Schönheit
Ohne Brusthaar und Bauchfett: Männer werden immer eitler

Um dem neuen Schönheitsideal nachzukommen, decken sich Männer mit Kosmetika und Anabolika ein. Kein Fett, dafür viele Muckis, so lautet das von klein auf anerzogene Ideal. Dieses hat seinen Preis: Immer mehr junge Männer verfallen der Magersucht

Iris Muhl
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Bei Männern zeigt sich ein Nachholbedarf, wenn es um die Sensibilität gegenüber dem eigenen Körper und um die Selbstfürsorge geht. Kosmetikerinnen verzeichnen in den letzten Jahren einen Anstieg von
20 bis 30 Prozent männlicher Kunden. Sascha Bader, Kosmetikerin in Zürich: «Jeder vierte Kunde ist mittlerweile ein Mann. Und diese Männer sind sehr körperbewusst.»

In der neuen Werbung der Migros kauft ein Mittzwanziger an der Kasse Wachsblätter zur Enthaarung der Brust und der Beine, während ihn die Kassierin anhimmelt. Besonders Männer der neuen Generation kümmern sich um ihr Aussehen. Reihen sich nun die Männer auch in die stets rasierte und perfekt gepflegte Frauenrunde ein, die nie ungekämmt und ohne Farbe auf Gesicht und Haar aus dem Haus geht?

In der Tat ist diese Tendenz da», meint der Psychiater Joachim Küchenhoff, Chefarzt der Psychiatrie Baselland. «Die Sensibilität für den eigenen Körper galt lange Zeit im Rollenklischee als unmännlich.» Männer nehmen sich mehr Zeit, ihren Körper zu «verschönern» und zu pflegen. Allmählich beginnen sich die Geschlechter-Stereotypen aufzuweichen. Die verbesserte Sensibilität hat aber auch einen Grund. Viele Männer sehen in ihr eine Vermarktungsstrategie. Auch Spitzenpolitiker wie Obama unterlassen es nicht, sich vor wichtigen Sitzungen im adretten Trainingsanzug durchs Grün zu manövrieren und damit der Welt zu erklären, wie fit sie ihren Erfolg angehen.

«Medial transportierte Normen wie erfolgreiche Männer ohne Bauchfett führen unweigerlich auch zu einem gesteigerten Interesse an der Ernährung», sagt Joachim Küchenhoff. Ein regelrechter Körperwahn herrscht in unserer Gesellschaft. Teilweise setzte die Beschäftigung mit dem eigenen Körper bereits im Kinderzimmer ein, meint Brigitte Rychen von der Beratungsstelle PEP, Prävention von Essstörungen. Zum Beispiel mit Ken, dem braun gebrannten, durchtrainierten Pendant der perfekten Barbie.

Tatsächlich gebe es einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Eltern und deren Kindern. Die Eltern, die oftmals seit vielen Jahren schon dem Kult um Aussehen und Gewicht unterworfen seien, transportierten das direkt aufs Kind. Auch Kinder müssen daher früh schon in enge Hosen passen, wie sie Erwachsene tragen und auf ihr Aussehen achtgeben. Kein Wunder, denn die Kindermode wird der Erwachsenenmode stark angepasst.

Diese Entwicklung hat aber bei jungen Männern Auswirkungen: ein frühes übersportliches Trainingsverhalten und Essstörungen, die bislang nur Frauen betroffen haben. Bereits jeder zehnte Patient mit Anorexie oder Bulimie sei ein Mann, stellt Küchenhoff fest. Dazu gehören übermässiges Essen bis hin zur totalen Nahrungsverweigerung. Essstörungen dienen aber nicht nur dazu, den Körper möglichst stark zu manipulieren. Es geht auch um das Selbstgefühl. «Sich Nahrung einzuverleiben, ist ein Trostmechanismus und gleichzeitig eine Form, sich seiner selbst in Momenten, wo das Selbstgefühl entgleitet, zu vergewissern», erklärt Küchenhoff. Dieser kleine Trost sei trügerisch und trage nicht weit. Der Experte warnt: «Ein gestörtes Essverhalten kann sich derart suchtartig im eigenen Erleben ausbreiten, dass sie viel zu viel Aufmerksamkeit im Denken und Tun beanspruchen und viele wichtige Dinge vernachlässigt werden.»

Im Hinblick auf die grossen Gefahren von Essstörungen ist die Präsenz des Themas in der Öffentlichkeit absolut minim. Dennis Quaid, Hollywoodstar, war bisher einer von vereinzelten Promis, die sich in den Medien über eine vergangene Magersucht ausliessen. Er wog während seiner Essstörung 58 Kilo mit 1,83 Metern. «Ich konnte mich nicht mehr aus dem Pool heben, da meine Arme derart abgemagert waren», so sein Statement in einem Boulevardblatt.

Ansonsten gilt das Thema nach wie vor als tabu. Und so ranken sich die Gerüchte um Bill Kaulitz, den Sänger von Tokyo Hotel, weiter. Ist er einfach nur schmächtig oder doch magersüchtig? Auf jeden Fall zeugen sein androgyner Stil und die Schminke im Gesicht von einem neuen Kult um Körper und Kosmetika, wie ihm andere Männer zwar nicht abgeneigt sind, aber doch eher heimlich als offensichtlich frönen.

Das Problem sei, sagt Brigitte Rychen, dass Männer die Angst beherrsche, als homosexuell zu gelten, wenn sie sich allzu stark der «Verschönerung» des Körpers hingeben. Jedoch gehe es primär nicht um Schlankheit, sondern um Muskeln und Kraft, Potenz und Erfolg. «Wir stellen in unserer Beratungsstelle fest: Junge Männer wollen vor allem eins: schön und reich sein», meint Brigitte Rychen. Heute hat bereits jeder zehnte Junge versucht, mittels einer Diät an Gewicht zu verlieren. Um aber gleichzeitig Muskeln aufzubauen, suchen sie bereits mit 14 Jahren Fitnessstudios auf, um den perfekten Körper zu erlangen.

Dr. Michael Siewers, Sportmediziner an der Universität Kiel, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Kinder- und Jugendsport: «Wir haben auf der einen Seite die Masse der Kinder, deren Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer von Jahrgang zu Jahrgang abnimmt. Daraus resultieren Übergewicht, Haltungsschäden und Konzentrationsstörungen. Auf der anderen Seite gibt es Jugendliche, die einem überzüchteten Körperideal entgegeneifern und ihren Körper mit zu schweren Übungen total überfordern.» Manche Jugendliche wollen das langsame Muskelwachstum mit Fördermitteln ankurbeln. Dazu gehören Proteindrinks, aber auch illegale Substanzen wie Steroidanabolika.

Am Schweizer Zoll erreichen derweil die Mengen an beschlagnahmten Anabolika-Sendungen den Höchststand. Rund 300 Pakete pro Jahr, die an Bodybuilder und Jugendliche verschickt werden und auf dem Internet bestellt worden waren, bleiben bei den Behörden liegen. Küchenhoff zählt auf die Frage, wie gefährlich diese seien, gleich eine ganze Liste von Faktoren auf. Akne, Arteriosklerose, toxische Leberschäden, unnatürliche Brustvergrösserung. Der Psychiater meint, die nicht medizinisch indizierte Einnahme von Anabolika soll vermieden werden: «Mit ihnen schlägt die Sorge um den eigenen Körper in selbstschädigendes Verhalten um.»

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