Marc Dangel schlüpft aus seinen Schuhen. Vorsichtig steigt der Experte für Infektionsprävention in den gelben Schutzanzug. Bei jeder Bewegung knistert und raschelt das Plastik. Dangel zieht den ersten Reissverschluss hoch, bemerkt den zweiten, verschliesst auch diesen. Sechs Mitarbeiter des Universitätsspitals Basel (USB) stehen im Kreis um ihn, beobachten jeden Handgriff. Dangel stülpt die gelbe Kapuze des Schutzanzuges über den Kopf und setzt die spezielle Haube mit Sichtfenster auf. Er dreht den Kopf nach links, nach rechts. Etwas stimmt nicht. «Die Kapuze darf unter der Haube nicht hochgezogen werden», greift eine Beraterin ein. Zu zweit zupfen sie an dem gelben Plastik, rücken die Haube zurecht. Schnell wird klar: Alleine in diesen Überzug zu steigen, ist kaum möglich.

Der gelbe Schutzanzug mutet futuristisch an. Im Ernstfall entscheidet er über Leben und Tod, wie gegenwärtig in Westafrika. Dort wütet der bislang grösste bekannte Ebola-Ausbruch. Bislang gab es in der Schweiz keinen Verdachtsfall. Dennoch bereiten sich Spitäler vor. Im Kanton Basel-Stadt werden die notwendigen Strukturen im Universitätsspital aufgebaut. «Alles, was nicht vorbereitet ist, kann schiefgehen. Bei diesem Virus dürfen wir nicht improvisieren», sagt Andreas Widmer.

Der Leiter der Spitalhygiene kennt die Schutzanzüge und das speziell eingerichtete Zimmer aus eigener Erfahrung. Vor 18 Jahren hat er am Universitätsspital Basel eine Patientin betreut, die an Ebola erkrankte. Es ist bislang der einzige Fall in der Schweiz überhaupt. In dem Isolierzimmer, wo er die Frau damals behandelte, würde auch heute wieder ein Ebola-Patient betreut. Darin darf die Luft nicht umgewälzt werden, es herrscht Unterdruck. So können keine Erreger über die Luft nach aussen gelangen. Zwei Schleusentüren mit einem Alarmsystem sichern den Raum. «Der Patient kann nicht unkontrolliert das Zimmer verlassen. Er kann nicht in einer Panikreaktion fliehen, wie das in Afrika vorkam», sagt Andreas Widmer. Überwacht wird der Patient per Kamera - 24 Stunden pro Tag. Zurzeit stehen im Isolierzimmer weder ein Bett noch Apparaturen. «Wir benötigen eine Stunde, bis der Raum bereit ist.»

Patient beschäftigt 20 Personen

Tritt ein Patient mit Verdacht auf Ebola über den Notfall ein, klären die Ärzte vorerst ab, ob dieser in direktem Kontakt mit einer an Ebola erkrankten oder verstorbenen Person stand. Nur wenn dies der Fall ist, führt ihn das Notfallteam in einen speziellen Raum für weitere Abklärungen. Bei dieser Befragung trägt das Personal bereits die vom Bund empfohlenen Schutzkleider. Fährt die Sanität den Patienten ins Universitätsspital, muss er im Fahrzeug warten, bis das Isolierzimmer vorbereitet ist. «Die Sanität Basel ist ausgerüstet mit Schutzanzügen und Masken, um einen Verdachtsfall zu transportieren», sagt Kantonsarzt, Thomas Steffen. Er koordiniert die Abklärungen und Massnahmen der nationalen und kantonalen Stellen. Schriftlich informierte Steffen alle Hausärzte in Basel, wie sie sich bei einem Ebola-Verdachtsfall verhalten müssen. «Wir haben einen fest installierten 24-Stunden-Pikettdienst eingerichtet, der direkt oder über die Sanität ausgelöst wird.»

Das Universitätsspital wählte neben Tropenärzten, Infektiologen und der Spitalhygiene 27 Pflegepersonen , die sich freiwillig für die Alarmierungsgruppe gemeldet hatten. «Ein Ebola-Patient beschäftigt um die 20 Personen. Die Pflege ist extrem aufwendig. Deshalb kann kein Schweizer Spital mehr als einen Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung betreuen», sagt Andreas Widmer. Bei der Planung müsse die Angst der Mitarbeitenden stets miteinbezogen werden: «Noch nie gab es ein Virus, an dem sich die Helfer so häufig ansteckten.» Da das Virus nicht über die Luft übertragbar ist, seien Ganzkörperanzüge mit Haube eigentlich eine zu vorsichtige Massnahme. Handschuhe, Maske und ein Überzug würden laut Widmer genügen, doch: «Unsere Mitarbeiter schauen auch Fernsehen und kennen die Bilder aus Afrika.»

Bad in der Desinfektionswanne

Deshalb dreht und dehnt sich Marc Dangel in einem gelben Anzug bei der Ankleideprobe im Unispital: «Ich habe praktisch volle Bewegungsfreiheit.» Um die Hüfte trägt er einen Gürtel, an dem ein Atemgerät befestigt ist. Dieses bläst frischen Sauerstoff in den Anzug und temperiert die Luft darin. Dangel startet das Gerät – sofort surrt es unter seiner Haube. Trotzdem verstehe er jedes gesprochene Wort. Verwundert haucht er mehrmals gegen das Sichtfenster. «Das kann ja gar nicht anlaufen», sagt er. Dangels Füsse stecken in grünen Plastiksandalen. Nur diese und das Atemgerät würden – nach einem einstündigen Bad in der Desinfektionswanne – ein zweites Mal verwendet. Schutzanzug und Handschuhe entsorgt das Unispital nach jedem Einsatz. Zwischen den beiden Schleusentüren befindet sich ein kleiner Duschraum. Verlässt der behandelnde Arzt oder Pfleger das Isolierzimmer mit dem Patienten, spritzt ihn dort ein Teamkollege von Kopf bis Fuss mit Desinfektionsmittel ab. Auch diesen Schritt testete das Unispital, um mögliche allergische Reaktionen auf das Mittel auszuschliessen.

Auch an Malaria denken

Neben vielen Detailfragen musste der Leiter der Spitalhygiene, Andreas Widmer, aber auch grössere Probleme lösen. So muss laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) der Abfall aus dem Zimmer von Ebola-Patienten speziell entsorgt werden. Dieser wird in einen luftdichten Container verpackt, der in einem ersten Schritt von aussen desinfiziert wird. In einem Sterilisationsgerät öffnet sich bei 130 Grad der Deckel, wobei der Inhalt noch vor der Verbrennung entkeimt wird. Erst nach diesem Prozedere gelangt der Abfall in die Kehrichtverbrennungsanlage.

Damit keine Erreger über Exkremente oder Körperflüssigkeiten nach aussen dringen können, befinden sich im Isolationszimmer keine übliche Toilette und Dusche. Der Patient wird «trocken gewaschen», also mit Desinfektionsmittel eingerieben. Muss er seine Notdurft verrichten, steht ihm ein sterilisierendes Trocken-WC zur Verfügung. «Das Ebola-Virus ist nicht sehr stabil. Es lässt sich mit solchen Massnahmen abtöten», erklärt Widmer.

Eine grosse Herausforderung für die Spitalhygiene sind jedoch die Blutproben von Ebola-Patienten. Diese dürfen gemäss BAG nicht im hauseigenen Labor untersucht werden. Deshalb liess Andreas Widmer zusätzliche Apparaturen anschaffen, um direkt im Zimmer des Patienten erste Befunde stellen zu können. «Wir dürfen vor lauter Ebola-Furcht nicht die viel häufigeren Krankheiten wie beispielsweise Malaria ausblenden», sagt er.

Das Virus diagnostizieren, das können in der Schweiz nur zwei Laboratorien in Spiez und Genf. Um die Blutprobe dorthin zu bringen, benötigt der Fahrer des Transports ein entsprechendes Zertifikat. Gestern schulte das Unispital hierfür sieben zusätzliche Personen. «In den USA weigerte sich ein Fahrer trotz Zertifikat, die Blutprobe ins Labor zu bringen», sagt Andreas Widmer. «Deshalb ist auch hier wichtig, die Ängste einzukalkulieren und das Team breit aufzustellen.»

Für den Fall der Fälle hat das Universitätsspital umfangreiche Massnahmen ergriffen. «Der Kanton Basel-Stadt wäre vorbereitet», sagt Kantonsarzt, Thomas Steffen. Als einziges Spital verfügt es zudem über Ärzte mit Erfahrung in der Behandlung eines Ebola-Falles. Die betroffene Frau hat das Spital vor 18 Jahren übrigens gesund verlassen: Dieses «Basler» Virus hat den Namen des Nationalparkes in der Elfenbeinküste erhalten, wo sich die Patientin angesteckt hat: Ebola Tai Forest.