Diagnose

Patient riecht gut – ist gesund

Hat sein Arzt einen geübten Blick und eine gute Nase, kann der Patient bei der Diagnose davon profitieren.

Hat sein Arzt einen geübten Blick und eine gute Nase, kann der Patient bei der Diagnose davon profitieren.

Auch im digitalen Zeitalter können gute Ärzte viele Krankheiten schon am Gesicht oder am Geruch ihrer Patienten erkennen.

Viele Arztpraxen verfügen über einen imponierenden Maschinenpark. Der Patient wird durchleuchtet und vermessen, sein Blutdruck und Herzschlag überwacht, sein Blut und Urin analysiert. Die Technik verleitet indes zum übertrieben häufigen Gebrauch, was die Kosten steigert. Dabei hat sich auch im Zeitalter der elektronisch erzeugten Datenfülle nichts daran geändert: Rund 80 Prozent aller Krankheiten kann der Arzt durch einfaches Befragen und eine unkomplizierte Untersuchung des Patienten sicher erkennen.

Allein in den paar Sekunden, die ein Patient braucht, um von der Tür bis zum Stuhl zu gelangen, kann ein geübter Arzt folgende wichtige Einzelheiten für seine Diagnose registrieren:

  • Übergewicht? Wenn ja, besteht das Risiko von hohem Blutdruck und Herzschwäche.
  • Ödeme? Wasseransammlungen im Gewebe an den Lidern deuten auf eine Nierenschwäche; Ödeme an den Beinen lassen ein krankes Herz vermuten.
  • Mimik? Depressive Menschen haben oft einen typischen Gesichtsausdruck. Bei Menschen mit Magengeschwüren entstehen oft tief eingekerbte Falten um den Mund.
  • Körperhaltung? Sie lässt sich gut einordnen, zum Beispiel bei Hexenschuss, Schwangerschaft, Kolikschmerzen oder halbseitigen Lähmungen.
  • Haut? Blässe deutet auf Blutarmut, stark rosige Backen auf einen Herzfehler, fahle, gelbliche Färbung auf Gallen- und Leberleiden, trockene Haut auf eine Unterfunktion der Schilddrüse.
  • Atmung und Stimme? Wichtig für die Diagnose sind Atemnot, Stimmbruch, Heiserkeit sowie Stimmwechsel im Klimakterium.
  • Augen? Eine Überfunktion der Schilddrüse (Morbus Basedow) lässt sich häufig schon an den übermässig gross und weit aufgerissen erscheinenden Augen erkennen. Neben den hervortretenden Augäpfeln kommt es häufig auch zu Lidschwellungen.

«Siehst müde aus, was fehlt dir?»

Übrigens können auch Nichtmediziner oft schon am Aussehen erkennen, ob ihr Gegenüber malad ist. Eine aktuelle Studie des Instituts für Stressforschung der Universität Stockholm erbrachte dafür den Beweis mit einer ungewöhnlichen Versuchsanordnung: Die Forscher machten 22 gesunde Freiwillige mit einer Spritze aus einem Bakterium-Toxin (E.-coli-Endotoxin) vorübergehend krank und fotografierten sie zwei Stunden nach diesem Eingriff in ihr Immunsystem. Zur Kontrolle dienten Fotos, die mehrere Wochen später aufgenommen wurden, diesmal nach der Verabreichung einer Placebo-Spritze, die lediglich eine Kochsalzlösung enthielt.

Die so entstandenen Porträts wurden 62 Studenten zur Bewertung vorgelegt. Sie sollten schon nach jeweils fünf Sekunden beurteilen, ob die Person darauf «krank» oder «gesund» aussieht. Die Unterscheidung gelang den medizinisch nicht geschulten Teilnehmern überdurchschnittlich häufig. Als Zeichen des Krankseins wurden vor allem blassere Lippen und Haut, ein stärker geschwollenes Gesicht, herabhängende Mundwinkel, hängende Augenlider, rötere Augen, eine matte oder fleckigere Haut und ein insgesamt «müdes» Aussehen benannt. Die Studie wurde im international angesehenen Fachjournal «Proceedings of the Royal Society B» publiziert.

Hat Ihr Arzt eine gute Nase?

Doch nicht nur sein geübter Blick, auch eine gute Nase kann für einen Arzt von beruflichem Vorteil sein. Nach jüngeren Untersuchungen an der Rockefeller-Universität in New York können Menschen eine Billion Gerüche auseinanderhalten, weit mehr als die bis zu 7,5 Millionen unterscheidbaren Farben und die rund 340'000 Töne. So werden in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) aus dem Geruch des Atems eines Patienten Schlüsse zu dessen Gesundheitszustand gezogen. Es gibt eine Reihe von Krankheiten, die Ärzte ohne weitere Hilfsmittel allein am Geruch erkennen können.

Zu den bekanntesten und am häufigsten auftretenden krankhaften Gerüchen gehört ein aromatisch-fruchtartig nach Äpfeln oder Apfelkeller riechender Atem. Er entsteht durch die Beimengung von Aceton, der zum Beispiel bei einer unzureichenden Einstellung eines Zuckerkranken entsteht. Aber auch Menschen, die gerade eine Hungerkur machen, riechen durch die dabei entstehende sogenannte ketotische Stoffwechsellage oft nach Nagellackentferner. Einen ähnlichen, aromatisch-säuerlichen Geruch haben auch viele Babys, die in den ersten Stunden nach der Geburt eine Hungerperiode durchleben.

Es sind vor allem angeborene Stoffwechselstörungen, die mit einem charakteristischen Körper- oder Atemgeruch einhergehen. So lässt sich die sogenannte Ahornsirup-Krankheit am Geruch nach Ahornsirup, Fleischextrakt oder Maggiwürze erkennen. Andere Stoffwechselkranke riechen nach ranziger Butter, getrocknetem Hopfen, Hefe oder Katzenurin. Der Geruch von Menschen mit Leberversagen oder Leberzirrhose («Foetor hepaticus») erinnert an rohe Leber oder faulen Fisch. Patienten mit der Stoffwechselkrankheit Phenylketonurie riechen oft nach Mäusen, Ratten oder Pferden.

Auch der Geruch nach Knoblauch ist nicht immer auf eine schmackhafte Mahlzeit zurückzuführen: Er kann auch durch eine Vergiftung mit Phosphor oder Arsen entstanden sein. Der Geruch nach saurem Schweiss wiederum liegt nicht zwingend an der Hygiene. Er kann zum Beispiel auch im Gefolge einer Tuberkulose-Erkrankung auftreten. Und wer nach Schweissfüssen riecht, benötigt manchmal nicht nur ein Fussbad, sondern einen auf Stoffwechselstörungen spezialisierten Arzt. Für den käsigen Geruch der Schweissfüsse sind übrigens Bakterien verantwortlich, die Buttersäure produzieren. Diese Substanz ist derart geruchsintensiv, dass sie noch in milliardenfacher Verdünnung wahrnehmbar ist.

Der Körpergeruch gehört, wie Fingerabdrücke oder der Klang der Stimme, zu den unverwechselbaren Merkmalen eines jeden Menschen. Es spricht übrigens vieles dafür, dass der menschliche Organismus je nach innerer Gefühlslage unterschiedliche Gerüche produziert. Ein Beweis dafür ist die Tatsache, dass ein Hund besonders gern einen Menschen angreift, wenn dieser sich vor ihm fürchtet. Das Tier reagiert damit auf den «Angstgeruch» des Menschen.

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