Gesundheit

Jeder vierte Schweizer leidet an einer unheilbaren Krankheit

In der Schweiz leben mehr als zwei Millionen chronisch Kranke. Experten warnen, das Gesundheitssystem sei auf deren Versorgung nicht vorbereitet.

Mehr als jeder vierte Bewohner dieses Landes leidet an einer chronischen Krankheit. 2,2 Millionen Personen haben entweder Diabetes, Demenz, Lungenkrankheiten, Krebs, Herz-Kreislauf-Probleme, Depressionen, Rheuma oder andere Schmerzen, wie der gestern veröffentlichte nationale Gesundheitsbericht aufzeigt. Im Auftrag von Bund und Kantonen hat das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) Krankheitsdaten zusammengetragen und ausgewertet. Die erste Erkenntnis daraus: Der Trend, dass immer mehr Menschen an chronischen Krankheiten sterben, setzt sich fort.

Aus der Balance

Darin versteckt sich die gute Nachricht, dass viele Infektionskrankheiten heute nicht mehr tödlich verlaufen; sie können geheilt werden. Gleichzeitig steigt jedoch die Zahl der Personen, die an mehr als einem chronischen Leiden erkranken – bei den über 50-Jährigen sind es 22 Prozent. Hauptdiagnose sind Depressionen und Arthrosen. Die Diabetes-Fälle nehmen im Gleichschritt mit ungesundem Essen und Bewegungsmangel zu: 41 Prozent aller Erwachsenen sind übergewichtig. Unabhängig davon wächst auch die Zahl der Demenzkranken. Die Autoren des Berichts rechnen 2030 mit 190'000 Erkrankten – heute sind es 110'000.

Grafik Tancredi Gesundheit

Die Gesundheitskosten bewegen sich in dieselbe Richtung: 2011 wurden 51,7 Milliarden Franken für die Pflege und Therapie von chronisch Kranken aufgewendet, das sind gut 80 Prozent der Gesundheitskosten. In der Rechnung nicht enthalten sind die indirekten Kosten, die durch Arbeitsunterbruch, Frühpensionierung und pflegende Verwandte entstehen. Obsan schätzt, dass jährlich 30 bis 40 Milliarden Franken zusätzlich anfallen.

Nichts weniger als eine Revolution

Die Autoren des Obsan-Berichts haben es nicht dabei belassen, das Krankheitsbild der Schweizer zu skizzieren. Sie fügten im zweiten Teil Tipps zur Verbesserung der aktuellen Situation an.

  • Prävention Weil unser Lebensstil viele chronische Krankheiten verursacht, ist es wenig überraschend, dass Prävention als das Heilmittel schlechthin gepriesen wird. Übermässiger Alkoholkonsum, Rauchen, ungesundes Essen und wenig Bewegung zählen zu den vier grossen Risikofaktoren, um an einem chronischen Leiden zu erkranken. Nebst Früchten und Gemüse soll vor allem auch Bewegung Abhilfe schaffen.
  • «Armut macht krank» Von Übergewicht, Diabetes und anderen Leiden stärker betroffen sind über alle Altersgruppen hinweg Personen mit tiefem Einkommen, geringer Bildung und gescheiterter Partnerschaft – vor allem Alleinerziehende erkranken häufiger. Ihnen soll besondere Aufmerksamkeit zukommen.
  • Systemwandel Da die Schweizer nach den Japanern weltweit die höchste Lebenserwartung haben, sind nicht mehr jene Behandlungen gefragt, welche die Menschen (noch) länger am Leben halten. Neu soll das Ziel des Gesundheitswesens darin bestehen, die Zahl der gesunden Lebensjahre zu steigern. Das kann nicht alleine durch einen gesünderen Lebenswandel erreicht werden. Die Autoren halten es für genauso wichtig, das Gesundheitswesen umzukrempeln: Heute sei der Fokus zu stark auf den akut-somatischen Bereich gerichtet. Das Gesundheitspersonal solle sich künftig mehr um die chronisch Kranken kümmern: Das Ziel müsse sein, den Kranken das Leben zu erleichtern. Da viele der erwähnten Krankheiten zeitlich unbegrenzt und oft nicht heilbar sind, sollen Kranke ermächtigt werden, ihren Alltag autonom zu meistern.

Tabu psychische Krankheiten

Das klingt nicht eben nach einer Revolution. Doch der Verband der Pflegefachpersonen (SBK), der schon länger fordert, die Gesundheitsversorgung auf chronisch Kranke auszurichten, ist wenig optimistisch. Sprecherin Roswitha Koch sagt: «Heute ist das Problem zwar erkannt. Ich befürchte aber, dass es schwierig ist, das System zu ändern. Jeder hat seinen Platz im Gesundheitswesen, den er behalten will und also auch verteidigt.» Eine Neuausrichtung gestalte sich schwierig.

Die Obsan-Autoren sehen die Situation ähnlich, regen aber trotzdem weitere Verbesserungen an: So seien psychische Erkrankungen stärker in Präventionsarbeit einzubeziehen. Denn Rauchen, Alkohol- oder Drogenkonsum sei mit der Psyche eng verbunden: Die Mittel können Glück oder Freude erzeugen, oder aber negative Gefühle wie Angst, Stress oder Einsamkeit dämpfen. Das Verhindern chronischer Erkrankung sei also direkt mit der psychischen Gesundheit verknüpft und könne auch erklären, wieso sozial schlechter gestellte Personen häufiger darunter leiden.

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