Für ein hochwertiges Produkt wie «Daylong baby» ist es das Verkaufsargument schlechthin: Die Sonnencreme mit Faktor 30 enthält ausschliesslich physikalische Sonnenschutzfilter – und verzichtet auf chemische Filter. Winzige mineralische Partikel aus Titan- und Zinkoxid absorbieren die UV-Strahlen und reflektieren sie wie Tausende kleine Spiegel. «Physikalische UV-Filter werden vor allem in Sonnencremes mit hohem Lichtschutzfaktor eingesetzt, sie sind für die empfindliche Haut von Kindern sehr geeignet», sagt Christoph Heinzen, Entwicklungsleiter bei Galderma Spirig in Egerkingen.

Nanoteilchen greifen Nerven an

Die meisten Sonnenschutzprodukte verwenden auch chemische Filter, welche die absorbierten Strahlen in Wärme umwandeln. Dank leistungsstarker Inhaltsstoffe sorgen sie zwar für einen guten Schutz gegen UVA- und UVB-Strahlen, werden aber von empfindlicher Haut schlechter vertragen. Auch stehen bestimmte chemische Filter in Verdacht, das körpereigene Hormonsystem zu beeinflussen, weil sie eine ähnliche Struktur haben wie Hormone. Durch Baden und Duschen gelangen diese Stoffe in den Wasserkreislauf und belasten die Lebensräume von Fischen und Amphibien.

Diesen Nachteil haben physikalische UV-Filter nicht. Damit aber solche Sonnencremes ihre Schutzwirkung entfalten und zudem nicht schmieren, müssen die mineralischen Teilchen massiv verkleinert werden. Die heutigen Produkte liegen im Nanobereich, definitionsgemäss unter 100 Nanometern (0,0001 Millimeter). Bei den Inhaltsstoffen von «Daylong baby» etwa, tragen die Angaben von Titan- und Zinkoxid den Zusatz «nano», entsprechend der neuen EU-Kosmetikverordnung, die seit Juli 2013 vorschreibt, Nanopartikel zu deklarieren. Mit dem revidierten Lebensmittelgesetz, welches das Parlament gestern beschlossen hat, wird sich die Schweiz der EU-Rechtsgebung voraussichtlich anpassen.

Nicht alle sind von dieser «Nano»-Deklaration überzeugt. Für den Wissenschafter Peter Wick von der Empa St. Gallen etwa, ist die Deklarationspflicht unnütz. «Der Zusatz ‹nano› liefert einzig eine Angabe zur Grösse der enthaltenen Teilchen, und eine Grösse an sich ist weder gefährlich noch ungefährlich», sagt Wick. Anders die Sicht von Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz: Für sie geht es um Transparenz. «Zu den Auswirkungen von Nanopartikeln auf Gesundheit und Umwelt gibt es kaum Langzeitforschung», kritisiert sie. Walpen findet es wichtig, dass «die Konsumenten dank der Deklaration selbst entscheiden können, ob sie Produkte mit Nanopartikeln anwenden wollen.»

Was hat es auf sich mit diesem Unbehagen? Gehen von Nanopartikeln gesundheitliche Risiken aus? Im Hautbereich
hat vor einigen Jahren das Projekt NanoDerm diese Fragen untersucht. Die Studien zeigten ebenso wie Untersuchungen der Industrie, dass Nanopartikel aus Sonnenschutzmitteln nicht durch die Haut in den Körper gelangen. Sie bleiben auf der Oberfläche kleben. Die Forscher kamen zum Schluss, es bestünden keine gesundheitlichen Risiken, und auch Peter Wick betont: «Der Nutzen der mineralischen UV-Filter für die intakte Haut ist gegeben.»

Der Kniff der Nano-Technologen

Anders ist die Situation bei der alternden oder geschädigten Haut. Ob auch dort eine ausreichende Barriere besteht, um die Winzlinge aus Titan- oder Zinkoxid vor dem Eindringen in den Körper zu bewahren, ist gemäss Peter Wick noch «offen». Dass damit nicht zu spassen ist, haben die Labor- und Tierversuche des US-Forschers Georgios Sotioriou kürzlich gezeigt: Zinkoxid-Nanopartikel greifen die Nervenzellen an, und in der Lunge wirken sie akut toxisch. Nicht abschliessend geklärt ist zudem, wie Nanopartikel auf der Haut reagieren, wenn sie mit Lösungsmitteln wie Alkohol in Kontakt kommen. Die meisten der gängigen Sonnensprays enthalten Alkohol.

Um toxische Risiken der Nanopartikel zu mindern, greifen die Hersteller zu einem Kniff: Sie geben die Zink- oder Titanoxid-Winzlinge nicht «nackt» in die Formulierungen, sondern beschichten sie mit einem «Mantel», beispielsweise aus Siliziumoxid, dem Hauptbestandteil von Sand. So beschichtet, ballen sich die Nanopartikel nicht zu Verbünden zusammen, wie Peter Wick erklärt. Das heisst: Die Creme klumpt nicht, sondern bleibt geschmeidig und angenehm aufzutragen. Die Hülle verhindert zudem, dass sich mineralische Moleküle herauslösen, und der mineralische Filter behält trotz Beschichtung seinen Schutz vor UV-Strahlung.

«Safer by design» heisst der Kniff – eine gängige Strategie in der Nanotechnologie. Mit «safer by design» wollen Hersteller ihre Produkte so sicher wie möglich machen, ohne dadurch die Innovation zu schmälern. Wie ihnen dies gelingt, etwa beim Beschichten der Teilchen, ist sehr verschieden. Jedes Unternehmen versucht, mit einer möglichst innovativen Technologie einen Wettbewerbsvorteil herauszuholen.

Die «Nano»-Deklaration bei den Inhaltsstoffen ist also für den Käufer letztlich nur eine Worthülse, denn sie lässt keine Rückschlüsse über die Beschichtungsmethode oder andere technologische Details zu. Wie also soll man beurteilen, ob man eine gute Sonnencreme gekauft hat? «Neben der Haptik und dem Bauchgefühl zählt vor allem das Ergebnis: keinen Sonnenbrand zu bekommen», meint Peter Wick lakonisch. «Viel mehr objektive Kriterien hat der Konsument nicht.»