Personalisierte Medizin
Jedem Patienten sein eigenes Medikament

Jeder Krebs ist anders. Durch die Analyse des Erbguts lässt sich jeder Tumor individuell behandeln. Die Zukunft der Medizin ist personalisiert. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Raffael Schuppisser
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Medizin ist nicht gleich Medizin. Es kommt auch auf den Patienten an.

Medizin ist nicht gleich Medizin. Es kommt auch auf den Patienten an.

Illustration: Patric Sandri

1. Was ist personalisierte Medizin?

Ein Medikament oder eine Therapie ist nicht bei allen Menschen gleich wirksam – bei einigen kann es zu gravierenden Nebenwirkungen kommen. Ob eine Standardtherapie bei einem bestimmten Patienten wirkt, ist u. a. Zufall. Die personalisierte Medizin versucht, individuelle Behandlungsmassnahmen zu ermöglichen. Das Ziel: Jeder Patient erhält das für ihn hilfreiche Medikament in der richtigen Dosis und zum richtigen Zeitpunkt.

2. Wo kommt personalisierte Medizin schon zum Einsatz?

Vor allem bei Krebs. Forscher haben etwa herausgefunden, dass bei 40 Prozent aller Patienten, die an Dickdarmkrebs leiden, ein bestimmtes Gen mutiert ist. Bei diesen Patienten ist eine Therapie mit dem Antikörper Cetuximab wirkungslos. Dank dieser Erkenntnis werden heute nur noch Patienten mit diesem Wirkstoff behandelt, die von so einer Behandlung profitieren können. «Auch bei Lungenkrebs, Brustkrebs und schwarzem Hautkrebs wird heute individuell therapiert», sagt Holger Moch, Direktor des Instituts für klinische Pathologie am Unispital Zürich und Co-Leiter des Zürcher Zentrums für personalisierte Medizin.

3. Wie findet man heraus, welches Medikament sich für wen eignet?

Vor der Behandlung wird das Genom des Tumors (die Erbinformation einer Krebszelle) analysiert und interpretiert. Möglich wird dies dank der technischen Fortschritte in der Genomanalyse. 2001 wurde das menschliche Genom zum ersten Mal sequenziert. Das Projekt verschlang drei Milliarden Dollar. Heute kostet dies noch gut 1000 Franken. Bei der Analyse eines Tumor-Genoms werden aber in der Regel nicht alle Gene sequenziert, sondern bloss jene, die über die Wirkung eines Medikaments entscheiden.

4. Wo liegen die Herausforderungen bei der Genanalyse?

Das menschliche Erbgut besteht aus 3,3 Milliarden Basenpaaren. Um daraus relevante Erkenntnisse zu gewinnen, muss das Genom einer Vielzahl Patienten sequenziert und analysiert werden. «Die grossen Datenmengen sind oft schwierig zu interpretieren», sagt Niko Beerenwinkel Professor für Bioinformatik an der ETH Zürich. Für die personalisierte Medizin sind also medizinische als auch bioinformatische Kompetenzen gefordert. Deshalb gründeten ETH und Universität Zürich gemeinsam das Zürcher Kompetenzzentrum für personalisierte Medizin. Und aus demselben Grund hat die Roche das auf Gen-Sequenzierung spezialisierte US-Unternehmen Foundation Medicine übernommen.

5. Lässt sich durch Gen-Analysen auch herausfinden, ob jemand an Krebs erkranken wird?

Es lässt sich das genetische Risiko berechnen, mit welchem jemand an einem bestimmten Krebs erkrankt. Dafür wird das Genom der betreffenden Person sequenziert und einzelne Genvarianten mit dem Erbgut von Krebskranken abgeglichen. Denn einzelne Genvarianten kommen statistisch gesehen bei Krebskranken besonders häufig vor. Durch eine solche Analyse fand Angelina Jolie heraus, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent an Brustkrebs erkranken wird, und liess sich als vorbeugende Massnahme die Brüste abnehmen.

6. Wie sinnvoll ist eine personalisierte Medizin ausserhalb der Krebstherapie?

Viele Krankheiten werden durch genetische Faktoren beeinflusst. Nur selten jedoch wird eine Krankheit durch eine einzige Genmutation ausgelöst; auch der Krebs ist eine polygene Erkrankung. Je mehr Gene bei einer Erkrankung beteiligt sind, desto schwieriger ist es, die genauen genetischen Ursachen für eine Krankheit zu finden. «Beim Krebs haben wir schon viele Daten zur Verfügung, deshalb konnten schon Marker gefunden werden», sagt Niko Beerenwinkel, Co-Leiter des Zürcher Zentrums für personalisierte Medizin. Doch mit Genomanalysen kann man auch Erkenntnisse über andere Krankheiten – etwa Schizophrenie oder Alzheimer – finden.

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