Naturheilkuren

Molken, Blutegel und Bachblüten: Appenzell Ausserrhoden ist das Eldorado der Naturheiler

Hier wird ihnen mehr vertraut als den Schulmedizinern. Kein Wunder: die Therapie muss passen wie ein Massanzug und Naturheilkunde gehört im schönen Appenzellerland noch zur Identität.

Plagt den Appenzeller einen bösen Keuchhusten oder leidet er an chronischen Kopfschmerzen, so geht er zum Naturheilpraktiker. Ihm vertraut er mehr als dem Hausarzt. Allein im Kanton Appenzell Ausserrhoden mit seinen 53 562 Einwohnern bieten 245 registrierte Heilpraktiker ihre Dienste an.

Einer von ihnen ist Roland Vontobel. Vor 15 Jahren hat er den Tannenhof in Teufen übernommen. Hier trägt er Tinkturen auf, legt Blutegel an und verabreicht Bachblütentropfen. Dabei steht immer der einzelne Patient im Zentrum.

Therapie muss passen wie ein Massanzug

«Eine Krankheit will uns immer sagen, dass wir etwas in unserem Leben ändern müssen», meint Vontobel. In seinen Sprechstunden versucht er herauszufinden, was für Änderungen nötig sind und wendet zur Unterstützung therapeutische Massnahmen an. «Jede Therapie ist auf die individuellen Gegebenheiten des Patienten zugeschnitten – wie ein Massanzug», sagt Vontobel. In der Schulmedizin nennt man ein solches Vorgehen auch «personalisierte Medizin»; sie feiert – wenngleich unter anderen Vorzeichen – derzeit Hochkonjunktur.

«Wir betreiben Medizin, wie sie schon immer war und sich bewährt hat», sagt Vontobel. Seine Spezialität ist die «Rote Salbe», die gegen Verbrennungen hilft und den Wundprozess beschleunigt. Hergestellt wird sie im Untergeschoss des Tannenhofs. Die Ingredienzen für seine Salben sucht der Heilpraktiker selber in der Appenzeller Natur.

Ins Geheimnis der «Roten Salbe» eingeweiht wurde Vontobel von Alfred Siegrist (1918–2012), der als Naturarzt die Praxis Tannenhof bis 1995 führte. Siegrist bekam das Kräuterwissen von seiner Mutter, Karoline Sigrist-Schefer (1891–
1976), vermittelt. Diese wiederum wurde von ihrer Mutter, Katharina Schefer (1850–1928) in die Naturheilkunde eingeführt. Im Appenzellerland setzt man auf Tradition.

Im 18. Jahrhundert kamen im Appenzellerland die Molkenkuren und Molkenbäder auf. Zusammen mit der frischen Luft sollten sie ihre heilsame Kraft gegen alle möglichen Gebrechen entfalten. Zu einem eigentlichen Boom der Naturärzte kam es dann im 19. Jahrhundert. Verantwortlich dafür war unter anderem die liberale Gesetzgrundlage gegenüber den Heilern, die 1871 sogar in der Kantonsverfassung verankert wurde.

Gemäss dieser darf jeder, der sich als Heiler fühlt, im Appenzell Ausserrhoden frei praktizieren, ohne in der Therapiewahl eingeschränkt zu sein. «So wurde das damals aufkommende Monopol der Schulmedizin gebrochen und eine Vielzahl von Naturärzten aus anderen Kantonen und dem benachbarten Ausland zogen nach Ausserrhoden», sagt Christian U. Vogel, Präsident der Naturärzte Vereinigung Schweiz. Unter den Zuzüglern befanden sich renommierte Naturheilkundler wie der Kräuter-Pionier Johannes Künzle (1857–1945).

Appenzell Ausserrhoden wurde als «Heilerparadies» so beliebt, dass sich die Behörden dazu verpflichtet fühlten, Einschränkungen zu erlassen, um ein Qualitätsstandard zu garantieren. Seit 1987 gibt es eine kantonale Prüfungspflicht, die vor fünf Jahren überarbeitet wurde. «Es kann sich zwar jeder zur Prüfung anmelden, doch um sie zu bestehen, sind fundierte und breite Kenntnisse der Naturheilkunde und weiterer Gesundheitsthemen nötig», sagt Peter Guerra, der die Heilmittelkontrolle des Kantons leitet und damit auch für das Prüfungsverfahren verantwortlich ist.

Naturheilkunde als Teil der Identität

Hat wegen der Prüfungspflicht Appenzell Ausserrhoden seine Attraktivität für Heiler eingebüsst? «Nein», findet Christian U. Vogel, der als Heilpraktiker 1991 von Zürich nach Herisau gezogen ist. «Die Situation hat sich natürlich stark verändert, aber wohl im Gleichschritt mit der Veränderung unserer Gesellschaft, sodass Appenzell Ausserrhoden immer noch der Kanton ist, in dem Naturheilkunde als Teil der Identität wahrgenommen und geschätzt wird.»

Auch bei den Patientensind die Appenzeller Naturheiler nach wie vor gefragt. «Die Nachfrage nach alternativen Behandlungsmethoden entspricht einem fortgesetzten Trend», weiss Peter Guerra. Der grösste Teil der im Appenzell Ausserrhoden behandelten Patienten stamme aus anderen Kantonen. Sie kommen aus den hektischen Städten ins grüne Appenzellerland, um ihre Gebrechen zu behandeln.

Kräuter statt Chemie? In vielen Fällen ist das tatsächlich eine valable Alternative. «Die Wirksamkeit vieler pflanzlicher Extrakte wurde in verschiedenen klinischen Studien belegt», sagt Reinhard Saller, Leiter des Instituts für Naturheilkunde am Universitätsspital Zürich. So helfe etwa Johanniskrautextrakte gegen leichte und mittelschwere Depressionen genauso gut wie chemische Medikamente. Und in anderen Bereichen der Naturheilkunde findet derzeit intensive Forschung statt.

Doch Saller will die Naturheilkunde nicht als Alternative zur Schulmedizin verstanden wissen, sondern appelliert an ein gesamtheitliches Therapiekonzept: «So kann die Naturheilkunde bei Tumorerkrankungen die Lebensqualität steigern, während die Schulmedizin auf lebensrettende Massnahmen ausgelegt ist.»

Auch in der heutigen Medizin kommt also den Naturheilpraktikern eine bedeutende Rolle zu. In Appenzell Ausserrhoden geniessen sie – nach bestandener Prüfung – weitreichende Kompetenzen. Mit einer Zusatzbewilligung dürfen sie sogar Spritzen setzen. Unter einer Sonderregelung stehen auch rund 700 Medikamente, die nur im Kanton zugelassen sind. Hinzu kommen sogenannte Hausspezialitäten, die Naturheiler nach den gleichen Grundsätzen vertreiben dürfen wie Apotheker. Eine davon ist die «Rote Salbe» von Roland Vontobel.

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