Gesundheit

Kaffeetrinker bilden sich nur ein, wacher zu sein – warum wir uns trotzdem so fühlen

Kaffeetrinker spüren den Placeboeffekt, wenn sie sich wacher fühlen.

Kaffeetrinker spüren den Placeboeffekt, wenn sie sich wacher fühlen.

Kriegt der Körper täglich Koffein, gewöhnt er sich daran. Das zeigt eine Basler Studie. Wacher fühlen wir uns trotzdem.

Der Psychologin Carolin Reichert geht es wie anderen Kaffeetrinkern auch: Sie fühlt sich nach dem morgendlichen Kaffee wacher. Doch sie weiss, dass das eine Täuschung ist. «Ich spüre den guten alten Placeboeffekt», sagt sie. Denn mit ihrem Team am Zentrum für Chronobiologie der universitären psychiatrischen Kliniken Basel konnte sie zeigen, dass regelmässige Kaffeetrinker durch Koffein nicht wacher werden. Offenbar gibt es einen Gewöhnungseffekt.

Für die Studie hatte das Forschungsteam zwanzig junge Männer, allesamt gewohnheitsmässige Kaffeetrinker, rekrutiert. Während elf Tagen mussten die Probanden auf Kaffee verzichten und erhielten stattdessen täglich drei Pillen. Der Clou: Während die einen Pillen Koffein enthielten, fehlte den anderen dieser Wirkstoff – es waren Placebos. An den letzten beiden Tagen des Versuchs wurden die Männer ins Schlaflabor aufgeboten. Und siehe da: Wer Placebos gekriegt hatte, war ebenso wach wie die Koffeinkonsumenten.

Der Entzug macht müde

Schläfrig fühlten sich dagegen diejenigen, die zuerst neun Tage lang Koffein erhalten hatten, die letzten beiden Tage dann aber nur noch Placebos. Es ist also der Entzug von Koffein, auf den der Körper reagiert. Möglicherweise spüren regelmässige Kaffeetrinker diesen Effekt sogar jeden Morgen, weil sie sich den Stoff nachts nicht zuführen. «In diesem Fall wirkt die Tasse Kaffee dann ganz gut», sagt Reichert. Es könnte also tatsächlich etwas dran sein an ihrem Gefühl, durch den Morgenkaffee wacher zu werden.

Auf welche Weise der von ihrem Team nachgewiesene Gewöhnungseffekt im Körper funktioniert, kann die Forscherin nicht sagen. Aber es muss zu tun haben mit einem körpereigenen Stoff namens Adenosin, der müde macht. Koffein dockt dort an die Zellen an, wo auch Adenosin andocken kann, und blockiert damit das Müdigkeitssignal. «Es kann sein, dass bei gewohnheitsmässigen Kaffeetrinkern mehr Adenosin gebildet wird, sodass der Stoff mit dem Koffein konkurrenzieren kann», erklärt Reichert. Vielleicht bildet der Körper aber auch mehr Andockstellen aus – sogenannte Rezeptoren – oder macht diese empfindlicher. Untersucht wurde dies bislang nicht, da das Adenosin im Gehirn erst in aufwendigen Tomografien sichtbar wird.

Über die Wirkung von Koffein bei regelmässigem Konsum ist überhaupt sehr wenig bekannt. «Bislang gibt es praktisch nur Studien zu kurzfristigen Effekten», bemängelt Reichelt. «Meist dürfen die Probanden vor dem Experiment während zwölf Stunden keinen Kaffee trinken. Sie kommen so in den Entzugszustand, und dann haut der Kaffee natürlich rein.» In ihrer Studie hat sie dagegen normalen Kaffeekonsum simuliert. Die Teilnehmer erhielten täglich drei Pillen à 150 Milligramm Koffein. Das entspricht ungefähr vier bis fünf Tassen Kaffee pro Tag – so viel tranken die Männer auch im Alltag.

Im Versuch hat das Team um Reichert auch untersucht, ob Koffein die innere Uhr beeinflusst, wie dies laut anderen Studien der Fall sein sollte. Doch nein, auch dieser Effekt tauchte bei den regelmässigen Kaffeetrinkern nicht auf. Hier scheint also ebenfalls die Gewöhnung mitzuspielen.

Von anderen Substanzen sind derartige Gewöhnungseffekte gut bekannt. Prominentestes Beispiel ist der Alkohol. Wer regelmässig trinkt, wird mit der Zeit trinkfest – oder anders ausgedrückt: Er benötigt immer mehr Alkohol, um dieselbe Wirkung zu erzeugen. Die Folge kann Alkoholsucht sein. Ähnlich ist es bei Schlaf- und Schmerzmitteln. Auch an Nikotin, das wie Koffein als Muntermacher gilt, gewöhnt sich der Körper. «Wir müssen damit rechnen, dass es keine Methode gibt, uns chronisch wachzuhalten», sagt Reichert.

Doch die Wirkung einer Tasse Kaffee steckt nicht allein im Koffein. «Es gibt auch einen psychischen Effekt durch das Ritual», sagt sie. Diesen hat ihr Team nicht untersucht. Doch aus anderen Studien ist bekannt, dass Rituale uns im Alltag helfen, uns sicherer zu fühlen. Auch wenn die Handlungen keinen Sinn haben, geben sie dem Tag eine vorausschaubare Struktur und machen uns dadurch weniger gestresst. Bezogen aufs Kaffeetrinken heisst das zum Beispiel: «Es wartet heute zwar ein Berg Probleme auf mich, aber jetzt gönne ich mir erst mal einen Kaffee.»

Kaffeetrinker leben länger

Nachdem Kaffee lange als ungesund gegolten hatte, deuten diverse Studien der vergangenen Jahre in die andere Richtung: Kaffeetrinker leben länger. Ob das allerdings am Kaffee liegt oder vielleicht am Lebensstil dieser Menschen an sich, ist unbekannt. Und falls die Ursache tatsächlich im Kaffee stecken sollte, dann vermutlich in anderen Stoffen als dem Koffein. Denn länger leben alle Kaffeetrinker, wie US-amerikanische Forscher vom National Cancer Institute in Rockville im Sommer schrieben – auch diejenigen, deren Körper aufgrund genetischer Voraussetzungen Koffein besonders schlecht abbauen kann. Der Effekt zeigt sich sogar bei Menschen, die koffeinfreien Kaffee trinken.

Das Koffein selber könnte sogar schädlich sein. Laut der Basler Studie wirkt es aufs Hirn: Wenn die Probanden Koffeinpillen statt Placebos schluckten, war nach zehn Tagen die Dichte der grauen Gehirnzellen tiefer. Laut Reichert ist jedoch unbekannt, ob damit die Hirnleistung abnimmt.

Wer auf Nummer sicher gehen will, trinkt koffeinfreien Kaffee. Wenn er dann mal einen Muntermacher benötigt – für eine Prüfung, eine schwierige Sitzung, ein lange Autofahrt –, kann er immer noch auf Koffein zurückgreifen und wird damit auch tatsächlich wach.

Meistgesehen

Artboard 1