Gesundheit

Mangelgeburten in der Schweiz nehmen zu: Was bedeutet der Begriff und wie kommt es dazu?

In der Schweiz nehmen Mangelgeburten zu. (Symbolbild)

In der Schweiz nehmen Mangelgeburten zu. (Symbolbild)

Fast jedes zehnte Kind in der Schweiz kommt zu klein auf die Welt. Der Grund ist aber nicht eine Frühgeburt sondern eine Mangelgeburt.

Die Anzahl an Mangelgeburten nimmt in der Schweiz stetig zu. «Hierzulande sind etwa 8 Prozent der Neugeborenen Mangelgeburten», hält Arzt und Autor Urs Eiholzer fest, der über das Thema sowohl einen neuen Ratgeber für Eltern als auch ein Fachbuch für Spezialisten geschrieben hat.

Mangelgeburten werden in Fachkreisen «SGA» genannt, kurz für «Small for Gestational Age», englisch für «klein bezogen auf das Reifealter». Diese Kinder sind nicht zu verwechseln mit Frühgeburten – letztere sind Säuglinge, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren werden. Erstere sind im Verhältnis zum durchschnittlichen Gewicht und Grösse anderer Neugeborener, die in derselben Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, zu leicht und zu klein sind.

Verhaltensauffälliger als andere

Kinder, die als Mangelgeburten zur Welt kommen, zeigen später eine tendenziell schlechtere Schulleistung, einen tieferen IQ, sind öfters verhaltensauffällig als andere Kinder, und haben im Erwachsenenalter ein erhöhtes Risiko an einem Herzinfarkt zu sterben und an Diabetes zu erkranken.

Kindern sieht man nach dem Säuglingsalter meistens nicht an, dass sie als Mangelgeburt geboren wurden: Im Alter von einem Jahr haben 86 Prozent der SGA-Kinder bereits zu ihren Altersgenossen aufgeschlossen. Dennoch gibt es auch andere Fälle: Mit 18 Jahren ist beinahe jedes zehnte SGA-Kind noch immer deutlich zu klein, das heisst als Mädchen unter 152 Zentimeter, als Junge unter 165 Zentimeter gross.

Wie kommt es zu Mangelgeburten und warum steigt die Anzahl Betroffener? Dies kann mit dem Alter der Mutter zu tun haben: Ist die Frau zwischen 25 und 34 Jahre alt bei der Geburt ihres Kindes, besteht eine 6,8 prozentige Chance auf ein SGA-Kind, ist sie älter als 40, steigt die Wahrscheinlichkeit auf 12,5 Prozent. Und der Anteil an über 34-jährigen Müttern nimmt in der Schweiz laufend zu: 1970 waren es 11 Prozent aller Gebärenden, 2013 bereits 30 Prozent.
Auch extremer Stress oder Hunger sind ein Risiko für werdende Mütter: In diesen Fällen produzieren wir das Hormon Cortisol, das gefährlich für ein Ungeborenes sein kann. Die Plazenta schützt das Kind vor zu grossen Mengen dieses Hormons. Bei einer Plazenta-Unterfunktion gelingt der Schutz jedoch nicht. Das Cortisol ändert die Nebenniere des Fötus, und diese Mutationen bleiben ein Leben lang erhalten. Eine erhöhter Nebennieren-Hormon-Spiegel führt schliesslich zu einer verfrüht einsetzenden Pubertät, was wiederum bedeutet, dass das Kind früh aufhört zu wachsen und daher klein bleiben wird: Mädchen wachsen nach ihrer ersten Periode im Durchschnitt noch acht Zentimeter. Eine verfrühte Pubertät bedeutet also auch eine kleine Statur.

Plazenta funktioniert nicht gut

Länge und Gewicht des Kindes bei Geburt sind ein Zeichen dafür, wie gut das Kind im Mutterleib herangewachsen ist. Umso mehr Nährstoffe, umso gesünder und grösser ist der Embryo. Eine Wachstumsverzögerung beim Kind ist meistens auf die mangelnde Kapazität der Plazenta zurückzuführen. «Dies muss aber nichts mit Verhalten der Frau zu tun haben. Oft findet man keinen eindeutigen Grund, warum die Plazenta nicht richtig funktioniert. Schuldzuweisungen gegen die Mutter sind also fehl am Platz», betont Eiholzer.
SGA-Kinder sind auch weniger aktiv, bewegen sich seltener, bilden weniger Muskelmasse und Fett. «Ein SGA-Kind ist perfekt angepasst an eine mögliche Hungersnot.», erklärt Eiholzer. Wenn nach der Geburt dann aber keine herrscht, wird aus dieser Anpassung der Föten ein Nachteil.

Es ist jedoch nicht alle Hoffnung auf eine durchschnittliche Grösse verloren. Man kann die Kinder mit Wachstums-Hormonen behandeln. Mit dieser Therapie wird normalerweise bis zum vierten Lebensjahr des Kindes gewartet. Denn bis dann besteht die Chance, dass ein Kind selbstständig zum Durchschnittswert aufholt. Wenn ein Kind mit diesem Alter jedoch noch immer merklich kleiner ist als seine Altersgenossen, empfiehlt Eiholzer dem Wachstum nachzuhelfen und die Hormone zu nehmen: «Nebenwirkungen gibt es keine, und pro Behandlungsjahr kann man die Endgrösse des Kindes um durchschnittlich einen Zentimeter vergrössern.»

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