Knie hält auch ohne OP

Nach einem Kreuzbandriss kann auf eine Operation oft verzichtet werden. Physiotherapie hilft ähnlich gut, wenn man Geduld hat.

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Physiotherapeutinnen und Patienten in einer Rehabilitationsklinik (Archiv)

Physiotherapeutinnen und Patienten in einer Rehabilitationsklinik (Archiv)

Keystone

Das wird vor allem Freizeitsportler aufhorchen lassen: Nach einem Kreuzbandriss am Knie ist eine Operation keineswegs zwingend erforderlich. Das zeigt eine schwedische Studie an Amateursportlern im Alter von 18 bis 35 Jahren. In der Studie wurde einer per Los ausgewählten Hälfte der 121 Teilnehmer das gerissene vordere Kreuzband operiert. Die übrigen Patienten bekamen zunächst lediglich physiotherapeutische Massnahmen und begaben sich erst bei ausbleibendem Erfolg unters Messer.

Das Resultat: Zwei Jahre später war der Genesungserfolg in beiden Teilnehmergruppen vergleichbar gross. Der Schmerz, die Belastbarkeit beim Sport und die Einschränkungen durch das lädierte Knie waren ähnlich, wie die Mediziner jetzt im «New England Journal of Medicine » berichten. In beiden beobachteten Gruppen erreichten etwa 40 Prozent der Patienten wieder ihr früheres sportliches Niveau.

Besonders auffällig

«Wer es zuerst nur mit Physiotherapie probierte und nachträglich doch noch die Operation wählte, erholte sich nicht besser als die ausschliesslich physiotherapeutisch behandelten Patienten», erläutert Studienleiter Richard Frobell von der Universitätsklinik Lund. Allerdings räumt der Arzt ein, dass an der Studie ausschliesslich Hobbysportler teilnahmen, überwiegend Fussballer und Volleyballer. Profi-Athleten lassen sich dagegen gewöhnlich operieren, weil sie schnellstmöglich wieder trainieren wollen. Ihnen fehlt schlicht die Zeit zum Abwarten, ob auch die Physiotherapie hilft, dass das Knie wieder stabil hält.

Dass nicht jeder Patient mit Kreuzbandriss operiert werden muss, wussten Ärzte zwar schon vorher. Bei einem Jogger oder Velofahrer mittleren Alters reichen oft schon eine Kniestütze und Krankengymnastik aus. Die neue Studie zeigt nun aber erstmals, dass davon auch jene Sportler profitieren, die strapaziöseren Sport wie Fussball bevorzugen.

Bislang können Mediziner aber nicht genau sagen, wer zu dieser Gruppe gehört. Daher planen Ärzte und Patienten derzeit die Therapie nach individuellen Faktoren, etwa dem allgemeinen Zustand des Knies oder dem angestrebten späteren Sportprogramm, wie der Chirurg Bruce Levy von der amerikanischen Mayo Clinic betont.

Lange Faserbündel

Ist eine Operation fällig, ersetzen Chirurgen das zwei Zentimeter lange Faserbündel durch anderes Sehnengewebe. Die Operation ist nicht nur kostspielig, sie kann manchmal auch zu Infektionen oder Steifheit führen, was wiederum Folgeeingriffe erfordert. Chirurg Levy warnt jedoch auch nach der jetzt erfolgten Studie vor voreiligen Schlussfolgerungen. Die Studiendauer sei mit zwei Jahren relativ kurz gewesen. «Die langfristigen Vorteile oder Risiken der beiden Vorgehensweisen kennen wir nicht», räumt der Mediziner ein.

Einen weiteren Einwand erhebt Kurt Spindler von der Vanderbilt- Universität in Nashville: In der physiotherapeutisch therapierten Gruppe hatten in der Folge mehr Patienten Probleme mit dem Meniskus. Das könne eventuell darauf hindeuten, dass ihnen später eine Osteoarthritis drohe. Ob diese Sorge berechtigt ist, soll der weitere Verlauf der Studie zeigen. Deren Leiter Frobell will das Schicksal der Patienten mindestens noch weitere drei Jahre im Auge behalten.

Autor: Malcolm Ritter

Aargauer Zeitung

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