Pflanzengift
Mann starb an Zucchini aus Garten – wann ist Gemüse gefährlich?

Ein Mann starb an Zucchini aus dem Garten. Wann ist Gemüse ungesund? Darauf müssen Sie beim Verzehr aus dem eigenen Garten achten.

Claudia Weiss
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Zucchetti frisch vom Feld: Gesund und fein. Ausser sie schmecken sehr bitter: Dann sind sie giftig. M. Blake/Reuters

Zucchetti frisch vom Feld: Gesund und fein. Ausser sie schmecken sehr bitter: Dann sind sie giftig. M. Blake/Reuters

Reuters

Der Zucchini-Auflauf, so erzählte der Patient in der Notaufnahme des Klinikums Heidenheim in Deutschland, habe «furchtbar bitter» geschmeckt. Trotzdem verzehrte er wahrscheinlich eine grosszügige Portion davon, zwang sich wider Willen. Vielleicht, weil die Zucchini ein Geschenk des Nachbarn waren, selbst gezogen aus dem Garten. Auch seine Ehefrau würgte tapfer eine kleine Portion hinunter, dann mochte sie nicht mehr. Das war ihr Glück.

Bald darauf wurde das Paar nämlich notfallmässig wegen schweren Symptomen einer vermeintlichen Magen-Darm-Infektion ins Krankenhaus gebracht. Eher zufälligerweise «sind wir über die Zucchini gestolpert», sagte später Norbert Pfeufer, ärztlicher Leiter der Notaufnahme im Klinikum Heidenheim, gegenüber der Deutschen Presseagentur.

Und von da an war den Notfallmedizinern alles klar, der bittere Gemüseauflauf erklärte die Symptome des Ehepaars: Zucchini können wie alle Kürbisgewächse Cucurbitacin enthalten, ein Gift, das im gelinderen Fall Durchfallerkrankungen auslöst, im schwersten Fall die Schleimhaut im Magen-Darm-Bereich auflöst und sie damit irreparabel schädigt.

«Das ist der erste Fall»

Die Cucurbitacin-Menge im Auflauf muss ziemlich gross gewesen sein. Während sich der Zustand der Ehefrau schrittweise besserte, ging es ihrem Mann immer schlechter, am vorletzten Sonntag starb er an den Folgen der Vergiftung. Ein tragischer Fall. Aber «extrem selten», wie Maria Roth, Leiterin des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Stuttgart, gegenüber deutschen Medien erklärte. Ab und zu komme es zwar vor, dass in Indien Menschen an den Folgen einer Cucurbitacin-Vergiftung sterben, allerdings meist aufgrund von übermässig giftigen Kürbissen. Bei Zucchini oder Zucchetti – ein Kürbisgewächs, wie die Gurken ebenfalls – komme das kaum je vor: «Das ist der erste Fall, den wir im Haus haben», sagte Roth, die als Chefchemikerin die Zucchini-Proben aus dem Auflauf untersuchte. «Ein normalgesunder Mensch spuckt das entsprechende Gemüse wegen bitteren Geschmacks gleich wieder aus.»

Der Todesfall ist der gravierendste Gartengemüse-Zwischenfall dieses Jahres. Aber nicht der einzige: Insgesamt wurden fünf Fälle von Cucurbitacin-Vergiftung allein in Bayern gemeldet. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) gab daraufhin eine Warnung vor dem «Verzehr bitter schmeckender Zucchini» heraus. Inzwischen ist der Bitterstoff Cucurbitacin an sich aus Kürbisgewächsen wie Gurken und Zucchini, die zum Verzehr angepflanzt werden, herausgezüchtet worden.

In Einzelfällen können die Kürbisgewächse aber das Gift dennoch enthalten. Meist passiert das durch Rückmutationen und Rückkreuzungen, also beispielsweise, wenn Hobbygärtner immer wieder Pflanzen aus eigenen Samen hochziehen oder sie untereinander austauschen. Das LGL empfiehlt daher, beim Anbau von Ess-Kürbissen nur handelsübliche Samen zu verwenden.

Stress: Pflanzen produzieren Gift

Dass sich die Fälle ausgerechnet diesen Sommer derart häuften, könnte allerdings am aussergewöhnlich heissen Sommer liegen: «Manche Pflanzen, die in Stress geraten, produzieren Gifte», erklärt Chefchemikerin Maria Roth. Sogar wenn diese eigentlich herausgezüchtet worden seien, könne die Pflanze aufgrund von Stress wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen und die Cucurbitacin-Menge steigern. «Dieser Stoff wird auch beim Kochen nicht zerstört.» Häufig sind solche Vergiftungen nicht. Allerdings könnte die Dunkelziffer laut Roth höher liegen, da Betroffene oder Ärzte nicht jeden Durchfall mit dem Verzehr bitterer Zucchini oder Kürbisse in Zusammenhang bringen.

Nicht alles aus dem Garten ist roh gesund

Cucurbitacine in Kürbisgewächsen wie Gurken, Zucchini und Speisekürbissen können vermieden werden: Was bitter schmeckt, wird nicht gegessen. Aber auch anderes Gartengemüse hat es in sich: Bohnen und Kichererbsen beispielsweise enthalten Phasin, eine giftige Eiweissverbindung, die erst durch Kochen zerstört wird. Die grünen Stellen bei Nachtschattengewächsen wie Tomaten und Kartoffeln hingegen enthalten den schwachen Giftstoff Solanin. Betroffene Stellen müssen weggeschnitten werden. Auch unreife Auberginen enthalten diesen Stoff. Indem man sie aufschneidet, mit Salz bestreut, wartet und dann trockentupft, kann man ihr das Solanin entziehen. Rohe Holunderbeeren enthalten Sambunigrin, ein Pflanzengift, das ebenfalls Brechreiz auslösen kann. Einkochen zu Sirup und Konfitüre schaffen Abhilfe. Auch rohe Rhabarber sollte nicht in rauen Mengen verspeist werden: Die Stiele enthalten Oxalsäure, die bei sehr hohen Dosierungen Blasen- oder Nierensteine begünstigen. Echte Vergiftungen sind allerdings kaum möglich: Die kritische Dosis für Erwachsene liegt bei etwa fünf Gramm. 100 Gramm Rhabarberstängel enthalten je nach Reife aber nur etwa zwischen 0,2 und 0,5 Gramm Oxalsäure – also sogar, wenn sie nach Mitte Juni geerntet werden. (cw)