Skeptiker sind besser als Fanatiker. Homöopathie und Schulmedizin können durchaus koexistieren.

Man muss sich eben auf den skeptischen Standpunkt stellen, dass man noch zu wenig weiss, um ein sicheres Urteil zu fällen.

Das Buch «Homöopathie für Skeptiker» von Irene Schlingensiepen und Mark-Alexander Brysch erfüllt diesen Anspruch.

Allerdings gelingt es ihm auch nicht, für die Homöopathie einzunehmen. Der Skeptiker bleibt dabei: Es gibt zwei Standpunkte, die man gegenüber der Homöopathie einnehmen kann.

Der eine Standpunkt ist der pragmatische. Homöopathie – was auch immer sie sei – hat schon kranken Leuten geholfen.

In der Regel sind die Geschichten, die erzählt werden, von dieser Art: Ein Mensch mit einem komplizierten Leiden, meist auch seelisch traumatisiert, der alle möglichen Therapien ausprobiert hat, alle wirkungslos, wird durch die Gabe von homöopathischen Mitteln geheilt.

Nicht über Nacht, aber meist stellten sich Verbesserungen des Gesundheitszustandes relativ schnell ein und irgendwann waren die Symptome verschwunden.

Oft gibt es eine Art Coda, wonach der Patient das Mittel abgesetzt und danach die Beschwerden wieder auftraten, welche nach erneuter Gabe aber wieder verschwunden seien. Also gibt es Krankheiten, die durch die geheimnisvollen Tränklein oder Kügelchen geheilt worden sind.

Wenn man von der Medizin verlangt, dass sie den Menschen hilft, dann ist Homöopathie nichts, was man verbieten oder wogegen man sich sträuben müsste. Der pragmatische Standpunkt verlangt allerdings von seinen Vertretern einiges.

Sie müssen die Auffassung akzeptieren, dass hier – unter modernen wissenschaftlichen Grundsätzen gesehen – Dinge passieren, die man nur unter «Wunder» subsumieren kann. Man weiss nämlich nicht, warum die Heilung eingetreten ist. Nun: Wunder gibt es immer wieder. Vielleicht liegts doch an der Theorie.

Der andere Standpunkt ist der wissenschaftliche. Er bezeichnet die Homöopathie als typische «Pseudowissenschaft» und versteht darunter eine Forschungspraxis, die so tut, wie wenn sie Wissenschaft betreiben würde, aber den Regeln und Standards nicht genügt.

Dabei muss man sehen, dass der Begriff «Pseudowissenschaft» immer von Vertretern etablierter Wissenschaft geäussert wird (nie würden sich Astrologen oder Psychoanalytiker als Pseudowissenschafter bezeichnen), denen es darum geht, gewisse andere Forscher auszugrenzen und aus dem wissenschaftlichen Bezirk zu weisen. Man kann gar pointiert formulieren: Die etablierte Wissenschaft spiegelt sich in dem, was sie als Nicht-Wissenschaft etikettiert. In diesem Fall hat die Homöopathie nicht nur die offizielle Medizin gegen sich, sondern auch die Pharmaindustrie.

Quacksalberei auch dies ein Kampfbegriff. Man kann kaum behaupten, dass die Schulmedizin eine hundertprozentige Heilungsquote aufweist. Aber sie behauptet, sie handle nach einsichtigen und nachvollziehbaren Standards.

Auch hier lässt sich wieder schlüssiger angeben, was der Homöopathie vorgeworfen wird, also was nicht Wissenschaft sei. Nach gängiger Lehre agiert die Homöopathie «ganzheitlich» (ebenfalls ein Kampfbegriff), das heisst, der Arzt versucht ein umfassendes, aber individuelles Krankheitsbild zu gewinnen und versucht dann das richtige Arzneimittel zu finden.

Hilfsmittel sind eine riesige Bibliothek von Symptomen und Fällen und die dazugehörigen erfolgreichen Therapien. Homöopathie agiert kasuistisch, also Fall für Fall. Darin ist eine gewisse Selbstimmunisierungsstrategie enthalten: Schlägt die Therapie nicht an, ist nicht die Heilmethode falsch, sondern der Therapeut hat sich geirrt und muss es halt nochmals versuchen. Und für die Methode, wie die Heilmittel gewonnen und produziert werden, hat der Wissenschafter sowieso nur Spott und Hohn übrig.

Similia similibus curentur Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden. Der Wahlspruch von Homöopathie-Gründer Samuel Hahnemann deutet zwar auch auf eine Art Theorie hin, aber sie erscheint dem Nicht-Homöopathen ziemlich obskur. Natürlich funktioniert das Impfen ziemlich genau nach diesem Grundsatz, obwohl man in diesem Fall wahrscheinlich besser sagen würde: «Gleiches durch Gleiches.»

Der Schulmediziner stützt sich auf die Theorien der Chemie und der Physik angewandt auf das Gebiet der Biologie. Die Methode ist reduktionistisch und isolierend. Die Krankheit findet an einem mehr oder weniger ziemlich bestimmten Ort im Körper statt.

Zum Beispiel an der Zellwand, wo Viren andocken. Und die Therapie muss genau dort angreifen. Leider ist das selten punktgenau möglich, alle Medikamente sind von weit grösserem Kaliber als nötig und verursachen «Nebenwirkungen».

Geht es um die «Konkurrenz der Weltbilder»? Die Vorstellung vom menschlichen Körper als biochemische Maschine, Krankheit eine Funktionsstörung?

Oder die «ganzheitliche Sicht» vom Menschen als Leib, bei dem es ein diffiziles Gleichgewicht zwischen Körperlichem und Seelischen zu beachten gilt? Es muss nicht sein.

Relevant – unter anderem für die Krankenkassenpflicht – ist nur, welche «Rahmenbedingungen» gelten sollen: Transparenz, Nachprüfbarkeit, Nachvollziehbarkeit, empirisch gestützt, Freiheit, Offenheit gegenüber Kritik und dergleichen. Und das garantiert die Wissenschaft (wenigstens behauptet sie das).

Irene Schlingensiepen/Mark-Alexander Brysch: Homöopathie für Skeptiker. Wie sie wirkt, warum sie heilt, was belegt ist. München 2014. 187 S., Fr. 27.90.