Der Afroamerikaner Brian Grant, ein Zweimeter-Hüne, 115 Kilogramm pure Muskeln, hatte es geschafft: Basketballspieler in der NBA, bei den Sacramento Kings, bei Miami Heat und Phoenix Suns – es lief grossartig.

Bis Grant eines Tages übermässig zu schwitzen begann. Vor einem Publikumsauftritt musste er sogar sein Hemd im Tumbler trocknen. Immer häufiger plagten ihn Verdauungsprobleme und Blutdruckschwankungen.

Dann merkte er, dass er mit dem linken Bein nicht mehr gut abspringen konnte. Als nach einer Weile auch noch seine linke Hand zu zittern begann, zog er sich aus dem Basketball zurück.

2008 erhielt er die Diagnose: Parkinson. Eine Frühform. Grant war gerade 36 Jahre alt.

Die Frühform ist zwar selten, meist tritt Parkinson nach dem 60. Lebensjahr auf. Aber Grants frühe Krankheitszeichen zeigen sich bei allen Betroffenen.

Nur werden wochenlang andauernde, immer stärkere Verstopfung, emotionale Verstimmung oder vermindertes Riechvermögen oft nicht mit Parkinson in Verbindung gebracht.

Erst im Magen, dann im Hirn

Warum sie trotzdem eindeutige Signale sind, hat Heiko Braak herausgefunden. Der Neuroanatom, 78 Jahre alt und längst emeritiert, forscht an der Universität Ulm emsig weiter und hat die «Braak-Hypothese» aufgestellt. «Parkinson», sagt er, «beginnt nicht erst im Hirn, sondern gelangt möglicherweise durch die Nase und den Magen zuerst in das Nervensystem des Magendarmtraktes und wandert dann via Riechnerven und/oder den Nervus vagus in das Zentralnervensystem.»

Zu diesem Schluss kam Braak, weil er in den Riechnerven und im Nervensystem des Magendarmtraktes der untersuchten Patienten erste Ablagerungen eines krankmachenden Eiweisses namens Alpha-Synuclein nachweisen konnte. Dieses zeigt sich in einem späteren Stadium auch in der Substantia nigra: jenem Teil des Mittelhirns, der für die Herstellung des Botenstoffs Dopamin zuständig ist und der bei Parkinson Schaden nimmt.

Braak vermutet deshalb, dass sich die Krankheit in der Riechschleimhaut und der Magen- und Darmschleimhaut einnistet, Jahre oder Jahrzehnte bevor sie ihre Zerstörungstätigkeit im Hirn beginnt und dort die gut bekannten Bewegungsstörungen auslöst: Zittern im Ruhezustand, Muskelsteifheit und Bewegungsarmut. «Wenn Sie an einer Pizzeria vorbeigehen und den Oregano nicht mehr riechen, sollten Sie sich abklären lassen», rät deshalb der Neurologe. Auslöser für die Krankheit, so vermutet er, «könnte ein Umweltgift sein oder ein auf das Eindringen in Nervenzellen spezialisiertes Virus».

7000 Hirne untersucht

Für seine jahrzehntelange Arbeit in der Parkinson-Forschung und für seine bahnbrechende Hypothese wurde Heiko Braak letzte Woche mit dem Annemarie-Opprecht-Preis ausgezeichnet. Das bedeutet 100 000 Franken zum Weiterforschen. Und zum Tüfteln, wie sich verhindern lässt, dass die falsch gefalteten, schädlichen Eiweisse im Körper wandern und andere, gesunde Eiweisse dazubringen, sich ebenfalls falsch zu falten.

Sorgfältig hebt Heiko Braak dicke Kartonscheiben aus seiner Aktentasche. Mit Klebefolie darauf befestigt etwas, das auf den ersten Blick aussieht wie gepresste, beige gefärbte Blumenkohlscheibchen. Es sind jedoch hauchdünne Schnitte durch ganze menschliche Hirnhälften, die der Forscher sorgfältig präpariert und mit einem Mittel behandelt hat, sodass die krankhaften Stellen braun erscheinen: Parkinson, sogar für Laien gut sichtbar. «Stage 3» hat er akkurat mit Filzstift zum kleinen braunen Fleck geschrieben, der schon die Amygdala bedeckt, den Mandelkern, der die Emotionen reguliert. Auch «Stage 4» hat Braak mitgebracht, mit grossflächigen Zerstörungsanzeichen, und «Stage 6», das Endstadium, in dem die ganze Hirnrinde tiefbraun eingefärbt und der Patient am Ende auch dement wird.

Rund 7000 Menschenhirne hat Braak im Lauf seiner Forscherjahre detailliert untersucht und daran bewiesen: Die Zerstörung des Gehirns bei Parkinson verläuft immer in derselben, klar strukturierten Abfolge. Längst benennen Neuropathologen weltweit den Ausbreitungsgrad der Krankheit mit den von ihm entwickelten Braak-Stadien 1 bis 6. Ein gleiches System hatte er bereits viel früher für Alzheimer entwickelt – die Braak-Stadien I bis VI.

Künftig früher diagnostizieren

«Ich liebe diese Krankheiten ganz einfach», sagt der Professor mit trockenem Humor. «Sie beachten brav die anatomischen Gesetze.» Im Lauf seiner Forschung hat er eine Art freundschaftliches Verhältnis zu den Nervenzellen entwickelt, redet von ihnen als «unglaublich zähen Burschen», die es locker 100 Jahre lang schaffen, wenn man sie gut behandelt. «Altersdemenz» gibt es laut Braak nicht: «Ich habe schon wunderschöne alte Hirne gesehen», und er strahlt: «Das Hirn einer 104 Jahre alten Dame beispielsweise – so frisch, sichtbar alt zwar, aber zauberhaft.» Schädliche Eiweiss-Ablagerungen seien daher nie dem normalen Alterungsprozess zuzuschreiben, sondern immer krankhaft.

Heiko Braaks Arbeit erklärt zwar nicht, warum manche Gehirne gesund altern und andere nicht. Aber sie ist
für die Parkinson-Forschung zukunftsweisend. «Er hat ein starkes Argument dafür geliefert, dass tatsächlich das Protein Alpha-Synuclein die Krankheit auslöst», sagt Mathias Sturzenegger, Chefarzt Neurologische Universitätsklinik Insel Bern und Präsident des Preiskomitees. «Damit taugt es als Biomarker für die Krankheit.»

Das wiederum bedeutet, dass man die Parkinsonkrankheit künftig viel früher diagnostizieren könnte, lange bevor sich die motorischen Störungen zeigen. «Und sobald wir auch den externen Auslöser genau definieren können, ermöglicht das neue Ansätze für die Therapie: Dann könnten wir den Eintritt des schädlichen Faktors oder die Ausbreitung des abnormen AlphaSynucleins ins Zentralnervensystem verhindern.» Bis daraus klinisch anwendbare Therapieformen entwickelt werden, dauert es laut Sturzenegger allerdings «noch einige Jahre».

Das Workout-Programm von Brian Grant

Das Workout-Programm von Brian Grant

Bewegung statt Medikamente

Bis dahin müssen Parkinson-Patienten wie Ex-Basketballer Brian Grant, inzwischen 43 Jahre alt, mit den heute verfügbaren Therapieformen auskommen: Gezielte Neurorehabilitation erhält die Beweglichkeit viel länger aufrecht (siehe Kasten). Und verschiedene Medikamente wie Levodopa können die Blut-Hirnschranke überwinden, dort den Dopaminmangel aufheben und die Parkinsonsymptome wie Verlangsamung, Muskelsteifigkeit und Muskelzittern verringern. Wenn Grant in Interviews oder an Vorträgen über seine Krankheit spricht, bewegen sich die Finger seiner linken Hand trotzdem unablässig, und das Zittern macht allein vom Zusehen müde.

Wahrscheinlich wirken eines Tages die Parkinson-Medikamente bei ihm nicht mehr, meist zeigen sie ihre volle Wirkung nur fünf bis zehn Jahre lang. Danach wirken sie immer schwächer, und bei einigen treten als Langzeit-Nebenwirkung sogar krampfartige unwillkürliche Bewegungen auf. Vor allem jüngeren Patienten hilft dann oft ein Deep-Brain-Stimulator, eine Art Hirnschrittmacher, dessen Elektroden direkt ins Gehirn implantiert werden.

Grant ist ein Kämpfer. Vorerst hält er sich mit einem speziellen Parkinson-Work-out fit. Und er ermutigt andere Betroffene: «Du kannst nicht immer beeinflussen, wie eine Situation ausgeht. Aber du kannst immer beeinflussen, wie viel Energie du hineingibst.»

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