Krankheit

Pest: Die unbesiegbare Plage ist wieder auf dem Vormarsch

Triumph des Todes (1597), Kopie Jan Breughels des Älteren nach einer Vorlage seines Vaters Pieter Breughel. Der Tod holt sich die an Pest erkrankten.akg images

Triumph des Todes (1597), Kopie Jan Breughels des Älteren nach einer Vorlage seines Vaters Pieter Breughel. Der Tod holt sich die an Pest erkrankten.akg images

In den USA wurden dieses Jahr fast doppelt so viele Pestfälle gemeldet wie in durchschnittlichen Jahren. Müssen wir uns in Europa vor der Krankheit fürchten?

Es war eine tragische Meldung, die Zeitungen in Amerika diesen Sommer publizierten: Am 8. Juni starb der Teenager Taylor Gaes aus Colorado an Pest, einen Tag nach seinem 16. Geburtstag. Kurz zuvor hatte er nach einem Baseball-Spiel über Fieber, Schüttelfrost und heftige Schmerzen geklagt, und alle glaubten, er habe sich eine Grippe eingefangen. Bis er Blut hustete und auf dem Weg ins Spital zu atmen aufhörte. Die Behörden vermuten, er habe sich durch einen Flohbiss auf der Farm seiner Eltern angesteckt.

Damit wurden in den USA dieses Jahr bereits elf Menschen mit der Pest angesteckt, drei davon starben. Das sind mehr als die durchschnittlichen fünf bis sechs Erkrankungsfälle eines Jahres. Deshalb haben die amerikanischen Gesundheitsbehörden diese Woche die Ärzte aufgerufen, besonders achtsam zu sein: «Diesen Sommer sollten Ärzte an die Möglichkeit einer Pest-Erkrankung denken, wenn sie Patienten mit grippeähnlichen Symptomen sehen, und fragen, ob sie vom Campen oder Wandern kommen oder toten Nagetieren begegnet seien.»

Genau da liege das Problem, sagt Christoph Hatz, Chefarzt am Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut: «Eine neu auftretende oder seltene Krankheit muss erst erkannt werden. Die Pest ist auch in Amerika so selten, dass Hausärzte nicht sofort daran denken.» Werde eine Pesterkrankung hingegen rechtzeitig diagnostiziert, lasse sie sich meist problemlos mit Antibiotika behandeln.

Bei uns gilt die Pest heute als ausgerottet: In der Schweiz, so vermeldet das Bundesamt für Gesundheit BAG auf seiner Infoseite, sind in den letzten 30 Jahren keine Pestfälle aufgetreten. «In Europa gab es den letzten dokumentierten Pestausbruch im Zweiten Weltkrieg», heisst es weiter. «Man nimmt an, dass die Pest gegenwärtig in Europa nicht mehr existiert.» Auch Tropenarzt Hatz sagt, sei es «höchst unwahrscheinlich», dass es jemals wieder zu einer echten Epidemie komme. «Bei uns im Mittelalter war es die Rattenpest, die umging, also eine andere Form. In den dicht besiedelten, schmutzigen Städten verbreiteten sich die Ratten rasend schnell, steckten einander an und verendeten an der Krankheit. Danach sprangen die Flöhe auf die Menschen über und steckten sie an.» Die heutigen Hygieneverhältnisse und Behandlungsmöglichkeiten verhindern dieses Szenario.

Anders in Drittweltländern: Erst im November letztes Jahr kam es plötzlich in Madagaskar zu einer kleinen Epidemie, von rund 120 Erkrankten starb ein Drittel. Das Problem waren die hygienischen Verhältnisse und dichte Menschenmassen in Armenvierteln. Yersinia Pestis heisst das Bakterium, das im Mittelalter rund 25 Millionen Menschen dahinraffte, rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung.

In den USA kommt es jedes Jahr wieder zu vereinzelten Ausbrüchen, und meist sind Präriehunde oder Streifenhörnchen beteiligt: Sie übertragen die Krankheit via Flöhe. Die meisten Fälle verzeichnen New Mexico, Arizona, Colorado und Kalifornien. Erst vorletzte Woche fiel bei einem Mädchen aus Kalifornien der Test positiv aus, nachdem sie den Stanislaus National Forest und Yosemite National Park besucht hatte. «Warum 2015 die Zahl der Ansteckungen höher ist als in anderen Jahren, ist unklar», erklärte das Nationale Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention. Pest zirkuliere unter wild lebenden Nagern und ihren Flöhen in ländlichen und halbländlichen Gebieten im Westen der Vereinigten Staaten.

Für Tropenarzt Hatz ist das weder verwunderlich noch dramatisch: «In diesen weitläufigen Landschaftsteilen mit so vielen wild lebenden Nagetieren kann man die Krankheit niemals ganz kontrollieren.» «Von einer Epidemie zu reden, ist aber übertrieben.» Auf über 300 Millionen Einwohner sind die 91 Fälle seit dem Jahr 2000 immer noch extrem wenig. Obwohl: «Wenn plötzlich doppelt so viele Fälle auftreten wie üblich, dann gilt es schon, ein Auge darauf zu haben.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1