Alles begann an einem Oktobertag im Jahr 1998. Kurz nach seiner Hochzeit. Die Frau von Arunachalam Muruganantham, oder einfach Muruga, wie er sich selber nennt, versteckte etwas hinter ihrem Rücken. «Geht dich nix an«, raunte Shanti ihrem Mann zu. Doch er liess nicht locker.

Das erzählt Muruga in einem Film des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera. Die unglaubliche Geschichte um die Erfindung der Billig-Binden wurde schon von diversen internationalen Medien aufgegriffen. 

Damals hielt seine Frau einen alten Lappen in den Händen. Voller Blutflecken. Sie benutzte ihn als Stofffetzen während ihrer Menstruation. Muruga war geschockt. So wie wahrscheinlich ein Grossteil der westlichen Frauen, wenn sie hören, wie ein Grossteil der Inderinnen ihre «Tage» händeln.

Klar, «die Tage» sind lästig, aber wer macht sich hierzulande schon Gedanken darüber, dass wir dafür aber gute und einfache Mittel haben, um damit umzugehen.

Klartext: wir haben Zugang zu Monatsbinden und Tampons. In Indien etwa sieht das ganz anders aus: Nur ein kleiner Teil verwendet Binden während der Periode, von Tampons ganz zu schweigen. Der Grossteil kann es sich nicht leisten und greift auf alte Stofffetzen, Zeitungen oder getrocknete Blätter zurück.

Aufgrund dieser unhygienischen Massnahmen leiden 70 Prozent der Frauen in Indien an Infektionen der Geschlechtsorgane. Diese Hygieneumstände gelten laut Wissenschaftern als eine der Hauptursachen für Gebärmutterhalskrebs.

In keinem anderen Land der Welt erkranken und sterben so viele Frauen daran wie in Indien.
Hinzu kommt, dass die Menstruation in Indien ein Tabu-Thema ist. Menstruierende Frauen gelten als unrein. In manchen Teilen müssen Frauen während ihrer Tage sogar unter sich bleiben und nach ihren Tagen das ganze Haus reinigen.

Der perverse Tüftler ...

Muruga war also geschockt. Weil er seiner Frau von Anfang an kleine Geschenke machte, kaufte er ihr Damenbinden. Doch zu Hause schnitt er sie auseinander und erkannte: Baumwolle, etwa 10 Gramm schwer, ein paar Cent wert und doch für ein paar Dollar verkauft.

Das kann ich auch, und zwar günstiger, dachte sich Muruga. Er stammt aus einer armen Weberfamilie aus dem Bundesstaat Tamil Nadu, der Vater starb, als er 14 Jahre alt war. Schon früh, so geht seine Geschichte, hatte er einen gewissen Unternehmergeist. Als Junge schon war er ein Tüftler.

So kaufte er Baumwolle und bastelte an einer Binde. Sein Ziel änderte sich mit der Zeit. Was einst ein kleines Problem seiner Frau Shanti war, wurde eine Mission: Muruga wollte allen Frauen in Indien helfen. Sie sollten Zugang haben zu bezahlbaren Binden.

Anfangs testete seine Frau die selbst gemachten Dinger. So erfuhr Muruga auch das erste Mal, dass Frauen nur alle vier Wochen ihre Tage bekommen. Auch das sagt viel über die Kommunikation zwischen Mann und Frau und das Thema Monatshygiene in Indien aus.

Doch dieses Warten bremste den Mann mit der Mission. Er brauchte mehrere Testerinnen. Er fragte Medizinstudentinnen. Die benutzten zwar seine Baumwoll-Experimente, schämten sich aber zu sehr, ihm detailgetreu davon zu berichten.

Nach eineinhalb Jahren Forschung wurde es seiner Frau zu bunt. Sie war überzeugt: Die Binden sind nur ein Vorwand, um anderen Frauen nahe zu kommen. Im Dorf redete man bereits schlecht. Shanti lief davon. Doch Maruga machte weiter.

Er sah nur einen Ausweg: er muss die Binden selbst testen. Er baute sich aus Plastik-Kanistern eine «Gebärmutter», füllte diese mit Ziegenblut und gab immer wieder Tierblut mit leichtem Druck in seine Unterhose ab. So simulierte er die Monatsblutung.

Es begann verfault zu stinken, seine Kleider waren voller Blutflecken. Nun mieden ihn die Nachbarn erst recht, nannten ihn krank, pervers und behaupteten, er sei von bösen Geistern besessen. Schliesslich wandte sich auch seine Mutter von ihm ab.

...wurde zum Star in Indien

Nach einer zweijährigen Phase mit verschiedenen Materialien dann der Durchbruch. Nun wollte er auch eine Maschine bauen, die diese billigen Binden herstellen kann. Weitere vier Jahre vergingen. Zwei Jahre später gewann er dafür einen Innovationspreis.

Sein Unternehmen «Jayaashree Industries» verkauft keine fertigen Binden, sondern die Maschinen, mit denen sie sich herstellen lassen. Banken und NGOs geben den Frauen Kredite (pro Maschine etwa 2000 Franken), die erlernen die Produktion innerhalb von drei Tagen und verkaufen die Binden an Frauen in ihrer Region. Ein Austausch von Frau zu Frau sozusagen.

Muruga erleichtert «die Tage» vieler Inderinnen und schafft Jobs für sie. Über 1600 Bindenmaschinen hat er in Indien verkauft, und über 800 Mini-Unternehmen mit eigenen Binden-Marken entstanden auf diese Weise.

Mittlerweile exportiert er seine «Weisse Revolution» auch in diverse Schwellenländer. Sein Ziel: ein Zugang zu bezahlbaren Binden für alle Frauen in Entwicklungsländern. Er will weltweit über 100000 Maschinen verkaufen und damit Arbeit und Einkommen für eine Million Frauen schaffen.

Längst gilt er als Vorbild, wird als verantwortungsvoller Unternehmer gefeiert, für Vorträge gebucht. Der arme Weberssohn wurde zum berühmten – und vor allem sozialen – Unternehmer.

Mehrmals wollte man ihm schon das Patent abkaufen, doch Muruga lehnte ab. Das «Time Magazine» hat ihn unlängst zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt in der Gruppe «Pioniere» gekürt.

Doch nicht nur international fand Muruganantham Beachtung, auch seine Familie fand wieder zu ihm. Nach fünf Jahren Funkstille meldete sich auch Shanti und kehrte zu ihrem einstigen «Perversling» zurück. Sie hatte ihren nun berühmten Mann im Fernsehen gesehen.