Die Brust ist ein Sinnbild für Weiblichkeit. Wenn sie wegen einer Krebserkrankung entfernt werden muss, verlieren Frauen damit nicht nur ein wichtiges Körperteil, sondern oft auch ihr feminines Selbstbewusstsein. Nicht selten ist ein Brustimplantat die einzige Lösung für die Betroffenen, sich in ihrem Körper wieder wohlzufühlen.

Umso härter muss es sein, wenn einem dann im Nachhinein vorgeworfen wird, man habe sich die Brüste nur aus ästhetischen Gründen operieren lassen. Genau dies ist einer Luzernerin passiert. Schon als junges Mädchen musste sie vier Mal wegen Zysten an den Brüsten operiert werden. Irgendwann rieten die Ärzte den Eltern, die Brüste ganz entfernen zu lassen, um bösartige Veränderungen zu verhindern. Als 1985 erneut ein gutartiger Tumor entdeckt wurde, empfahl der damalige Arzt, die Brüste «auszuräumen», also das auffällige Gewebe komplett zu entfernen und beidseits Prothesen einzulegen. Damals war die Patientin gerade mal 20 Jahre alt.

Körper stösst die Implantate ab

Knapp 30 Jahre später macht der Frau ihre Brust erneut Sorgen. Um die Implantate hat sich eine Bindegewebeschicht gebildet, die sich verhärtet hat. Der Körper versucht, das Silikon abzukapseln – eine sehr schmerzhafte Immunreaktion, die zu einer Verformung der Brust führt. Aus ärztlicher Sicht ist deshalb klar: Die Implantate müssen raus.

Unklar ist allerdings, wer dafür zahlen soll. Die Krankenkasse lehnt eine Kostenübernahme zunächst kategorisch ab. Kurze Zeit später erklärt sie sich immerhin bereit, für die Entfernung aufzukommen – nicht aber für das Einsetzen neuer Prothesen.

Die Krankenkasse ist überzeugt, dass die Frau sich damals aus ästhetischen Gründen die Brüste vergrössern liess – und nicht weil es gesundheitlich nötig gewesen wäre. Das Problem: Der Bericht über die damalige Operation und auch der Befund der Gewebeuntersuchung sind nicht mehr auffindbar. Weder im Pathologiearchiv des Luzerner Kantonsspitals noch sonst wo. Auch die damalige Krankenkasse kann keine Unterlagen über die Frau mehr finden. Diese Akten würden grundsätzlich nicht über die Dauer der gesetzlichen Aufbewahrungsfrist hinaus archiviert, heisst es von dieser Seite her – in der Regel sind dies zehn Jahre.

Für die Betroffene hat dies weitreichende Konsequenzen. Wenn sie die Implantate entfernt, aber nicht ersetzt werden – was mehrere tausend Franken kosten dürfte – kommt dies einer Brustamputation gleich. Das will die Frau verhindern, und wehrt sich vor dem Kantonsgericht gegen den Entscheid der Krankenkasse.

Nur der Vertrauensarzt der Krankenkasse glaubt an eine Schönheits-OP – vier Kollegen widersprechen

In seinem Urteil setzt sich das Gericht mit Berichten und Einschätzungen von fünf verschiedenen Ärzten auseinander. Vier davon bestätigen die von der Patientin geschilderte Krankengeschichte. Sie machen geltend, dass bei der Frau kein Drüsengewebe mehr vorhanden ist. Dies spricht dafür, dass bei der Operation 1985 der gesamte Drüsenkörper entfernt wurde. Bei einer Schönheits-OP gehen die Ärzte anders vor: Das Silikon-Implantat wird dann in der Regel unter das Brustdrüsengewebe gelegt.

Der Vertrauensarzt der Krankenkasse allerdings widerspricht der Auffassung seiner Kollegen. Er meint, es habe sich um eine Schönheitsoperation handeln können, das Drüsengewebe hätte sich bei der 53-jährigen Patientin durch das Alter zurückgebildet.

Das Gericht allerdings hält dies für unwahrscheinlich. Das Drüsengewebe kann sich zwar über die Jahre zurückbilden – nicht aber komplett verschwinden. Die Kasse muss also den ganzen Eingriff zahlen. Entscheidend sei, so das Gericht, dass bei dem ursprünglichen Eingriff keine ästhetischen Motive ausschlaggebend gewesen seien. Das Bundesgericht habe Brustrekonstruktionen nach einer teilweisen oder vollständigen Entfernung der Brust als grundsätzlich kassenpflichtig eingestuft. Allerdings gilt dies nur für eine «massvolle Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands» – es ist also nicht erlaubt, die Brüste bei der Gelegenheit zu vergrössern.