Die Spanische Grippe war eine Grippe-Epidemie. Vielleicht die grösste und schrecklichste, die wir kennen. Weltweit tötete sie um die 50 Millionen Menschen. Auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs fielen etwa 10 Millionen junge Männer. Etwas mehr Tote forderte der Krieg unter der Zivilbevölkerung: knapp 11 Millionen. Die Zahlen schwanken enorm. «Spanisch» hiess die Grippe, weil die ersten Medienberichte im Mai 1918 aus Spanien kamen. Das Land war im Ersten Weltkrieg neutral und hatte keine so strenge Pressezensur wie die kriegführenden Mächte. Und der König hatte die Grippe.

Ente – Schwein – Mensch

Ihr Erreger war ein Influenzavirus vom Typ A/H1N1. Der Typ A ist einer von drei Typen von Influenzaviren, er kann sich von Mensch zu Mensch ausbreiten. H und N sind die Bezeichnungen für zwei Moleküle, Hämagglutinin und Neuraminidase. Etwas zugespitzt formuliert, dient der H-Teil zum Eindringen in die Wirtszelle und der N-Teil zum Verlassen. 16 H-Varianten hat man gefunden und 9 N-Varianten. Bis jetzt haben es H1, H2 und H3 geschafft, sich mit wechselnden N-Partnern von Mensch zu Mensch zu verbreiten. H5 und H7 haben es versucht.

Besondere Angst hat man vor H5-Subtypen, weil sie sich sehr schnell verbreiten können und eine hohe Sterblichkeit zur Folge haben. Als «Hauptlabor» kommen vor allem Schweine infrage, weil sie sich sowohl an den H1-Subtypen wie auch an den H5-Subtypen anstecken, die vor allem in Vögeln vorkommen. Dort finden die verschiedenen Typen zusammen, dort findet auch eine Rekombination der Bestandteile statt. Das Grippevirus kann in so verschiedener Gestalt daherkommen, dass es nicht möglich ist, vorauszusagen, welcher Typ die nächste Welle auslöst.

Das alles wusste man 1918 nicht. Es hätte allerdings auch nicht viel geholfen. Das Grippevirus ist heimtückisch, es ist dann sehr virulent, wenn der Infizierte noch keine Symptome verspürt. Im Herbst 1918 hatte in Europa auch noch andere Sorgen. Eigentlich war klar, dass die Mittelmächte den Krieg nicht gewinnen konnten. Nur wollte man das nicht wahrhaben und vor allem den Leuten nicht mitteilen. Immerhin stand die deutsche Armee noch weit in Frankreich und Russland hatte man einen schmählichen Siegfrieden aufgedrückt. Die grosse Offensive, welche den Krieg entscheiden sollte, blieb aber stecken. Und den Generälen war die Grippe als Ausrede gerade recht.

Die Offensive war nötig, weil seit 1917 immer mehr Soldaten aus den USA nach Europa kamen. Sie verschoben nicht nur die Kräfteverhältnisse, sondern brachten auch den Grippeerreger mit. Und der fand in den vom Krieg ausgezehrten Menschen in Europa leichte Opfer. Er wütete unter den Soldaten wie auch unter der Zivilbevölkerung. Die zweite Welle tötete zum Beispiel in Deutschland mehr Frauen als Männer. Vielleicht weil die Männer an der Front bereits die erste Welle überstanden hatten. In der Schweiz starben mehr Männer als Frauen, insgesamt 1918/1919 rund 24 000 Menschen. Während einer «normalen» Grippewelle sterben vor allem ältere Menschen und kleine Kinder. Bei der Spanischen Grippe war das anders: Sie wütete vor allem unter jungen Männern. Warum das so war, ist ungeklärt. Wie weit die Verhältnisse eine Rolle spielten, ist auch nicht ganz klar. Aber wenn so viele Menschen so eng zusammenleben, überrascht nicht, dass sich ein Grippevirus leicht ausbreitet.

Hat die Spanische Grippe den Ersten Weltkrieg entschieden? Nein. Aber verkürzt? Sehr wahrscheinlich ja. Ludendorff, der deutsche Generalissimus, notierte: «Bei den Engländern die Tanks, bei uns Kartoffeln und Grippe.» Aber er hatte – wie erwähnt – eine vielleicht etwas enge Sicht auf die Verhältnisse.

Die nächste Welle

Der Massentod kam aus dem Nichts, schreiben die Historiker. Das stimmt nur bedingt. Die Erreger, die Viren, gab es schon sehr lange. Aber der Mensch ist eine sehr junge Primatenart. Und weil er sich in den letzten Jahrhunderten ausgebreitet und vermehrt hat wie noch kein grösseres Tier vor ihm, bietet er sich als Wirt geradezu an. Sein Verhalten unterstützt das. Er zerstört den Lebensraum von vielen Tieren, die bisher als «Reservoir» von Viren gedient haben. Warum es besonders Fledertiere sind, weiss man nicht recht. Aber die meisten Killer hat man bei ihnen gefunden. Über «Verstärkerwirte», Tiere, in denen sich das Virus schnell vermehrt, erreicht es irgendwann den Menschen.

Werden uns Viren irgendwann ausrotten? Wenn man der Natur ihren Lauf lässt, wäre das möglich. Bei Schmetterlingen beobachtet man ein Auf und Ab: Massenvermehrung folgt praktisches Aussterben. Der Grund dafür sind Kernpolyederviren (nuclear polyhedrosis viruses; NPV), die sich unter den Raupen explosionsartig verbreiten und sie praktisch auffressen.

Der Mensch hat die Möglichkeit, dem Lauf der Natur auszuweichen: durch sein Verhalten. Er kann einen Seuchenausbruch zwar nicht verhindern, aber er kann auf ihn reagieren. Das war der Fall 2002/2003 bei SARS, einem hochinfektiösen und hochgefährlichen Virus. Es gelang, den Erreger zu stoppen. Aber er ist immer noch da. Fledermäuse sind sein Reservoir. Gefährlich wurde er durch den Larvenroller, eine Art Marder. Er diente als «Verstärkerwirt», und weil es in bestimmten Gegenden von Asien chic ist, möglichst alles, was wild ist, zu essen, kam die Pandemie in Gang. Der SARS-Erreger verbreitete sich blitzschnell. Aber wenn sich Menschen in Flugzeuge setzen, die ihn tragen, aber keine Symptome haben, überrascht das nicht. Auch die Ebola-Ausbrüche der letzten Jahre bekam man früher oder später unter Kontrolle.

Ausrotten lassen sich diese Infektionen kaum. Denn sie kommen aus der Natur. Es handelt sich um sogenannte «Zoonosen». Viren, die von ihren gewohnten Wirten auf uns überspringen. Weil sie können oder weil sie müssen, weil wir ihren Wirten zu Leibe rücken. Ausrotten können wir die Pocken (gelungen) und allenfalls die Kinderlähmung. Denn das sind «unsere Viren» und sie haben sonst keine Wirte.