In der Schweiz galt bisher: Säuglinge sollen nicht im elterlichen Bett schlafen. Diese Massnahme soll das Risiko des plötzlichen Kindstods minimieren. Denn beim gemeinsamen Schlafen droht dem Kind unter anderem Überwärmung, und es könnte ersticken, wenn es von einem Elternteil überrollt wird.

Doch die offiziellen Richtlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie wurden nicht ernst genommen: Eltern nahmen ihr Baby trotzdem zu sich ins Bett. Und sogar auf Geburtsabteilungen in Spitälern half das Fachpersonal dabei, das Neugeborene für die Nacht im Bett der Mutter zu platzieren. «Wenn eine Empfehlung einer Fachgesellschaft von Fachpersonen nicht genügend umgesetzt wird, muss man sie überdenken», sagt Oskar Jenni, Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich.

Dies wurde nun getan. Wie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Paediatrica» zu lesen ist, hat die Fachgesellschaft das absolute Bedsharing-Verbot gelockert. «Die Datenlage bezüglich Bedsharing und plötzlicher Kindstod ist widersprüchlich. Man kann nicht generell sagen, dass das Schlafen im elterlichen Bett für den Säugling gefährlich ist. Deshalb sind wir mit rigiden Empfehlungen zurückhaltend», sagt Jenni, der die Richtlinien mitverfasst hat. Rigide Empfehlungen seien heikel, denn sie könnten auch Schaden anrichten, sagt der Arzt. So könne ein rigides Bedsharing-Verbot dazu führen, dass Mütter schneller als erwünscht abstillten oder beim Stillen auf dem Sofa einschlafen, was das Risiko für den plötzlichen Kindstod wiederum erhöht.

Eigenes Kinderbett am sichersten

Mit der Lockerung des Familienbett-Verbots können Eltern ihr Kind ohne schlechtes Gewissen zu sich ins Bett nehmen. Doch Jenni hält fest: «Der sicherste Schlafort für einen Säugling ist das eigene Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern.» Als sinnvolle Alternative gelten Kinderbetten, die an das Bett der Eltern angedockt werden können. «Wir hoffen, dass diese Botschaft in den Kliniken ankommt. Sie sollten dafür Ressourcen bereitstellen und solche Betten anschaffen», sagt Jenni.

Wollen Eltern ihr Kind zu sich ins Bett nehmen, muss der Säugling genügend Platz haben. Die Matratze sollte fest sein. Die Eltern sollen keine Kissen oder Fellunterlagen verwenden. Die Schweizerischen Gesellschaften für Pädiatrie und Neonatologie empfehlen zudem Eltern, die Raucher sind, Medikamente oder Alkohol eingenommen haben oder übermüdet sind, auf Bedsharing zu verzichten.