Medizin

Kann Silber ein Mittel gegen Antibiotika-resistente Bakterien sein?

Nicht nur als Schmuck: Silber kann auch in Verbänden als desinfizierendes Mittel verwendet werden.

Nicht nur als Schmuck: Silber kann auch in Verbänden als desinfizierendes Mittel verwendet werden.

Gegen Antibiotika resistente Bakterien stellen ein grosses Problem in der Medizin dar. Ein Ausweg könnte der verstärkte Einsatz von Silberkolloiden sein. Die Wirkung ist jedoch umstritten.

Multiresistente Bakterien stellen in der Medizin ein grosses Problem dar. Dementsprechend hektisch verläuft die Suche nach Wirkstoffen, welche über ähnliche, bakterienabtötende Eigenschaften verfügen. Für bestimmte Bereiche existiert sogar bereits eine Möglichkeit: der Einsatz von Silberkolloiden oder modern Nanosilber.

Ein Kolloid ist eine Verbindung von zwei Stoffen, die normalerweise keine Verbindung miteinander eingehen, zum Beispiel Silber und destilliertes Wasser. Durch Gleichstrom werden kleinste, nicht sichtbare Teilchen im Schwebezustand miteinander verbunden. Es entsteht eine «Silber-Dispersion».

Durch deren geringe Grösse dringt sie in Bakterien, Viren und Pilze und erstickt sie, indem sie ein für die Sauerstoffgewinnung zuständiges Enzym blockiert. Kolloidales Silber ersetzt die Antibiotika längst nicht in allen Bereichen. Aber in den letzten Jahren haben diverse Studien seine antiseptische Wirkung bestätigt. Um diese Wirkung wusste man allerdings bereits in der Antike: Der berühmte griechische Mediziner Hippokrates verwendete Silber, um die Wundheilung zu beschleunigen, und der persische Arzt Avicenna verwendete Silberspäne zur Blutreinigung und gegen schlechten Mundgeruch. Die Äbtissin und Naturheil-Lehrerin Hildegard von Bingen verwendete das Silber bei Verschleimung und Husten.

In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wurde Kolloidales Silber für die Behandlung von Tetanus und Rheuma, Erkältungen und Gonorrhö eingesetzt. Danach ersetzte man es jedoch durch sicherere und effizientere Therapien. Erst in den 1990er-Jahren tauchte Kolloidales Silber wieder aus der Versenkung auf: Gemäss einem Bericht im «Journal of the American Medical Association» wurde es von da ab als «essenzieller mineralischer Nahrungsmittelzusatz mit vielfältigen Heilsversprechen» angepriesen – «teils sehr aufdringlich».

Die Geister scheiden sich

Und ab diesem Moment trennen sich die Ansichten: «Ein höchst wirksamer Ersatz für Antibiotika», schwärmen die Verfechter, vorwiegend Naturheilpraktiker: Gegen 650 verschiedene Krankheiten helfe Kolloidales Silber. Im Internet häufen sich positive Erfahrungsberichte wie jener im Kasten links.

«Silber hat keinerlei nachgewiesenen Nutzen für die Gesundheit», entgegnen Kritiker. Es spiele im menschlichen Stoffwechsel keine Rolle, sondern sei sogar gefährlich. Tatsächlich kann die chronische Einnahme zu einer quasi irreversiblen Einlagerung von Silbersalzen in Schleimhäute und die Haut führen («Argyrie», siehe Kasten rechts).
Aber auch in Gefässen und inneren Organen lagert sich Silber ab. Die Folge: chronische Oberbauch-Schmerzen, neurologische Störungen und allergische Reaktionen. Silber ist zwar weit weniger giftig als Quecksilber oder Blei. Aber sein oligodynamischer Effekt, so wird die giftige Wirkung auf Zellen genannt, tötet nicht nur Viren, Pilze, Algen und Bakterien: Er zerstört auch andere Zellen, beispielsweise die positiven Darmbakterien. Auf der anderen Seite zeigte eine 2012 erschienene Studie aus New Jersey, dass Wundauflagen mit Silber multiresistente Organismen abtöten. Im Magazin «International Wound Journal» schreiben die Autoren: «Die Rolle von Silber in der Wundbehandlung von Verbrennungen wächst zusehends, vor allem im Hinblick auf sich ausbreitende Infektionen.» Silber kombiniert mit dem Antibiotikum Sulfadiazin sei der «Gold Standard» in der Pflege von Brandwunden.

Auch andere Schulmediziner bestätigen die Wirksamkeit von Kolloidalem Silber. Ein vehementer Verfechter war Robert O. Beck, ehemaliger Chefarzt der orthopädischen Abteilung des Veterans Administration Hospital in Syracuse, New York. Er stellte sogar fest, dass sich Krebszellen «bei gleichzeitiger Anwendung von Mikrostromtherapie und Silberwasser» wieder in normale Zellen zurückverwandeln können. «Silber fördert das Knochenwachstum und die Heilung von verletztem Gewebe», sagte Beck. Da er 2002 verstarb, wurden seine Studien jedoch nicht fortgesetzt und seine These konnte nicht definitiv bestätigt werden.

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