Big Junk Food

«E Guete!» - Aufklärung geht auch durch den Magen

Die Qual der Wahl: Die Vielfalt an Junk-Food-Produkten ist heutzutage schier grenzenlos.

Die Qual der Wahl: Die Vielfalt an Junk-Food-Produkten ist heutzutage schier grenzenlos.

Für den Einfluss des Essens auf unser Seelenleben interessieren sich heute zunehmend die Labors der Nahrungsmittelindustrie. Diese will nur «das Beste» für uns, aber Essen ist mehr als Zeug zum Futtern.

Im Gerichtsprozess gegen Dan White, den Mann, der 1978 den bekannten Bürgerrechtler aus der Schwulenbewegung Harvey Milk erschoss, griff die Verteidigung zu einer ungewöhnlichen Argumentation. Der forensische Experte diagnostizierte bei White depressive Züge und nannte als Symptom dafür dessen Essgewohnheit: White trank Unmengen Coca-Cola und verdrückte Twinkies, Küchlein mit Cremefüllung, eine Kreation aus Kalorien und diätetischer Verführung. Die Anwälte von White machten geltend, dass dessen übersüsstes Urteilsvermögen zur Zeit der Tat vermindert war, weil zuckerreiche Diät Stimmungsschwankungen verstärken könne. Unter Psychiatern ist das umstritten, aber die Verteidigung erwirkte eine Verminderung des Strafmasses: White wurde nicht wegen vorsätzlichen Mordes, sondern «nur» wegen Totschlags verurteilt. In Wikipedia figuriert «Twinkie defense» seither als Bezeichnung für eine offensichtlich lachhafte, aber Experten-gestützte Erklärungstaktik.

Für den Einfluss des Essens auf unser Seelenleben interessieren sich heute zunehmend die Labors der Nahrungsmittelindustrie. Eine zeitgemässe Frage lautet: Wie bringen wir Menschen dazu, Junk Food zu lieben? Steven Witherly, ein kalifornischer Ernährungswissenschafter und -berater, beschäftigt sich mit genau dieser Frage. Im Menschenbild der Lebensmittelwissenschaft läuft das Hirn dem Verdauungsapparat den Rang ab. Also muss der Konsument gustatorisch abgerichtet werden. Witherlys favorisiertes Beispiel sind Cheetos, luftige, schmackhafte Knabberstäbchen aus Maismehl: «Das wunderbarste konstruierte Essen auf dem Planeten», schwärmt er. Damit sind nicht die Nährsubstanzen gemeint, sondern Attribute, bei denen das Hirn «Mehr davon» ruft. Eines dieser Attribute ist die Fähigkeit des luftigen Snacks, im Mund sofort zu zergehen. «Verschwindende Kaloriendichte» nennt sich das. «Wenn etwas schnell schmilzt, denkt das Gehirn, dass keine Kalorien darin stecken, also kannst du davon so viel essen, wie du willst.» Witherlys Rechnung scheint aufzugehen. «Ich kann eine Riesenpackung locker in einer halben Stunde ohne schlechtes Gewissen aufessen», schreibt ein Blogger, «weil ich nicht mal merke, dass die Tüte leerer und leerer wird.»

Die Diskussion um den pathogenen Einfluss von Getränken und Essen auf Körper und Seele hat eine interessante Parallele im 18. Jahrhundert. Die Historikerin Emma Spary ist ihr in ihrem lesenswerten Buch «Eating the Enlightment» (2012) nachgegangen. Das Natürliche stand damals gegen das Unnatürliche. Sprechen wir heute von der Technisierung und der Industrialisierung des Essens, so sprach man damals von der Künstlichkeit und der Dekadenz der Esssitten. Im schleckermäuligen, schlemmenden Gourmet mit seinen Vorlieben für pikante Zutaten und Gewürze fand das GastronomieBashing ab Mitte des 18. Jahrhunderts ein gefundenes Fressen. Die Franzosen verstünden nichts vom Essen, spottete Rousseau, was daran erkennbar sei, dass sie so viel Raffinement ins Kochen stecken müssten, um es schmackhaft zu machen. Der Artikel «Küche» des Enzyklopädisten Louis de Jaucourt liest sich wie eine kurze Geschichte des Sittenverfalls am Beispiel des Essens: Von der einfachen, gesundheitsfördernden Nahrung zum opulenten, überfeinerten Bankett der Aristokratie. Mit der Höhe der Haute Cuisine korrespondiert die Tiefe ihres sittlichen Verfalls.

Solche Töne sind heute keineswegs unbekannt. Um das Essen ist nachgerade ein Kulturkampf entbrannt. Die Situation hat etwas Paradoxes. Während ein grosser Teil der Menschheit trotz des Fortschritts der Ernährungstechnologie weiterhin vor sich hin hungert, streitet ein anderer Teil über Fragen des Essens mit einem Furor, der auf die Gluttemperatur religiöser Fundamentalismen steigt. Neben dem (zum Glück) immer noch verbreiteten Omnivorismus zersplittert der Ess-«Glaube» zusehends. Es herrscht der Multi-Kulinarismus: bekennende Rohköstler, Trennköstler, Urköstler, Sonnenköstler, Steinzeitköstler, Veganer, Vegetarier, Pescetarier, Frutarier, Flexitarier, Freeganer. Auffallend dabei ist der neuerdings erhobene moralische Ton in kulinarischen Belangen. Das amerikanische Magazin «The Atlantic» publizierte 2011 einen Artikel mit dem alles sagenden Titel «Ein moralischer Kreuzzug gegen Feinschmecker («foodies»)». Der Autor Brian R. Myers, Veganer, zieht gegen die Hightech-Küche und ihre elitäre Klientel vom Leder, die ihre Fresssucht als rechtschaffene Gourmandise tarne und sich als neue Gastro-Aristokratie glorifiziere. Rousseau würde begeistert applaudieren.

Vor allem ein pathologischer Zug heutiger Ernährung steht im Fokus: Fettleibigkeit. Und mit ihr die Frage: Wer ist verantwortlich, wer trägt die Schuld am schädlichen Essverhalten? Man erinnert sich hier an das Standardargument von Big Tobacco: Niemand zwingt dich, zu rauchen. Das ist deine eigene Entscheidung. Du bist ein mündiger Konsument. Das ist richtig und scheinheilig zugleich. Denn wenn heute eines im Big Junk Food offenkundig ist, dann dies: Der Konsument wird bestenfalls als ein halbwegs rationales – lies: selbstentscheidendes – Wesen betrachtet. Oder um es mit dem alten Begriff der Aufklärung auszudrücken: Die Industrie hat ein vitales Interesse daran, dass der Mensch in seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit verbleibt. Hiezu ein Beispiel. 2001 wurde der damalige CEO von Coca-Cola, Jeffrey Dunn, beauftragt, Brasilien als potenziellen Markt für den Softdrink zu erkunden. Motto: Wie bringen wir möglichst oft möglichst viele Unzen (ca. 30 g) in möglichst viele Körper? In den Favelas befiel Dunn offenbar eine nicht gerade firmenkonforme Eingebung: Die Menschen hier benötigten vieles, aber sicher nicht Coca-Cola. Zurück im Hauptquartier, versuchte der «Bekehrte», die Konzernleitung zu überzeugen, eine ethischere Strategie zu verfolgen, zum Beispiel die Werbung aus öffentlichen Schulen zu verbannen. Er arbeitete nicht lange bei Coca-Cola.

In der Fettleibigkeits-Epidemie manifestiert sich eines jener typischen tückischen Probleme, mit denen wir heute meist konfrontiert sind: Probleme, die sich nicht auf eine generell befriedigende Weise lösen lassen, weil die Lösungen sich selbst wieder hydra-artig zu weiteren Problemen auswachsen. Ein geradezu klassisches Beispiel ist das kürzlich erlassene Verbot von überdimensionierten Softdrinkbechern in New York. Ein Interessenskonflikt im Dreieck von Konsument, Wirtschaft und Staat: freie Wahl des Individuums versus freien Markt versus öffentliche Gesundheit. Die gute Absicht der politischen Massnahme, den Konsum-Bürger vor schädlichen Einflüssen zu schützen, sieht sich schnell mit unbeabsichtigten Folgen zu einem gordischen Knoten geschürzt. Einzelne Branchen werden benachteiligt; die Wirtschaft wittert staatlichen Regularismus; der Bürger will sich nicht durch eine paternalisierende Diätokratie bevormunden lassen; nicht zuletzt werden die Spin-Doctors der Konzerne mit dem sattsam bekannten Totschlag-Einwand umtriebig, dass der ursächliche Zusammenhang von bestimmter Ernährung und Fettleibigkeit ja noch gar nicht erwiesen sei. Ergo: Das Verbot wird ausgesetzt.

Das bedeutet nicht, dass gesetzliche Verordnungen wirkungslos sind. Es gibt durchaus positive Beispiele: Gurtenobligatorium, Rauchverbot in öffentlichen Räumen, diätetische Richtlinien in Mensen. Auf längere Frist werden Regulationen ohnehin notwendig werden, weil es höchst fraglich erscheint, dass die massgeblichen Akteure des globalen Marktes sich selber einer Ethik der Einschränkung verpflichtet fühlen. Die Wettbewerbslogik der freien Wildbahn lässt dies wohl gar nicht zu. Wie der Journalist Michael Moss, Autor des jüngst publizierten Buches «Salt, Sugar, Fat» in einem Interview sagt: «Wenn ein Grosskonzern unilateral damit beginnen würde, den Fett-, Zucker- und Salzgehalt zugunsten eines gesünderen Profils seiner Produkte zu senken, wäre die Konkurrenz schnell zur Stelle, den Konsumenten mit der vollfetten, vollgezuckerten und vollgesalzenen Version des gleichen Produkts zu ködern.»

Ohne nun die zahlreichen Massnahmen gegen die Malbouffe schmälern zu wollen, schiene mir der Zeitpunkt gekommen zu sein, Essen auf jene Problemhöhe zu heben, die bereits das 18. Jahrhundert erreicht hatte. «Gastrosophie» nennt der Philosoph Harald Lemke diesen Hubakt der Reflexion: Existenz als Essistenz verstehen. Essen ist nicht bloss Zeug zum Futtern, sondern elementarer und konstitutiver Bestandteil unserer Kultur, wie Lesen, Schreiben, Rechnen und heute der Umgang mit dem Netz. Das Nahrungsmittel ist ein Mittel der Erziehung zum selbstständigen Menschen. Eine Bildungsaufgabe, mit der nicht früh genug begonnen werden kann. Genau hier steckt – wie man es nennen könnte – Emanzipations-Potenzial: Vernunft und Geschmack zusammenzubringen. Wie Nietzsche schrieb: «Durch den vollkommnen Mangel an Vernunft in der Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten aufgehalten, am schlimmsten beeinträchtigt worden.»

Überlassen wir die Geschmacksbildung nicht den Vor-Mündern der Industrie, wie sehr von dieser Seite zu hören ist, dass sie nur das «Beste» für uns will. Entwickeln wir unser eigenes Urteilsvermögen. Wir müssen es nur wagen: Sapere aude – der Wahlspruch der Aufklärung lässt sich in einer alten Bedeutung des Wortes «Wissen» auch lesen: Wage zu schmecken! Wie der Titel von Emma Sparys Buch nahelegt: Wir müssen uns die Aufklärung «einverleiben», damit uns ihre Früchte buchstäblich auch durch den Magen gehen.

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