Über 15 Jahre kämpfte die 58-jährige Anna Kim mit starken Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Als Geschäftsführerin im Verkauf schlief sie oft nicht mehr als ein paar wenige Stunden jede Nacht; tagsüber war sie chronisch übermüdet und konnte sich kaum mehr auf die Arbeit konzentrieren.

Schlaftabletten, Entspannungsübungen, Jobwechsel – nichts half wirklich. Bis sie in einem Werbeversand ihrer Krankenkasse auf die Online-Schlaftherapie stiess.

Diese neue Therapieform, die von der Klinik für Schlafmedizin in Luzern entwickelt wurde und seit 2013 angeboten wird, kombiniert neue Technologien mit der klassischen Verhaltenstherapie, deren Wirksamkeit bei Insomnie mit zahlreichen Studien belegt ist. Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass psychische Störungen durch Trainieren neuer Verhaltensweisen geändert werden können.

Der Unterschied zu einer klassischen «Face-to-Face»-Therapie ist indes, dass man von seinem eigenen Wohnzimmer aus an den Therapiesitzungen teilnehmen kann.

Auf der anderen Seite der Therapieplattform sitzt aber ebenfalls ein Therapeut, der den Prozess begleitet. Die Behandlungsdauer ist auf maximal zwölf Wochen begrenzt. Das Therapeutenteam in Luzern besteht aus trainierten Psychologen, die Supervision erhalten und unter ärztlicher Leitung stehen.

Viel Arbeit für die Patienten

Im Frühling begann Anna Kim mit der ersten Sitzung. In den nächsten Wochen folgte viel Arbeit, zirka ein bis zwei Stunden wöchentlich. Denn der Therapeut wollte einiges über ihr Schlafproblem, ihre allgemeine gesundheitliche Situation bis hin zu biografischen Angaben erfahren. Dafür galt es, mehrere umfangreiche Fragebögen online auszufüllen. Und in einem Schreibauftrag forderte der Therapeut Anna Kim auf, ihre Schlafstörung möglichst genau zu beschreiben.

Weiter sollte ein Schlaftagebuch ihr helfen, dem eigenen Schlafverhalten auf die Spur kommen. Danach wurde ihre Bettzeit auf sechs Stunden reduziert, um dann die Bettzeit respektive die Schlafmenge auf das ihr eigene Schlafmass wieder zu steigern. Auf diese Weise trainierte sich Anna Kim ein neues Schlafverhalten an.

Bereits nach drei Wochen verspürte sie eine Verbesserung ihres Schlafes. Bis Ende Sommer konnte sie ihren Schlafmittelkonsum kontinuierlich zurückfahren und dann die Online-Therapie erfolgreich abschliessen. Den Schlaf hat sie inzwischen wieder gefunden und die Medikamente endgültig abgesetzt.

Ist Anna Kim nun geheilt? «Ja», glaubt sie selbst, «wenn ich nämlich ab und zu mal nicht einschlafen kann, weiss ich mir selbst zu helfen. Ich finde dank meines Schlaftagebuches stets heraus, warum, und kann mein Verhalten in der Folge wieder korrigieren.» Ausserdem sei sie heute fitter und gelassener. Dennoch: Anna Kim musste sich den Erfolg verdienen; der Therapieaufwand war gross und mit viel Schreibarbeit verbunden.

Strenge Ausschlusskriterien

Bis zu zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung leiden an einer Insomnie, das heisst an Ein- und Durchschlafstörungen. Die sozioökonomischen Folgekosten aufgrund Tagesmüdigkeit, verbunden mit Leistungsbeeinträchtigung und einer erhöhten Unfallgefahr, belaufen sich konservativ geschätzt auf über 1,5 Milliarden Franken.

Doch die meisten Betroffenen holen sich keine ärztliche Hilfe, nicht zuletzt auch, weil es nur wenige Schlaftherapeuten gibt und diese sich oft auf urbane Zentren konzentrieren.

Anna Kims Erfolg ist kein Einzelfall. «Drei von fünf Patienten sprechen gemäss einer Pilotstudie auf unsere Schlaftherapie an und genesen von ihrer oft langjährigen Schlaflosigkeit», sagt Remo Sigrist, Psychologe und Verantwortlicher des Therapeutenteams. Worauf basiert dieser Erfolg? «Am verhaltenstherapeutischen Ansatz, der heute Goldstandard bei chronischer Insomnie ist», so Sigrist.

Der Behandlungserfolg lässt sich auch auf die strengen Ausschlusskriterien zurückführen. Mit einer gründlichen Eingangsuntersuchung will man Menschen, deren Schlafstörungen mit anderen Krankheitsbildern wie Depressionen, Suizidalität oder Restless Legs zusammenhängen, herausfiltern, um diese einer anderen geeigneten Behandlung zuzuführen.

Remo Sigrist weist zudem auf die präventive Funktion hin, die die Online-Schlaftherapie auch hat und denkt dabei etwa an die Unfallprophylaxe.

Auch Esther Werth, Schlafspezialistin am Universitätsspital Zürich, ist überzeugt, dass für eine kleine Gruppe von InsomniePatienten dies eine gute Behandlungsstrategie ist.

Sie wendet jedoch ein, dass ein Grossteil der Insomnie-Betroffenen eine ursächliche Erkrankung wie Depressionen oder körperliche Erkrankung habe und daher den Einschlusskriterien nicht genügen würde. Zudem befürchtet die Schlafspezialistin eine Zurückhaltung bei der Kostenübernahme seitens der Krankenkassen.

Krankenkasse steigt ein

Offenbar nicht so bei der CSS, die als erste Kasse die Online-Schlaftherapie in ihren Leistungskatalog der Zusatzversicherung aufgenommen hat. Die vollen Kosten von 1700 Franken werden übernommen. Gespräche mit weiteren Kassen sind derzeit in Gange. Selbstzahler können laut Remo Sigrist ab Frühjahr 2015 berücksichtigt werden, weshalb das Angebot dann allen offen steht, auch für das deutschsprachige Ausland.