittel für die Psychotherapie. Dazu gibt es noch keine Forschung.

Albert Hofmann hatte die Vision, dass LSD auch gesunden Menschen helfen könnte – als Mittel für persönliches Wachstum. Was meinen Sie, gibt es ausserhalb der Medizin sinnvolle Anwendungen für LSD?

Unter gewissen Voraussetzungen durchaus. Viele Menschen machen mit LSD tiefe spirituelle Erfahrungen, und das macht in der Regel bescheidener und dankbarer. Da sehe ich schon ein Potenzial.