Weltrekord
Nirgendwo auf der Welt wird so viel operiert wie in der Schweiz

Ob künstliches Hüftgelenk, Blinddarm oder Kaiserschnitt: In keinem anderen Industrieland kommen die Patienten so oft unters Messer wie in der Schweiz. Das stösst nun selbst bei Ärzten auf Kritik. Teure Operationen seien häufig unnötig, sagen sie.

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In der Schweiz wird am meisten operiert.

In der Schweiz wird am meisten operiert.

Keystone

Das zeigen die Recherchen der «Schweiz am Sonntag», gestützt auf eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Diese hat Daten von fünf häufigen Operationen aus 17 Mitgliedsländern miteinander verglichen.

Das Resultat: Die Schweiz ist führend beim Einsetzen künstlicher Hüften und bei Prostataoperationen. Auch macht kein europäisches Land mehr Gebärmutterentfernungen. Bei Kaiserschnitten und Blinddarmoperationen liegt die Schweiz auf Platz zwei.

Zur grossen Operationsfreudigkeit trage die hohe Spitaldichte in der Schweiz bei, sagt Stefan Felder, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Basel. «Wir haben eine eindeutige Überversorgung im stationären Bereich. Es gibt sehr hohe Kapazitäten mit vielen zu kleinen Spitälern.»

Jetzt mahnen selbst die Ärzte, die teuren Operationen seien häufig unnötig. «Für zahlreiche seit langem etablierte medizinische Verfahren gibt es keine Studien, die einen Nutzen nachweisen konnten», hält die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften fest.

Sie hat nun die ärztlichen Fachgesellschaften damit beauftragt, bis Ende Jahr eine Liste mit jeweils zehn offensichtlich unnötigen Behandlungen zu erarbeiten. Diese sollen daher nicht mehr durchgeführt und von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt werden.

«Operationen und Diagnosemethoden, deren Wert für den Patienten nicht erwiesen ist, sollen aus dem Grundleistungskatalog gestrichen werden». sagt Peter Suter, Vizepräsident der Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Zu diesem Zweck finden in den kommenden Wochen Gespräche mit Gesundheitsminister Alain Berset statt. «Es hat einen gewaltigen Kosteneffekt, wenn alle unnötigen Abklärungen und Interventionen nicht mehr gemacht werden», sagt Suter. Er schätzt die Einsparmöglichkeiten auf bis zu 20 Milliarden Franken pro Jahr.

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