Der Sensor steckt in einer Kunstvagina. Konzentriert bewegt Sabrina Badir das Messinstrument. Gleichzeitig beobachtet sie genau, was auf dem Bildschirm vor ihr abläuft. Die Forscherin testet ein Gerät, das helfen soll, das Risiko einer Frühgeburt zu bestimmen, indem es die Steifigkeit des Gebärmutterhalses von schwangeren Frauen misst.
Das Prinzip ist simpel: Eine Sonde saugt mittels Unterdruck Gewebe vom Gebärmutterhals an, misst exakt, wie leicht es sich verformen lässt, und zeigt die Daten auf dem Display an. 

Sabrina Badir, die an der ETH Zürich doktorierte, hat mit dem Sensor soeben eine Fachjury überzeugt und beim internationalen Ideenwettbewerb «Falling Walls Lab» in Berlin den ersten Platz gewonnen. Sie konnte sich mit ihrer Entwicklung gegen 1300 junge Wissenschafter aus 41 Ländern durchsetzen.

Die 30-jährige Biomechanikerin testete die Sonde sorgfältig aus, zuerst an Fleischstücken aus der Metzgerei, danach an sich selber, saugte Haut am Unterarm an, an der Wange oder in der Mundhöhle. Und es zeigte sich: Die Handhabung ist so sicher wie simpel. Das Gerät produziert klare Zahlen, «300 Millibar» bei nicht schwangeren Frauen beispielsweise, «50 Millibar» bei hochschwangeren, die einen erstaunlich eindeutigen Verlauf anzeigen.

«Bis anhin hatten wir kaum verlässliche Daten über die Steifigkeit des Gebärmutterhalses», sagt Sabrina Badir. «Jetzt haben wir gesehen, dass die Ergebnisse reproduzierbar sind.» Das ganze Forschungsteam habe gestaunt, dass so klar zu sehen ist, wie die Gewebesteifigkeit im Verlauf einer Schwangerschaft kontinuierlich abnimmt – und nicht erst im letzten Trimester, wie zuerst vermutet.

Geräte-Studie gestartet

Das Bedürfnis nach einem verlässlichen Messgerät ist gegeben: 7,5 Prozent der Kinder werden in der Schweiz zu früh geboren, das heisst, sie kommen vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Eine regelrechte Schwangerschaft dauert 40 Wochen.

0,4 Prozent der Babys sind extreme Frühgeburten, sie werden vor der 26. Woche geboren. Dieser Anteil hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Als Gründe für die Zunahme vermuten Experten zum einen die häufigeren Mehrlingsgeburten nach künstlicher Befruchtung und zum anderen das steigende Alter der werdenden Mütter.

«Es ist bestechend, jetzt objektive Messdaten zu haben», sagt Gynäkologe Michael Bajka, der sich seit 20 Jahren an ähnlichen Untersuchungen der ETH beteiligt und jetzt bei Badirs Gerätestudie mitmacht: «Vorher beurteilten Gynäkologen und Gynäkologinnen diese Steifigkeit je nach Fingerspitzengefühl subjektiv und total unterschiedlich.»

Läuft die Studie wie erwartet, gibt das Gerät eindeutige Hinweise auf eine drohende Frühgeburt, sobald ein bestimmter Messwert gegeben ist. Welcher Wert zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft das exakt anzeigen könnte, wird mit der grossen Studie an bis zu 1000 Frauen getestet.

Inzwischen hat Gynäkologe Bajka schon weit über 100 Frauen untersucht, «und keine von ihnen hat sich über Nebenwirkungen beklagt». Bei der Untersuchung sei bloss das Spekulum spürbar, das kurze Saugen der Sonde hätte kaum eine Frau überhaupt gemerkt.

Die meisten Frauen willigen ohne Zögern ein, bei der Studie mitzumachen, denn vielleicht können dank dieser in nicht allzu ferner Zeit Frühgeburten verhindert werden: «Ist ein Gebärmutterhals zu weich, können wir künftig rasch reagieren und schwangerschaftserhaltende Massnahmen ergreifen», erklärt Bajka.

Gründung eines Start-ups

Manchmal genügt in diesem Fall etwas Schonung, andere Frauen brauchen eine Hormontherapie mit Gestagen, welches das Gewebe versteift, oder eine sogenannte «Cerclage», bei der ein stützendes Band um den Gebärmutterhals geschlungen wird. Andererseits könnte das Gerät auch jenen Frauen nützen, die ihr Kind «übertragen»: Zeigt sich, dass der Gebärmutterhals zu fest ist, müsste nicht unnötig eine Geburt eingeleitet werden, weil sich der Muttermund ohnehin nicht genügend öffnen könnte. Dann kann ohne unnötige Umwege ein Kaiserschnitt angesetzt werden.

Während die klinischen Untersuchungen noch laufen, ist Biomechanikerin Sabrina Badir schon einen Schritt weiter: In den nächsten Wochen meldet sie ihr Start-up Pregnostics im Handelsregister an. Bereits überlegt sie sich, wie das Gerät aussehen muss, damit Gynäkologinnen und Gynäkologen es für ihre Praxen und Spitäler auch anschaffen möchten, wie die Zulassungsbedingungen aussehen und ob die Messung von den Krankenkassen bezahlt wird.